Wie (un-)persönlich ein Poet in Residence sein kann

Esther Kinsky bei ihrer ersten Poetikvorlesung in Essen. Bild: Andreas Erb

Der Poet in Residence diesen Sommer (2019) in Essen zeichnet sich in einem bemerkenswerten Kontrast aus. Das, was von Esther Kinsky erbracht wurde, unterscheidet sich grundsätzlich von dem, was sie mit ihren Worten zu vertreten erschien. Parallel unterscheiden sich meine Eindrücke von dem, was andere (zu recht) empfinden.

Für alle Anwesenden sind die Schwächen dieser Woche mit der Poetin ersichtlich: Die Kürze der Vorträge, ständige Wiederholungen, die in Redundanz ausarteten, das Vorlesen aus den Werken in zu großen Anteilen (wofür die Lesung am Ende gedacht ist); dass die Poetik nur zwischen den Zeilen zu finden war, wo sie doch im Vordergrund stehen sollte, als Hauptthema, als maßgebender Inhalt. Geschweige vom Desinteresse seitens Esther Kinsky, mit dem örtlichen Publikum zu sprechen. Allgemeine und gerechtfertigte Unzufriedenheit ist das Ergebnis.

Es lässt sich nur mutmaßen, welche Motivationen Menschen dazu bewegen, Veranstaltungen dieser Art zu besuchen. Sei es, einer preisgekrönten Autorin zuzuhören, oder (als veranstaltende Kraft) das Interesse, solche zu einem Erfolg werden zu lassen. Meine lag darin, etwas zu finden, das ich mitnehmen kann, indem ich versuche zu lernen und meine Perspektive zu erweitern. Eben das Beste aus jeder einer solchen Gelegenheit zu machen. Diese Schwächen waren auffällig, aber durch diesen Fokus nicht aufdringlich genug gewesen. Zumindest bis zu den Diskussionen hinterher, wo sich mir teilweise grundlegen verschiedene Eindrücke anderer eröffneten. Verschieden von jenen, wie sie in der Schreibwerkstatt aufkamen.

Das Spazierengehen, die Beobachtungen, wertfrei-gedachtes Schreiben in der Schreibwerkstatt (in sich anstrengend genug); sie stellen bereits eine Erweiterung der Perspektive dar: Was als Auseinandersetzung mit den Details der eigenen, (sehr) vertrauten Umgebung begann, endete in einer mit den Details des eigenen Selbst. Es ist erstaunlich, vergleichen zu können, zwischen sich und anderen. Miterleben zu dürfen, wie alle Teilnehmenden dieselben Orte und Gegenstände gesehen haben, doch nie dasselbe schrieben. Genauso, wie auffällt, worin die Unterschiede zu ihnen liegen, setzt sich das Wissen durch, wieso man selbst so vorgeht, wie geschehen: Welche Dinge priorisiert, Metaphern gefunden werden und was wegfällt. Diese knapp 7 Stunden in der Werkstatt verraten mir so viel über mich, wie Wochen der Reflexion zuvor, und das nur weil ich einen anderen Ansatz ausprobierte. Einen, vorgeschlagen von Esther Kinsky und vollzogen unter ihrem objektiv-gemeinten Blick; verständlicherweise distanziert, aber kooperativ, interessiert, und damit ganz anders als in den Vorträgen.

Der Poet in Residence diesen Sommer in Essen kann nicht als Erfolg gewertet werden, nicht im Ganzen. Dafür waren die Schwächen viel zu gravierend: Sie deuten darauf hin, dass Esther Kinsky sich nicht ausreichend auf den Ort und seinen Menschen eingelassen hat, aus welchen Gründen auch immer, was gegen das Wenige, das sie mit ihren Worten und Werken vermittelte, auch noch verstößt. Speziell gegen den Ansatz aus der Schreibwerkstatt. Aber übereinstimmend mit ihren Äußerungen ließ ich mich auf dieses Wenige ein, das sie uns bot, so unvoreingenommen wie möglich und bemerkte und füllte Leerstellen, interpretierte; ich machte es zu einer persönlichen Angelegenheit. Ich habe den Ansatz genommen, etwas eigenes kreiert und kann letztlich zurecht behaupten, mit mehr gegangen zu sein, als ich gekommen bin. Meine Erwartung hat sich, wegen viel Mühe, erfüllt. Und die Schreibwerkstatt hatte den größten, wenn nicht einzigen Anteil daran.

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