Bromance à la Hesse auf großer Leinwand: Verfilmung des Bestsellers „Narziss und Goldmund“

Hesses Klassiker kommt am 12. März in die Kinos. Bild: filmstarts.de

„Eine wunderliche Freundschaft war es, welche zwischen Narziß und Goldmund begann; wenigen nur gefiel sie, und manchmal konnte es so scheinen, als mißfiele sie den beiden selbst.“  

Mit diesen Worten beschreibt Hermann Hesse die Beziehung seiner beiden konträren Protagonisten Narziss und Goldmund aus der gleichnamigen Erzählung von 1930. Schon zu Lebzeiten ist es das bekannteste Werk des Autors und wurde in 30 Sprachen übersetzt. Im Mittelpunkt steht jene durch Logos und Eros beeinflusste Freundschaft zweier Männer, welche auch nach jahrelanger Trennung und unzähliger prägender Erlebnisse nie aufgehört hat zu existieren. Nun wird Hesses berühmter Stoff auf eine andere mediale Ebene verlegt: Am 12. März 2020 erscheint die filmische Version in den Kinos. Mit an Bord sind keine Unbekannten, denn neben dem österreichischen Regisseur und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky übernehmen Sabin Tambrea und Jannis Niewöhner die Titelrollen.

Die beiden Jungen, die im Laufe der im Mittelalter spielenden Erzählung zu Männern heranwachsen, könnten unterschiedlicher nicht sein: Während Narziss sich schon früh zu einem asketischen Leben als Mönch berufen fühlt, interessiert Goldmund sich für das Leben in Sünde, die Liebe und die Kunst. Er ist ein Genießer, der so viel wie nur möglich von der Welt sehen möchte. Trotz dieser charakterlichen Differenzen entwickelt sich  zwischen ihnen eine tiefe Freundschaft, die Jugendliche heutzutage vermutlich als ‚Bromance‘  deklarieren würden. Vor eine Herausforderung wird diese gestellt, als sowohl Goldmund als auch Narziss erkennen müssen, dass der freiheitsliebende Goldmund nicht für das strenge Klosterleben geeignet ist und den religiösen Ort verlassen muss, um glücklich zu werden. Jahre später treffen sie wieder aufeinander – beide geprägt von sehr differenten Erfahrungen, die sie auf ihrem Weg gemacht haben. Und dennoch empfinden sie bei ihrem ersten Wiedersehen direkt die alte Verbundenheit und das Wissen, mit dem Anderen einen treuen Freund an ihrer Seite zu haben. Was könnte also so eine innige Beziehung zerstören?

Perfekte Ausgangslage für eine Verfilmung

Hesse traf mit seinem Werk den Nerv der Zeit. Etliche Jugendliche identifizierten sich damals mit dem nach Freiheit strebenden Goldmund, der sich den väterlichen Anweisungen widersetzt und hinaus in die Welt zieht. Heute ein allseits bekanntes Phänomen, im Mittelalter und Anfang des 20. Jahrhunders ein schwieriges Unterfangen. Die Leserschaft begeistert noch heute die bildhafte und geblümte Sprache, mithilfe derer die Emotionen des*der Lesers*in aktiviert und ein einfacher Zugang zur Lektüre geschaffen wird. Da dies neben Goldmunds Betrachtung der Welt besonders dessen Blick auf das eigene Ich betrifft, arbeitet Hesse mit Leichtigkeit tiefenpsychologisch. Die Doppeldeutigkeit der Natur problematisiert die Frage nach dem Sinn des Lebens und dem richtigen Weg zur Vollkommenheit. In Narziss und Goldmund beweist der Autor jedoch nicht nur seine poetischen Fähigkeiten, sondern kritisiert auch die gesellschaftlichen Zustände der 1930er-Jahre. Denn der geschilderte Umgang mit der Pest ist als seine Wahrnehmung des aufstrebenden Nationalsozialismus zu verstehen. Hesse nutzt geschickt die verheerendste Pandemie der Weltgeschichte, um subtil Widerstand gegen das NS-Regime auszuüben.

Einmalige Drehvorbereitungen zugunsten der Authentizität

Dient als Hauptdrehort: Burg Hardegg in Österreich. Bild: CCO Pixabay

Nicht allein aufgrund der literarischen Vorlage stehen die Zeichen für eine erfolgreiche filmische Adaption gut. Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“, „Anatomie“) schrieb das Drehbuch und führte Regie. In den Hauptrollen werden Sabin Tambrea und Jannis Niewöhner sowie Emilia Schüle und Henriette Confurius zu sehen sein. Der von Sony produzierte Film soll vor allem das junge Publikum ansprechen, ohne an Authentizität zu verlieren. Gedreht wurde daher überwiegend auf Burg Hardegg in Österreich. Tambrea und Niewöhner verbrachten beide unabhängig voneinander mehrere Tage im Kloster, um mit der dortigen Lebensweise und dem Verhalten der Mönche vertraut zu werden. Alles sollte stimmen und der literarischen Vorlage so gut wie möglich gerecht werden. Aber wie beurteilen die Schauspieler*innen das Verhältnis zwischen Buch und Film? Das und noch vieles mehr erfahren wir im Interview mit Narziss-Darsteller Sabin Tambrea.

Digitur: Herr Tambrea, was hat Sie persönlich an dem Projekt gereizt?

Sabin Tambrea: Das Projekt an sich ist ein sehr besonderes Unterfangen. Über 15 Jahre wurde versucht, diese literarische Vorlage zu verfilmen, nun hatte ich das Glück zur rechten Zeit gerade noch jung genug zu wirken, um Teil dieses Projekts zu werden.

Digitur:  Wenn Sie Narziss mit drei Worten charakterisieren müssten, welche wären es?

Sabin Tambrea: Selbstlos, liebend und gottesgläubig.

Digitur:  Haben Sie Hesses Erzählung denn erst im Zuge der Drehvorbereitungen gelesen oder sind Sie schon früher mit dem Werk in Berührung gekommen?

Sabin Tambrea: Leider ist es mir in der Jugend nicht über den Weg gelaufen. Umso dankbarer bin ich jetzt, dass ich dieses Werk kennenlernen durfte.

Digitur:  Und wie würden Sie Ihr Leseerlebnis beschreiben?

Sabin Tambrea: Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass sich gerade junge Menschen von der verblümten Sprache und den Geschehnissen dieser wunderbaren Geschichte angesprochen fühlen, doch die Kunstfertigkeit Hesses hält für jedes Lesealter neue Facetten bereit, die einem erst im Laufe des Lebens ins Auge fallen.

Digitur:  Die Frage, die man sich natürlich schnell bei filmischen Adaptionen stellt, ist die der Originaltreue bzw. Deckungsgleichheit. Ist der (inhaltliche) literarische Stoff zu größten Teilen übernommen worden oder gibt es im Film Veränderungen?

Sabin Tambrea: Das Buch wurde nicht 1 zu 1 übersetzt, allerdings waren die dramaturgisch notwendigen Änderungen stets mit dem Verlag abgesprochen. Niemals könnte man diesen Kosmos in einem Film so nachstellen, dass eine jede Erwartung der Zuschauer befriedigt wird; wir können nur versuchen ein Gefühl entstehen zu lassen, welches hoffentlich bei vielen Lesern des Buches seine Spiegelung findet.

Digitur: Sehen Sie Vorteile in der Filmversion?

Sabin Tambrea: Ich denke nicht, dass man diese beiden Dinge gegeneinander aufrechnen sollte. Aber wir bekommen beim Film auch noch tolle Musik dazu!

Digitur: Zum Abschluss noch eine allgemeine Literaturfrage: Gibt es eine literarische Figur, die Sie gerne mal verkörpern würden?

Sabin Tambrea: Oh ja, alle!

 

Eines wird auch an den Antworten des Schauspielers deutlich: Wir dürfen gespannt sein, wie das Team Hesses Literaturklassiker umgesetzt hat. Wer neugierig geworden ist, sollte sich unbedingt den Trailer zum Film angucken, um erste Einblicke in diesen von Kritikern als Historienfilm eingestuften medialen Stoff zu erhalten:

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Annika Vahle

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