Liebes Tagebuch, so ist die Welt geworden…

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So ist die Welt geworden. Zumindest für Betty Andover. Die Protagonistin in Marlene Streeruwitz Online-Roman So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman lässt uns an ihrer Gefühls- und Gedankenwelt während der Corona-Pandemie teilhaben. Authentisch, emotional und schonungslos.

Ja. Sie könnte hier sterben, und niemand würde es bemerken. Nicht rechtzeitig.

Betty schreibt Tagebuch. Corona-Tagebuch. Alles beginnt am 20. März 2020. Sie ist im Lockdown allein in ihrer Wohnung in Wien. Zumindest körperlich. Denn das Alleinsein, die Ängste und Gedanken lassen sie Personen erschaffen, die sie aus dieser Einsamkeit befreien sollen, ihr Mut machen sollen, weiterzumachen.

Was sollte sie sonst tun, als auf die psychotische Situation dieses lockdown selber psychotisch zu reagieren.

So will die überschlanke und immer perfekt frisierte Fiorentina sie aus ihrer Lethargie herausholen, während die modern gestylte und furchtlose Irma sie sogar zum Ausgehen verführen will. Sie spiegeln innere Konflikte wider, die nur allzu viele in dieser Zeit kennen und austragen müssen. Beginnend mit den Kleinigkeiten wie die fehlende Motivation, den Boden zu wischen, obwohl man die Zeit dafür hätte, die sonst immer fehlt. Bis zu lähmenden Existenzängsten, die selbst das Antragstellen für ein winziges Geldpolster vom Staat zur Tortur machen. Kein Thema des Alltags wird ausgelassen: Männer, Frauenbilder, Familie, Freundschaft und Politik. Das Tagebuch diente Betty einst dazu, sehr negative Gedanken vom Alltag zu trennen. Jetzt weiß sie nicht, was sie fühlen soll, außer, dass sie den Umständen ausgeliefert ist. Dass sie gleich gemacht, in die Masse hineingedrückt wurde.

Das Tagebuch ist für viele Menschen ein wichtiges Medium, um all diese Gefühle loszuwerden, um nicht alleine mit ihnen zu sein. Wir sprechen es nicht umsonst wie eine vertraute Person an, personifizieren es. Mehrere Studien schreiben ihm sogar eine heilende Wirkung zu. Heute, am 12. Juni 2020, ist Tag des Tagebuchs im Kalender der kuriosen Feiertage. Das Datum geht zurück auf den Geburtstag der Jüdin Anne Frank (1929 – 1945). Als sie 13 wird, am 12. Juni 1942, bekommt sie von ihrem Vater ein Notizbuch geschenkt, das sie für mehr als zwei Jahre als Tagebuch nutzt. Darin schreibt sie ihre Gedanken zu der Zeit nieder, in der sie sich mit ihrer Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam vor den Nazis verstecken muss. 1945 stirbt Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihr Tagebuch wird nach dem Krieg von ihrem Vater veröffentlicht und gilt seither als historisches Dokument aus der Zeit des Holocaust.

Tagebücher, wie wir sie heute kennen, entstanden erstmals in der frühen Neuzeit (das Zeitalter zwischen dem Spätmittelalter und dem Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert). Auch wenn diese Epochengrenze fast grenzenlos erscheint, geht es doch hauptsächlich um das veränderte Menschenbild, das sich entwickelt, hin zur Individualität und Subjektivität – und dem damit verbundenen Bedürfnis, seine Gedanken, Gefühle und Geheimnisse aufzuschreiben.

Diese Form des Ausdrucks nutzt auch die österreichische Autorin und Regisseurin Marlene Streeruwitz, indem sie ihre Protagonistin wöchentlich von ihren Erfahrungen und Gefühlen während der Corona-Krise berichten lässt. Jeden Donnerstag erscheint eine neue Episode ihres Online-Romans So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman auf ihrer Website. Seit 12 Wochen kann man Betty Andovers Geschichte nun schon verfolgen. Und falls euch das nicht reicht: In Streeruwitz Timeline könnt ihr noch durch weitere Online-Beiträge und Werke stöbern. Immerhin ein kultureller Nebeneffekt der Corona-Krise: Man kann der Schriftstellerin quasi online beim Arbeiten zuschauen.

Lasst euch davon inspirieren, schreibt Tagebuch wie es bereits Goethe, Kafka, Tolstoi, Virginia Woolf und Kurt Cobain vor euch getan haben.

 

 

 

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Saskia Ziemacki

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