Wie (un-)persönlich ein Poet in Residence sein kann

Esther Kinsky bei ihrer ersten Poetikvorlesung in Essen. Bild: Andreas Erb

Der Poet in Residence diesen Sommer (2019) in Essen zeichnet sich in einem bemerkenswerten Kontrast aus. Das, was von Esther Kinsky erbracht wurde, unterscheidet sich grundsätzlich von dem, was sie mit ihren Worten zu vertreten erschien. Parallel unterscheiden sich meine Eindrücke von dem, was andere (zu recht) empfinden.

Für alle Anwesenden sind die Schwächen dieser Woche mit der Poetin ersichtlich: Die Kürze der Vorträge, ständige Wiederholungen, die in Redundanz ausarteten, das Vorlesen aus den Werken in zu großen Anteilen (wofür die Lesung am Ende gedacht ist); dass die Poetik nur zwischen den Zeilen zu finden war, wo sie doch im Vordergrund stehen sollte, als Hauptthema, als maßgebender Inhalt. Geschweige vom Desinteresse seitens Esther Kinsky, mit dem örtlichen Publikum zu sprechen. Allgemeine und gerechtfertigte Unzufriedenheit ist das Ergebnis. Weiterlesen „Wie (un-)persönlich ein Poet in Residence sein kann“

Fundstück: Holocaust-Gedenken auf Instagram

Anders als eine museale Gedenkstätte, sprechen die Stories die User direkt an. Bild: Holocaust-Mahnmal in Berlin. CCO pixabay

Stolz hält die 13 jährige Eva ihre neuen Schuhe in die Kamera, erzählt von ihrem Schwarm und tanzt mit ihrer besten Freundin. Sie lebt ein ganz normales Teenagerleben – bis ihre Heimatstadt von den Nazis eingenommen wird.

Der Instagram-Account eva.stories erzählt in insgesamt 70 Stories das Schicksal des jungen Mädchens vom Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn bis zur Deportation nach Auschwitz. Die Geschichten basieren auf den Tagebüchern der ungarischen Jüdin Éva Heyman, die im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Ihr Tagebuch beginnt an ihrem 13. Geburtstag im Februar und endet im Juni mit der Deportation. Die Bildsprache der kurzen Stories ist an die aktuellen Sehgewohnheiten von Jugendlichen adressiert, die sich so mit Eva identifizieren können, ohne über Vorwissen verfügen zu müssen. Geschickt adaptieren die Stories die sehr intime Wirkung eines Tagebuchs in die digitalen Kanäle der sozialen Medien.

Auf diese Weise schlägt das Projekt eine neue Richtung ein, um junge Menschen für den Holocaust zu sensibilisieren und die Erinnerung daran aufrecht zu erhalten. Ob sie das Bewusstsein für den Schrecken des Genozids schärfen und ihn nicht nur leicht konsumierbar machen, muss sich jedoch noch zeigen.

Ruhrfestspiele Recklinghausen

Das neue Logo der Ruhrfestspiele. Bild: CC BY-SA 4.0 Ruhrfestspiele

Es ist wieder soweit: Die 73. Ruhrfestspiele starten heute unter dem spannenden Motto „Poesie und Politik“. Sie sind ein Grund, warum das Ruhrgebiet als kulturell lebendiges Zentrum angesehen werden kann. Durch eines der größten, ältesten und renommiertesten Theaterfestivals Europas verwandelt sich Recklinghausen vom 1. Mai bis zum 9. Juni in eine internationale Kulturmetropole. Neben Tanz, Theater, Film und Musik spielt natürlich auch Literatur eine große Rolle.

Unter der neuen Intendaz von Olaf Kröck geht es um Themen, die die Lebenswirklichkeit betreffen wie das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Abschottungsfantasien in Europa. Die Auseinandersetzung mit politisch relevanten Fragen zeigt sich in rund 210 Veranstaltungen und 90 Produktionen, an denen mehr als 850 Künstler*innen aus 16 verschiedenen Ländern beteiligt sind, darunter Israel, Großbritannien, Indien, Deutschland, Frankreich, Namibia, USA, Niederlande, Griechenland und Ukraine. Zu sehen sind sie in rund 16 Spielstätten: im Ruhrfestspielhaus, der Halle König Ludwig 1/2 und Theater Marl, in der Recklinghäuser Innenstadt, der Christuskirche und in zahlreichen weiteren Orten. Weiterlesen „Ruhrfestspiele Recklinghausen“

Was hinter der Verzauberung der Welt steckt. Fragerunde mit Andreas Eschbach

Christian Krumm (links) und Andreas Eschbach (rechts) verdient zufrieden nach der erfolgreichen letzten Seminarssitzung. Bild: Christian Krumm

Sollten Autor*innen etwas über sich verraten, dann meistens in einem Interview (seltener Poetikvorlesungen). Daran ist nichts falsch, nur stehen solche Treffen unter einem gewissen Stern. Es gibt einen Kontext (oft ein neues Buch oder ein Ereignis) und eine dritte Partei (die Zielgruppe), die angesprochen werden soll, was beiden Seiten konstant bewusst ist; wie ein Riese, der seinen Schatten wirft. Es fehlt eine Gelassenheit, einfach über etwas zu reden, vor allem, wenn fünf Minuten angesetzt sind und sich der volle Terminkalender bemerkbar macht. Daher ist es immer interessant und faszinierend, sobald man die Möglichkeit hat, ohne einen solchen (engen) Rahmen Fragen stellen zu können; die Antworten sind erfrischend. Weiterlesen „Was hinter der Verzauberung der Welt steckt. Fragerunde mit Andreas Eschbach“

70-jähriges Jubiläum der Internationalen Jugendbibliothek

Bild: CCO pixabay

Bücher dienen „als Friedensboten“. Gerade in Zeiten eines aufflammenden Rechtsrucks in ganz Europa hat Jella Lepmans Botschaft gegen Rassismus und Ressentiments nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Vor 70 Jahren, im September 1949, gründete die jüdische Journalistin (1891-1970) die Internationale Jugendbibliothek als Zeichen für Frieden und Völkerverständigung. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs betonte sie die Relevanz von Literatur für die Nachkriegszeit immer wieder. So wurde ihr Anliegen zum Leitsatz der Bibliothek. Besonders Jugendliteratur soll Kinder bereits früh aus verschiedenen Kulturen zusammenbringen und eine freie Weltanschauung stärken.

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Fundstück: Karneval und Literatur

Die Maskierung ist großer Bestandteil der karnevalesken Lachkultur. Bild: CCO pixabay

Karneval und Literatur, passt das zusammen? Zumindest der russische Literaturwissenschaftler Michail Michailowitsch Bachtin würde diese Frage mit „ja“ beantworten. In seinem Werk Rabelais und seine Welt bezeichnet er die Vorstellung vom mittelalterlichen Karneval als Lachkultur des Volkes, die dazu dient, sich von der Angst zu befreien und die Machtverhältnisse durch eine Maskierung umzukehren. Daher gilt das Prinzip des Karnevals als eine Ausdrucksform der unterdrückten und sozial schwachen Gruppen, die sich durch eine polyphone, anti-hierarchische, dialogische Kommunikation auszeichnet. Neben Rollentauschen und Narrengerichten gab es im Mittelalter in einigen Städten sogenannte Narrenbücher, in denen das ganze Jahr über peinliche Missgeschicke und asoziale Verhaltensweisen der Gemeindemitglieder festgehalten wurden. In der Faschingszeit wurden diese Verfehlungen dann zur Freude der Anwesenden und zur Bloßstellung des Betroffenen vorgelesen. Für Bachtin gehören aufgrund ihrer Polyphonie auch Romane wie die Dostojewskis oder der sokratische Dialog zur Lachkultur.

Heute, an Altweiber, ziehen besonders in den Karnevalshochburgen wieder viele Kostümierte durch die Straßen. Denn der Donnerstag vor Rosenmontag, Faschingsdienstag und Aschermittwoch kennzeichnet den Beginn des Straßenkarnevals. Auch digital ist einiges los. Werden sie im Jahr fast gar nicht besucht, schnellen die Klickzahlen für die Webseiten rund um den Karneval in der fünften Jahreszeit rasant in die Höhe. Seien es Online-Shops, Narren-Communities oder Karnevalsgruppen auf den Social-Media-Plattformen: Hier findet jeder Jeck, was er sucht. Und da niemand an Karneval ohne Handy loszieht, tummeln sich auch Unmengen an Apps im Netz. Da gibt es zum Beispiel das Schlagerradio, die Jeck App inkl. Schunkelbarometer oder verschiedene Serviceapps. So steht einer guten Vorbereitung auf jeden Fall nichts mehr im Wege.

Tolkien in aller Munde

 

J.R.R. Tolkiens bekanntestes Werk „Der Herr der Ringe“ Bild: Malin Zinke

Anfang des Monats wäre der Schöpfer des größten Fantasy-Universums 127 Jahre alt geworden. Die deutsche Erstausgabe der Der Herr der Ringe-Trilogie feiert in diesem Jahr 50-jähriges Jubiläum. Die Oscarprämierte Verfilmung von Peter Jackson erlebt(e) an drei Terminen im Januar eine Rückkehr auf die Kinoleinwände. Außerdem kurieren Gerüchte über ein Biopic des Vaters von Mittelerde, mit dem einfachen Namen Tolkien, welches noch dieses Jahr in die Kinos kommen soll. Tolkien auf allen Kanälen sollte man also meinen. Aber wie sieht es mit dem Trend-Medium schlechthin, dem Podcast aus? Weiterlesen „Tolkien in aller Munde“

Literatur erfahren – das Kollektiv »kaboom« lässt neue Rezeptionsformen entstehen

Margaret Schlenkrich und Carolin Schmidt sind das Kollektiv »kaboom«, Bild: Claudia Katzmarski

Die Literaturwissenschaftlerin Carolin Schmidt und die Szenografin Margaret Schlenkrich bilden zusammen das 2018 ins Leben gerufene Berliner Kollektiv »kaboom«. In Gestalt verschiedener Projekte wollen sie neue Zugänge zur Literatur schaffen, mit Wort- und Raumebenen experimentieren, den gegenseitigen literarischen Austausch anregen sowie Texte lebendig werden lassen. Weiterlesen „Literatur erfahren – das Kollektiv »kaboom« lässt neue Rezeptionsformen entstehen“

Kein Weihnachten ohne Bücher! Teil 4

Wer einen Adventskranz besitzt, darf ab heute alle vier Kerzen anzünden. Bild: CCO pixabay

Morgen ist es endlich so weit: Heiligabend steht vor der Tür. In vielen Haushalten steht am 24. Dezember vormittags aber noch einiges an. Denn das Essen für die Weihnachtsfeiertage will vorbereitet, letzte Geschenke eingepackt und die Wohnung aufgeräumt und geputzt werden. Wer bis dahin, an den Feiertagen, oder zwischen den Jahren einen Moment der Ruhe findet, kann sich hier unsere fünf letzten Buchempfehlungen für die kalte Jahreszeit anschauen:
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#verlagegegenrechts: Für die Politisierung der Buchbranche

Unter dem Hashtag #verlagegegenrechts setzt die Kampagne auch im Netz Zeichen.
Bild: http://verlagegegenrechts.de/

Die aktuellen politischen Diskussionen bezüglich des Rechtsextremismus in unserer heutigen Gesellschaft gehen auch an der Verlagswelt nicht vorüber. Bereits 2016 hat das Aktionsbündnis #verlagegegenrechts erste Aktionen auf der Leipziger Buchmesse gestartet, um gegen rassistische Gedanken zu protestieren.  Das Netzwerk #verlagegegenrechts bringt Menschen zusammen, die sich in der Verlagsbranche politisch einsetzen und die Präsenz nationalistischer und rassistischer Verlage, Verleger*innen und ihren Autor*innen kritisieren.

Über 80 Verlage, 200 Einzelpersonen und Initiativen haben sich mittlerweile dem Bündnis angeschlossen. Dazu gehören unter anderem die Büchergilde Gutenberg, der Büchner-Verlag sowie die Heinrich-Böll-Stiftung e.V. Das ganze Jahr über diskutiert das Bündnis auf Podien und plant weitere Aktionen. Vor allem aber organisiert es Veranstaltungen auf der Frankfurter und Leipziger Buchmesse. Dass es wichtig ist, sich gegen rassistische Gedanken einzusetzen und zu protestieren, zeigt die Kampagne auch auf der eigenen Website und Facebook-Seite. Dort werden Veranstaltungen angekündigt und aktuelle Statements und Positionen geteilt. Auf der Website finden sich regelmäßig Blogbeiträge, die zeigen: Es ist wichtig sich gegen Rechts zu positionieren und sich für eine Politisierung der Buchbranche einzusetzen. Darüber hinaus gibt es regelmäßige Treffen der aktiven Teilnehmer, bei denen anstehende Veranstaltungen geplant werden.

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