Wie (un-)persönlich ein Poet in Residence sein kann

Esther Kinsky bei ihrer ersten Poetikvorlesung in Essen. Bild: Andreas Erb

Der Poet in Residence diesen Sommer (2019) in Essen zeichnet sich in einem bemerkenswerten Kontrast aus. Das, was von Esther Kinsky erbracht wurde, unterscheidet sich grundsätzlich von dem, was sie mit ihren Worten zu vertreten erschien. Parallel unterscheiden sich meine Eindrücke von dem, was andere (zu recht) empfinden.

Für alle Anwesenden sind die Schwächen dieser Woche mit der Poetin ersichtlich: Die Kürze der Vorträge, ständige Wiederholungen, die in Redundanz ausarteten, das Vorlesen aus den Werken in zu großen Anteilen (wofür die Lesung am Ende gedacht ist); dass die Poetik nur zwischen den Zeilen zu finden war, wo sie doch im Vordergrund stehen sollte, als Hauptthema, als maßgebender Inhalt. Geschweige vom Desinteresse seitens Esther Kinsky, mit dem örtlichen Publikum zu sprechen. Allgemeine und gerechtfertigte Unzufriedenheit ist das Ergebnis. Weiterlesen „Wie (un-)persönlich ein Poet in Residence sein kann“

Fundstück: 20. poesiefestival berlin

Dagmara Kraus, eine der mitwirkenden Autor*innen, Bild: Marcin Wezowski

Unter dem Motto Endlich Zeit für Sprache findet vom 14.06.-20.06.2019 das diesjährige poesiefestival berlin statt. Organisiert vom Haus für Poesie ist es europaweit die größte Veranstaltung ihrer Art, die seit 2000 jährlich rund 150 internationale Dichter*innen und Künstler*innen nach Berlin bringt. Ort des Geschehens ist die Akademie der Künste, in der im Rahmen eines vielfältigen Programms Raum für internationale Poesie in Verbindung mit Kunst, Theater, Performance, Musik, Film sowie digitalen Medien geschaffen wird. Das Programm ist für jegliche Altersgruppe konzipiert – darunter fallen beispielsweise die in sieben Sprachen gestaltete Eröffnungsperformance Weltklang – Nacht der Poesie, die Ausstellung Aubergine mit Scheibenwischer – Die Zeichnungen von Oskar Pastior, die Lesung und Gesprächsrunde Queer Poets. Queer Voices – 50 Jahre Stonewall, der ZEBRA-Poesiefilmclub Sprachgewalt sowie ein mit digitaler Poesie gefüllter Abend, der unter dem Titel datenschemen & zeichensprachen Machtstrukturen infrage stellt und Sprache neu erlebbar macht. Über das Instagram-Profil des Hauses für Poesie sowie in der Facebook-Veranstaltung @poesiefestivalberlin können aktuelle Informationen zu dem Festival abgerufen werden. Content verschiedenster Art kann in den sozialen Netzwerken zudem mit dem Hashtag #poesiefestivalberlin2019 versehen und mitverfolgt werden.

Super Mario und Heinrich Heine?

Jump ’n’ Run erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit. Bild: CCO pixabay

Computer- und Videospiele sind aus unserer heutigen Lebenswelt nicht mehr wegzudenken. Vielen Menschen fiele es sicherlich leichter, ihr Leben lang auf Lyrik als auf ihr geliebtes Videospiel zu verzichten. Doch was spricht dagegen beides miteinander zu vereinen? Seit den 1950er-Jahren setzen sich Künstler*innen und Programmierer*innen weltweit mit den poetischen Nutzungsmöglichkeiten des Mediums Computer auseinander, wobei in der Anfangszeit vor allem mit computergenerierten Texten experimentiert wurde. Mit Erscheinen der Textadventures Adventure und Zork, in denen die Spieler*innen durch eigene Texteingaben den Verlauf und das Fortschreiten der Handlung steuern konnten, begann in den 1970er-Jahren der weltweite Siegeszug der Computer- und Videospiele. 1981 veröffentlichte Nintendo das als erste geltende Jump ʼnʼ Run Donkey Kong, in dem der sog. „Jumpman“ (heute bekannt und geliebt als „Super Mario“) mittels Laufen und Springen Hindernisse überwindet, um seine Freundin „Pauline“ aus den Klauen des Affen „Donkey Kong“ zu befreien. Die Abkehr von der Vorstellung des Raums und des Geschehens durch reine Textbausteine und die Zuwendung zur Visualisierung durch graphische Elemente eröffneten Programmierern und Programmiererinnen komplexere Handlungsstränge und Interaktionen zwischen den Figuren in die Spiele einzuweben. Dies weckte das Interesse von Literaturwissenschaftlern und Literaturwissenschaftlerinnen, die sich seitdem mit den narrativen Strukturen von Computer-/Videospielen auseinandersetzen. Weiterlesen „Super Mario und Heinrich Heine?“

Literatur erfahren – das Kollektiv »kaboom« lässt neue Rezeptionsformen entstehen

Margaret Schlenkrich und Carolin Schmidt sind das Kollektiv »kaboom«, Bild: Claudia Katzmarski

Die Literaturwissenschaftlerin Carolin Schmidt und die Szenografin Margaret Schlenkrich bilden zusammen das 2018 ins Leben gerufene Berliner Kollektiv »kaboom«. In Gestalt verschiedener Projekte wollen sie neue Zugänge zur Literatur schaffen, mit Wort- und Raumebenen experimentieren, den gegenseitigen literarischen Austausch anregen sowie Texte lebendig werden lassen. Weiterlesen „Literatur erfahren – das Kollektiv »kaboom« lässt neue Rezeptionsformen entstehen“

Fundstück: Die Klassiker der Literatur ab jetzt auch in Jugendsprache erhältlich

Friedrich von Schiller. Bild: pixabay

Ehrenmann/ Ehrenfrau ist das Jugendwort 2018. Festgelegt wurde es auch dieses Jahr vom Langenscheidt-Verlag, der das ausgewählte Wort aus der Jugendsprache mit im Duden aufnimmt. Der Stark Verlag knüpft daran an und hat sich zum Ziel gesetzt seine junge Leserschaft für klassische Literatur zu begeistern. Seit 1976 begleitet der Verlag Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene durch ihre nervenaufreibende Schulzeit. Dabei stehen die Bedürfnisse der Lernenden im Fokus, so entstand die Social-Media-Kampagne die Schiller, Goethe und Co. für Jugendliche im Netz präsent machen soll. Die Übersetzung in Jugendsprache verwandelt den Satz „Kein Bündnis ist mit dem Gezüchte der Schlangen“ aus Schillers „Maria Stuart“ in den durchaus eingängigen Slogan „Hör auf zu snitchen, du 31er“. Auf den ersten Blick erscheint jedoch weder das eine noch das andere wirklich leicht verständlich. Unterschiedliche Motive werden als Google-Anzeige über Facebook, Instagram, Youtube und Snapchat Schüler und Schülerinnen angezeigt, um ihr Interesse für die klassischen Werke zu wecken. Die angeworbenen Dichter und Autoren sowie ihre Figuren und Geschichten werden auf der Stark-Fanseiten rezipientengerecht vorgestellt.

INSTAPOETS: RUPI KAUR & CO

Bild: CCO Julia Bergemann

War es vor einigen Jahren kaum noch möglich, mit Gedichtbänden erfolgreich zu sein, so wächst das Interesse junger Leute an Lyrik heutzutage immens. Es sind nicht mehr nur die altbekannten Backlist-Titel, die über die Ladentheke gehen – vielmehr haben sich Online-Kanäle wie Twitter oder Instagram zu Plattformen für die Verbreitung von (Dicht-)Kunst etabliert, die im besten Fall auch irgendwann in gedruckter Form erscheint. Die Netzwerke sind bestückt mit Poesie für ein Publikum jeder Altersklasse. Aktuell, weltoffen und voll von Emotionen, die LeserInnen abholen, mitreißen und die Möglichkeit zur Identifikation bieten.  Weiterlesen „INSTAPOETS: RUPI KAUR & CO“

Ein Vierteljahrhundert open mike

Bühne frei für den Nachwuchs: Am 11. und 12. November 2017 fand in Berlin zum 25. Mal der open mike statt. Bild: CC0 pixabay.com

open mike – das steht für neue, frische und vor allem junge Literatur. Seit mittlerweile 25 Jahren werden bei diesem Wettbewerb junge deutschsprachige Nachwuchsliteraten in den Kategorien „Lyrik“ und „Prosa“ ausgezeichnet.  Die diesjährigen PreisträgerInnen: Mariusz Hoffmann, Ralph Tharayil (beide Prosa) und Ronya Othmann (Lyrik) sowie Baba Lussi (taz-Publikumspreis).

Weiterlesen „Ein Vierteljahrhundert open mike“

Fundstück: Poesie im Internet

Welttag der Poesie; pixabay CC0

Seit dem Jahr 2000 gilt der heutige Tag als „Welttag der Poesie„. Vor nun ziebzehn Jahren legte die UNESCO also den 21.03. als Datum fest. Seitdem solle an diesem Tag an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnert sowie der interkulturelle Austausch gefördert werden  – wenn das keine gute Gelegenheit ist, sich mal anzuschauen, was das Internet im Hinblick auf poetische Werke so zu bieten hat. Aus diesem Grund ist an dieser Stelle die mit dem Grimme Online Award prämierte Internetplattform Lyrikline zu empfehlen. Dort lassen sich Gedichte im Originalton, Originaltext und in deutscher Übersetzung finden. Darunter befinden sich Gedichte aus aller Welt: Insgesamt werden 10.000 Gedichte von mehr als 1.100 Dichtern auf knapp 70 Sprachen präsentiert. Für Poesieliebhaber lohnt sich der Blick auf das weltweit größte Online-Portal für zeitgenössische Dichtung also allemal!

Roboter auf Twitter: Zwischen Literatur und Meinung

Mit demTuring-Test kann eine Person durch das Stellen von Fragen herausfinden, ob ein Mensch oder eine Maschine antwortet. Für Socialbots gibt es noch keine eindeutige Methode, die Maschine zu entlarven. Bild: CC BY-SA 3.0 Hugo Férée
Mit dem Turing-Test kann eine Person durch das Stellen von Fragen herausfinden, ob ein Mensch oder eine Maschine antwortet. Für Socialbots gibt es noch keine eindeutige Methode, die Maschine zu entlarven. Bild: CC BY-SA 3.0 Hugo Férée

Können Maschinen Literatur schreiben? Schaut man sich die Vielzahl der literarischen Twitterbots an, lautet die Antwort: ja. Bots sind Accounts auf Twitter, hinter denen sich kein Mensch, sondern eine Software verbirgt, die automatisch twittert, retweetet oder anderen Usern folgt. Manche Twitterbots sind praktisch. Einige Zeitungen beispielsweise nutzen Twitterbots zum automatischen Retweeten von Nachrichten zu bestimmten Themen. Andere Twitterbots machen Literatur: Da gibt es den @JustToSayBot, der das Gedicht „This is just to Say“ von William Carlos Williams stündlich in Variationen mit zufälligen Wörtern twittert, oder den Bot, der Schneeballgedichte generiert, um nur zwei Beispiele zu nennen. Seit es Computer gibt, gibt es auch Versuche, literarische Texte von Algorithmen schreiben zu lassen. Vor allem mit dem Aufkommen der digitalen Literatur in den 1990er Jahren wurde diese Idee in Form von Lyrik-Generatoren in die Realität umgesetzt und hinterfragte damit das Verständnis von Autorschaft und Originalität. Weiterlesen „Roboter auf Twitter: Zwischen Literatur und Meinung“

Fundstück: Lyrik ohne Buchimitation in der Edition Binaer

Der Lyrik-Code verbessert das Leseerlebnis. ©Verlagshaus Berlin
Der Lyrik-Code verbessert das Leseerlebnis. ©Verlagshaus Berlin

Innovation im Lyrikbereich: Mit der Edition Binaer ist endlich Schluss mit der Buchimitation auf den elektronischen Geräten! Das Verlagshaus Berlin hat einen eigenen Lyrik-Code entwickelt, mit dem die Form eines Gedichts auf dem E-Reader besser dargestellt werden kann. Es besteht aus einer Anzahl von Zeichen, die nur dann in Erscheinung treten, wenn sie vom Leser benötigt werden. So kann jeder selbst entscheiden, wann der E-Reader ihm Zeilenumbrüche, Einschübe oder andere Raffinessen anzeigen soll.

Die herkömmliche Gestaltung, wie etwa die wie in Romanen umbrochene Schrift, sorgte bislang dafür, dass Struktur und Rhythmik eines Textes unter Umständen zerstört wurden. Dank des Lyrik-Codes gehört dieses Problem der Vergangenheit an.

Erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert wird das Projekt auf der Leipziger Buchmesse am 19.03. Die ersten vier E-Books mit Texten von Crauss., Lea Schneider, Sebastian und Tillmann Severin, Max Czollek, Martin Piekar und Jan Kuhlbrodt erscheinen am 15. März 2016.