Erfolg ist eine Sache der Suggestion: Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Bild: Julian Mawick

Seit die sozialen Medien unseren Alltag mitbestimmen, sind die über uns hereinbrechenden Modewellen zu einer regelrechten Flut geworden. Da mit der Digitalisierung scheinbar auch eine „Dsdsierung“ der Gesellschaft einherging, befinden wir uns in einer omnipräsenten Suche nach Superstars, Supertalenten oder Supersingles. Was so typisch für das 21. Jahrhundert ist, war der Autorin Gabriele Tergit bereits vor  90 Jahren bekannt. In ihrem 1931 veröffentlichten Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm erzählt die 1894 geborene Berlinerin die Geschichte des Volkssänger Georg Käsebier, der durch einen Medienhype über Nacht zum schillernden Star wird und dann genauso schnell wieder in der Anonymität verschwindet.

Um bei seinen Kollegen Eindruck zu schinden, schreibt der junge Journalist Gohlisch einen lobpreisenden Artikel über einen eher mittelmäßig begabten Sänger namens Käsebier. Der viel zu geschöhnte Artikel wird zum Selbstläufer, andere Zeitungen schreiben die Begeisterung ab und plötzlich pilgert die Schickeria in die proletarischen Festsaäle der Hasenheide. Mit dem Lob kommen schließlich auch die Investoren und die Mechanismen der Reproduktion beginnen zu greifen. Erst entstehen Fotostrecken, bald soll ein Film gedreht werden und plötzlich sind die Läden voll von Käsebierschuhen, Käsebierpuppen und Käsebierzigaretten. Die Ikone wird zur Marke und ganz Berlin ist im Fieber. Als wäre das nicht schon genug, soll ihm auch noch ein eigenes Theater auf dem Ku’damm gebaut werden. Bis es soweit kommt, hat die Stadt schon wieder die Nase voll, der Bau flopt und Käsebier versinkt im Bierdunst der Weimarer Nächte.

Ganz im neusachlichen Habitus verstand es Gabriele Tergit als ihre Aufgabe die unmittelbare Gegenwart zu schildern. Aufgrund ihres fachlichen Wissens zeichnet die Journalistin ein detailliertes Porträt der ökonomisierten Presselandschaft der Zeit und spiegelt die dynamische junge Großstadt als direkten Erfahrungsraum. Auch wenn der Titel einen Protagonisten suggeriert, fehlt dieser quasi gänzlich. Stattdessen treffen an verschiedenen Schnittstellen Figuren aufeinander, welche die Handlung transportieren und ein Bild von der jungen Großstadt zeichnen. Mit den originalgetreuen Sprachcodes liefert Tergit einen wahren Querschnitt der unterschiedlichen Berliner Milieus ohne dabei ins Klischee zu fallen. Von Verteidigern des journalistischen Berufsethos hin zu kapitalistischen Aufsteiger-Typen, die sich an der Ökonomisierung der Zeitung bereichern, liefert Tergit einen Einblick in eine turbolente und unsichere Zeit, die sowohl Gewinner aber noch mehr Verlierer hervorbrachte.

Am ausgefeiltesten sind jedoch ihre weiblichen Figuren, die ein sehr differenziertes Bild der „neuen Frau“ liefern. Zum Beispiel die gebildete Redakteurin Dr. Lotte Kohler, die zwar promoviert und finanziell unabhängig ist, jedoch unglücklich auf ihre große Liebe Meyer-Paris wartet. Sie steht prototypisch für die Generation zwischen wilhelminischer Erziehung und den jüngeren selbstbewussten Girls. Ein wahres Girl zeichnete Tergit mit der rothaarigen Käte Herzfeld. Sie ist geistreich, kritisch und immer um Kaltschnäuzigkeit bemüht, lebt in Scheidung und hält sich mehrere Liebhaber gleichzeitig. Käte steht für den Typus der neusachlichen Frau; kühl konzentriert sie sich auf die berechenbaren Dinge des Alltags und lebt frei ihre Sexualität aus. Finanziell bleibt sie jedoch von den Männern abhägig.

Zwar handelt es sich bei dem Roman um Tergits literarisches Debüt, als Journalistin war sie jedoch längst berühmt. Bereits als Studentin schrieb sie Feuilletons, der große Durchbruch gelang ihr jedoch mit Gerichtsreportagen über die Prozesse am Kriminalgericht Berlin-Moabit. Dort war sie nach ihrer Promotion in Geschichte als Reporterin angestellt – zusammen mit niemand geringeres als Paul „Sling“ Schlesinger. Sling revoultionierte dieses Genre, indem er bewusst auf den polizeilichen Protokollstil verzichtete und lebendige, betont subjektive Reportagen schrieb, die stets mit einem sozialkritischen Charakter versehen waren. Auch Gabriele Tergit hatte dieses gewisse Gespür für die Angeklagten und so schildert sie ihre Gerichtsreportagen wie kleine Miniaturdramen, die sich wie eine „kuriose Sozialgeschichte der kleinen Leute“ lesen. Sie blieb stets kritisch und schrieb gegen die Ungerechtigkeit der reaktionären Richter oder die politische Radikalisierung der Gesellschaft. Und so zählt Gabriele Tergit auch zu jenen, die schon früh die schleichende Übernahme der Faschisten erkennt und öffentlich kritisiert.

Daher ist sie bereits 1933 eines der ersten Ziele des Naziregimes. Nach einem misslungenem Überfall der SA in ihrer Wohnung, floh sie noch am selben Tag aus Deutschland über die Tschechoslowakei nach Palästina. Ab 1938 lebte sie mit ihrem Mann und Sohn in London. 1951 veröffentlichte sie ihren zweiten Roman Effingers, konnte jedoch nicht mehr an vergangene Erfolge anknüpfen. Bis zu ihrem Tod 1981 arbeitete sie als berufene Sekretärin für das P.E.N.- Zentrum für deutschsprachige Autoren im Ausland.

Mit satirischen Verzerrungen und Übertreibungen gelingt Gabriele Tergit nicht nur ein fesselnder Großstadtroman, sondern auch ein amüsantes Lehrstück über die Mechanismen der Massenkultur. Ihr journalistischer Blick liefert großartige Handlungsträger, anhand der sie gesellschaftliche Themen wie Inflation, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Schnelllebigkeit verdeutlicht. Käsebier erobert den Kurfürstendamm ist ein Roman über den Schwindel und die Manipulation, der aufzeigt, was ein auf Profit ausgerichteter Medienbetrieb alles möglich macht. Die Parallelen zum heutigen Medien- und Freizeitbetrieb sind erschreckend aktuell.

(btb Verlag, 2017, 374 Seiten, 11 Euro)

 

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Julian Mawick

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