Lyrik für den Sommer: Gedichte von Jan Wagner

Gedichtband "Selbstporträt mit Bienenschwarm" liegt auf einem Tisch neben einer Sonnenblume

Jan Wagners Gedichtband „Selbstporträt mit Bienenschwarm“ (Bild: Elena Hesterkamp)

Bei der Rede von Gedichten kommt vielen der Deutschunterricht in den Sinn: Was war noch gleich der Unterschied zwischen Jambus und Trochäus? Die Wahrheit ist: Den muss man nicht kennen, um Gedichte zu genießen. Lyrik gehört nicht nur in Erinnerungen an die Schulzeit. Nein, sie gehört gelesen, sie gehört in unseren Alltag. Sollten wir alle nun den alten Schiller entstauben? Muss nicht sein. Die heutige Zeit hat ihre eigenen Dichter*innen. Einer, der mit dem Dichten – zurecht – erfolgreich ist, ist Jan Wagner. Selbstporträt mit Bienenschwarm ist eine Sammlung ausgewählter Texte aus sieben seiner Bände. Es lohnt sich, sie zu entdecken.

Wagner setzt die lyrische Lupe an

2017 erhielt Jan Wagner mit dem Georg-Büchner-Preis die angesehenste Auszeichnung für Literatur in Deutschland. Laudator Aris Fioteros erklärte, Wagner sei ein „Dichter der irdischen Vielfalt und der kleineren Dinge“. Seine Gedichte tragen Titel wie fish&chips, maulbeeren, zwetschgen, koalas oder gecko; beim ersten Blättern durch den Gedichtband könnte der Verdacht aufkommen, Wagner schreibe ausschließlich über Essen, Pflanzen oder Tiere. Doch dem ist nicht so. Tatsächlich widmet sich Wagner mit Vorliebe seiner Umgebung – und zu dieser gehört auch die Natur. Als „Naturlyriker“ will er sich aber nicht bezeichnen (lassen), da damit „immer auch die Flucht ins Idyll, eine Abkehr von der Realität“ unterstellt werde, wie er in einem Interview mit der Welt-Zeitung 2017 sagte. Wagner kehrt der Realität nicht den Rücken zu, nein, er setzt die lyrische Lupe an. In seinen Texten bietet er vermeintlich Belanglosem eine Bühne. Zwischen Gedichten über Grottenolme und Champignons finden sich ebenso solche über Teebeutel, eine Zugfahrt und einen Friseurbesuch.

Hinter simplen Titeln verbirgt sich Unerwartetes

Wagners Gedichte ziehen die Lesenden in – um bei den Tieren zu bleiben – einen Mückenschwarm, „als hätten sich alle buchstaben auf einmal aus der zeitung gelöst“, oder in die Haut eines Nashorns, das „sein tonnengrau durch die vergeßlichkeit von jahrmillionen schleppt.“ Dabei ist das Gedicht selbst niemals so simpel wie sein Titel – und oft auch nicht so niedlich. So ist das Murmeltier „ein könig, einsam in seinem palast“, doch tötet die Jungen eines Artgenossen und der Gecko ist am Ende des Gedichtes nur noch ein Knochenhäufchen. Und nicht nur nimmt Wagner die Position des Beobachters ein. In dachshund zum Beispiel schreibt er aus der Sicht eines Dackels.

Das Unerwartete macht Jan Wagners Gedichte aus – im Inhalt wie in der Sprache. Seine Gedichte verzaubern mit ungewöhnlichen Metaphern und Vergleichen, die auf den ersten Blick oft absurd scheinen, auf den zweiten jedoch treffender als jeder Lexikon-Eintrag. Dabei spielt Wagner mit lyrischen Formen: Unreine Reime sind in den meisten seiner Gedichte zu lesen, auch klassische Kreuzreime und häufig Halb- und Dreiviertelreime. Unkonventionell in der deutschsprachigen Lyrik: Wagner reimt nicht nur Vokale, sondern auch Konsonanten. Unter den Aliassen Theodor Vischhaupt, Anton Brant und Philip Miller hat er zudem Anagramm-Gedichte, Dialektgedichte und Elegien verfasst.

Gedichte sind wie Häppchen gefüllt mit Fantasie und Sehnsucht

Doch ganz egal, ob es eine Elegie oder ein Haiku ist, das man in den Händen hält – entscheidend ist, was das Gedicht beim Lesen auslöst. Zu erkunden, welche Gefühle und Gedanken ein so kurzer Text konserviert und welche er weckt, das ist das Spannende. Und das Schöne ist: Ein Gedicht kann man zwischen zwei Zugstopps lesen – kleine Häppchen gefüllt mit Fantasie und Sehnsucht. Innerhalb einer Minute kann es dich einnehmen und wegtragen. Ob in der Bahn, im Bett oder im Badeurlaub – lasst uns mehr Lyrik lesen!

Selbstporträt mit Bienenschwarm gibt es als Taschenbuch für 12,00 Euro bei Fischer.

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