Buchblogger*innen gegen Rassismus und Rechtsextremismus

Eine Buchbloggerin wird in einem Buch namentlich rassistisch beleidigt und reagiert am 25. Dezember 2023 erstmals auf X. (Bild: Eva Beckmann)

Hunderttausende demonstrieren gegen Rechtsextremismus. Die Enthüllungen der CORRECTIV-Recherche zum Vernetzungstreffen, an dem Politiker*innen, rechtsextreme Akteur*innen und Geldgeber*innen teilnahmen, erschüttern. Doch ein solches Treffen platzt nicht unangekündigt in unsere Gegenwart. Es ist die Folge des jahrelangen Aufstiegs einer rechten Partei, eines von Diskriminierungsstrukturen durchsetzten Systems und nicht zuletzt der Akzeptanz von Mikroaggressionen und scheinbar unüberlegten Randbemerkungen sowie mangelnder Gegenrede. Wie tief verankert Diskriminierung in unserem Alltag ist, verdeutlichen Beispiele aus allen Lebensbereichen. Seit Ende 2023 ist eines davon besonders unter Buchblogger*innen ein Thema. Ein Buch aus dem Piper Verlag steht in der Kritik, denn eine Bloggerin wird darin rassistisch diffamiert und ist infolgedessen Bedrohungen ausgesetzt.

Rassismus ist keine Satire

Es soll Satire sein – sagt das Autor*innenduo Monika Gruber und Andreas Hock über das Buch Willkommen im falschen Film, das im November 2023 erschienen ist. Die Kabarettistin und der Journalist haben gemeinsam ein Buch geschrieben, das sich im Rundumschlag über „Wärmepumpenfetischisten“ und „Woke-Aktivisten“, „besserwisserische Medienmacher“ und jeden, „der den gesunden Menschenverstand gegen Hysterie oder ein paar Gendersternchen eingetauscht hat“ (so die Beschreibung auf der Verlagswebsite) lustig machen will.

Die konkrete Kritik betrifft eine Textpassage, in der der Post einer Bloggerin auf der Plattform X zitiert wird. Im März 2023 postete sie, damals noch auf Twitter, einen Hinweis auf die rechtsextreme Unterwanderung der textilen Hobbyszene und forderte dazu auf, sich mit Angeboten und Anbieter*innen auseinanderzusetzen. Dieses Phänomen stellen Gruber und Hock nun anhand dieses Postings einer Privatperson in Frage, obwohl es, wie der Anwalt der Bloggerin in einer Pressemitteilung verdeutlichte, ebenfalls bereits von der Amadeu Antonio Stiftung und dem Landesfrauenrat aus Mecklenburg-Vorpommern sowie dem niedersächsischen Landesministerium aufgegriffen worden ist. Anstatt auf inhaltlicher Ebene argumentieren zu müssen, ziehen die Autor*innen also die Aussage einer Einzelperson ins Lächerliche, indem sie ihr mit rassistischen Behauptungen die Expertise absprechen.

Im Buch von Gruber und Hock wird die Bloggerin mit vollem Klarnamen benannt. Einem Namen, der im Weltbild der Autor*innen nicht in besagte textile Hobbyszene passt. Einem Namen, den sie stattdessen Hobbys wie „Shakren-Turnen oder einem veganen Urschrei-Seminar“ zuordnen. Damit reproduzieren sie nicht nur rassistische Zuschreibungen, die Menschen aufgrund ihres Namens exotisieren, sondern greifen die Bloggerin auch persönlich in rassistischer Weise an und geben den Leser*innen des Buchs ein Ziel, an das sie direkte Bedrohungen richten können. In einem weiteren scharf kritisierten Absatz sinnieren die Autor*innen darüber, ob die Bloggerin sich ihren Namen womöglich nur angeeignet habe, um einen „echten“ Namen zu verschleiern, der zu sehr nach „Bund deutscher Mädel“ klänge. Sie unterstellen ihr, Vorteile durch eine Namensänderung zu erschleichen, während Grubers und Hocks eigener Text beweist, dass das Gegenteil der Fall ist: Namen, die nicht weiß genug klingen, machen ihre Träger*innen zum Ziel von Rassismus.

Reaktionen und Solidarität in den sozialen Netzwerken

Nachdem sie am 22. Dezember 2023 den Piper Verlag kontaktiert hatte, reagiert die Bloggerin am 25. Dezember öffentlich bei X und erfährt in den folgenden Wochen Solidarität, sowohl aus der Community der Buchblogger*innen als auch von mehreren Autor*innen, deren Bücher im Piper Verlag erschienen sind. Bei Instagram bloggt sie unter dem Handle @roma_liest selbst über Literatur und veröffentlichte zuletzt einige Quellen im Story-Format, die deutlich machen, dass die rechtsextreme Instrumentalisierung des Hobbys Stricken nicht auf ihrer eigenen Erfindung beruht.

Der Piper Verlag reagiert erstmals am 27. Dezember mit einem öffentlichen Statement, es folgt ein weiteres am 12. Januar. Keines der Statements enthält eine direkte Entschuldigung, beide halten sich mit Selbstkritik zurück. Der Verlag distanziert sich von Rassismus, Hasskommentaren, Beleidigungen und Bedrohungen, jedoch nicht von Gruber und Hock.

In einem gemeinsamen Statement einiger Piper-Autor*innen heißt es am 17. Januar: „Wir wünschen uns eine ehrliche Entschuldigung bei @roma_liest und fänden es angemessen, wenn Piper sie in dieser belastenden Situation unterstützen würde. Zudem bitten wir den Verlag darum, sich noch einmal mit dem Buch von Gruber und Hock auseinanderzusetzen und in Zukunft keine weiteren Bücher mit rassistischen, antifeministischen, ableistischen Inhalten zu veröffentlichen.“ Etwa 20 Autor*innen, vorwiegend aus dem Bereich der progressiven Fantastik, haben das Statement ausgearbeitet, schreibt Sarah Raich als Antwort auf einen Kommentar unter ihrem Instagram-Post.

Und nun?

Das Buch bleibt im Verlagsprogramm. Der Name der Bloggerin sowie der Absatz, der ihr eine Namensänderung unterstellt, sind zwar gestrichen worden, beides ist jedoch inzwischen öffentlich bekannt und seit Wochen im Umlauf. Durch direkte Bedrohungen ist diese Textpassage in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, der einzige diskriminierende Inhalt des Buches ist der Auszug jedoch bei weitem nicht.  Einige Buchblogger*innen forderten bereits Anfang Januar ein Verlagsboykott – um dem Piper Verlag an anderer Stelle genau das zu nehmen, was ihm der Verkauf eines populistischen Buches einbringen kann: Umsätze und Reichweite. Nachdem von den Autor*innen kein Verständnis geäußert wurde, hat auch die betroffene Bloggerin Konsequenzen gezogen und eine einstweilige Verfügung gegen Gruber beantragt, die verhindern soll, dass ihr Name im nächsten Buch der Autorin genannt wird.
Einem großen und etablierten Verlag wie Piper wird diese Episode auf lange Sicht vermutlich nicht schaden. Zu hoffen bleibt, dass das Programm in Zukunft sorgfältiger und mit einer klaren Haltung gegen Diskriminierung jeglicher Art zusammengestellt wird.

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