„Ich kenne kein Aufklärungsbuch, das so aufgebaut ist“ – Ein Interview mit Carsten Müller

Carsten Müller, Buchautor von Sex ist wie Brokkoli nur anders, in seiner Praxis für Sexualität in Duisburg. Bild: Saskia Ziemacki

Die Zeiten des Coronavirus zwingen viele von uns zu Hause zu bleiben. Doch sie bringen uns vielleicht auch dazu, mehr zu lesen und uns in Dingen weiterzubilden, die bisher noch nicht in den Alltag hineingepasst haben. Viele Menschen müssen sich jetzt mehr denn je mit der Familie und dem Partner oder der Partnerin auseinandersetzen. Wie passend ist es da, dass der Duisburger Paar- und Sexualtherapeut Carsten Müller ein Aufklärungsbuch für die ganze Familie veröffentlicht. Ab heute kann das Sachbuch Sex ist wie Brokkoli nur anders bestellt und somit ein lokaler Autor unterstützt werden. Die Digitur-Redakteurinnen Vanessa Angenendt und Saskia Ziemacki haben ihn interviewt und herausgefunden, wie Erwachsene und Kinder über Sexualität denken.

Digitur: Würden Sie uns erst mal allgemein etwas zu der Idee Ihres Buches erzählen?

Carsten Müller: Mein Buch heißt Sex ist wie Brokkoli nur anders und die Idee dahinter ist es, ein Aufklärungsbuch zu schreiben, was einfach so in der Familie rumliegen kann, weil es für jeden ein Kapitel gibt: Es gibt ein Kinderkapitel, ein Jugendlichen-Kapitel und ein Erwachsenen-Kapitel. Ziel ist es einfach, ein Buch über Sexualität zu haben, wo jeder in der Familie Zugang zu haben kann. Denn wo, wenn nicht in der Familie, sollte und kann über Sexualität gesprochen werden. Ich erlebe das ganz oft, dass es in der Familie ganz schwierig ist, auf Kinderfragen zu antworten. Kann ich darauf antworten? Wie antworte ich darauf? Wie gehen wir mit den Jugendlichen um? Ich glaube, das ist eine ganz große Chance, über Sexualität ins Gespräch zu kommen und es da eben keinen Unterschied gibt, ob man über Brokkoli oder über Sexualität spricht.

Digitur: Sie sagen also, über Gemüse spricht man, über Sexualität nicht. Ziehen Sie die Aufklärung somit humoristisch auf?

Carsten Müller: Nein humoristisch gar nicht, sondern einfach total sachlich! Für Kinder macht es keinen Unterschied, ob ich erkläre, wo die Kuhmilch herkommt oder ob ich erkläre, wie ein Kind entsteht. Das sind ja unsere Erwachsenenbilder, die wir dann in irgendeiner Weise darauflegen. Aber wenn ein Kind fragt, dann kann ich auf einer Sachebene eine Antwort darauf geben. Ich vergleiche das ganz gerne mit dem Thema Tod und Sterben. Für Kinder ist das noch nicht sozialisiert. Es ist noch nicht in irgendeiner Weise besetzt. Wenn sie ein totes Tier sehen, ist das erste was sie machen: Stock holen und darin rumpulen. Und so ist es mit Sexualität auch – das ist eben noch nicht besetzt. Kinder haben noch keine Bilder von nackten Menschen im Kopf, wenn man über Sexualität spricht. Sie haben Fragen und das ist ein normaler Part der Entwicklung. Nur kriegen sie eben oft keine Antworten. Und dann ist mir doch lieber, dass es Erwachsene gibt, die darauf Antworten geben als Google, große Geschwister oder Nachbarskinder. Die Kinder werden trotzdem diese Fragen haben. Und wenn dann die Eltern oder andere Pädagogen die Fragen beantworten, dann hat man es in der Hand. Wenn ich es nicht beantworte, dann wird es eher noch mal spannender und auch nebulöser. Und das ist mein Ansatzpunkt: ich befähige Menschen durch das Buch, Sachinformationen zu bekommen, damit das Thema Sexualität eine Sachebene erfährt.

Eltern fragen mich ganz oft: Wie ist denn das jetzt, wenn man Kinder früh aufklärt? Haben die dann nicht auch eher Sex, also bringt man sie nicht eher auf Ideen? Und ich würde sagen, das absolute Gegenteil ist der Fall. Wenn ich Kinder früh aufkläre und ihnen eine Idee gebe, eine Sachebene und Zugang zu Gefühlen, dann werden sie vielleicht trotzdem früh Sex haben, das kann sein, aber dann werden sie sich bewusst dazu entscheiden. Ich vergleiche das ganz gern mit Süßigkeiten. Wenn Kinder keinen Zugang zu Süßigkeiten und dann auf einmal freien Zugang dazu haben, ist die Gefahr, dass es maßlos wird, deutlich größer, als wenn es immer mal wieder kleine Häppchen gegeben hat. Sprich auf Sexualität gemünzt: Wenn ich vorher eine Idee habe, was Sexualität ist und dass es vielleicht auch erstmal etwas ist, was Erwachsene haben, dann habe ich einen Zugang dazu und werde mich dann, wenn dieses Thema für mich im Rahmen von Pubertät oder Sozialisierung spannend wird, bewusst dafür entscheiden. Und das ist die Idee, Menschen zu befähigen. Diese Sprachlosigkeit zieht sich durch alle Generationen. Auch die Erwachsenen, die hier in die Praxis kommen, können ganz oft mit ihrem Partner, ihrer Partnerin nicht über Sexualität sprechen und auch darüber gibt es ein Kapitel. Ich finde, dass Kinder mitbekommen dürfen, dass es auch den Erwachsenen gar nicht so leicht fällt, darüber zu reden. Und so kann jeder über alles lesen. Ich kenne kein Aufklärungsbuch, das so aufgebaut ist. Es sagt eben nicht, es gibt die Sexualität für Kinder, die für Jugendliche… Nein, es sagt erstmal: Sexualität ist was Schönes, was Gutes, ohne die wir dieses Interview hier nicht führen würden.

Digitur: Eltern verlassen sich wahrscheinlich auch noch viel zu sehr auf die Schule und auf die Lehrer. Ich kann mich noch an meinen Sexualunterricht erinnern, uns wurde nur ein Modell von einem Embryo gezeigt und das Wort Sex ist glaube ich nicht einmal gefallen.

Carsten Müller: Absolut! Gesellschaft und Erwachsene glauben, Kinder und Jugendliche, die müssen wir nicht aufklären, die wissen sowieso alles, durch Internet und so weiter. Ich würde sagen, es braucht mehr Aufklärung denn je, weil die Einflüsse so groß werden, dass so unterschiedliche Dinge auf die jungen Menschen einströmen, dass sich dadurch immer noch unglaubliche Mythen halten. Eine Vorstellung von Sexualität ist in den Köpfen, die für mich sehr weit weg von einer gelassenen, nicht Druck orientierten und Konsens geprägten Sexualität ist. Das Bild von Pornografie oder von anderen Dingen aus den Medien ist nicht das Bild von Sexualität, das die Menschen zu Hause leben. Und das setzt ganz schön viele unter Druck. Man sieht es an dem Thema „erstes Mal“. Was da an Druck erzeugt wird – es muss total gut sein, es darf keiner zu früh kommen, es muss romantisch und immer was Besonderes sein – was ein Quatsch. Ich versuche im Buch einfach Realitäten aufzuzeigen. Wenn Sie sich überlegen, wie Menstruation in der Werbung gezeigt wird: Es ist immer alles blumig, es riecht alles so gut und das Blut ist blau. Da habe ich schon junge Menschen erlebt, die dadurch sehr irritiert waren. Es wird so wenig an Wahrheiten gezeigt. Da geht es bei Penisgrößen weiter über Spermamengen in Pornografie und so weiter. Und das braucht eine sehr große Klarheit, damit ich mich dann auch orientieren kann.

Vielen Dank!

 

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Saskia Ziemacki

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