(Über-)Lebensgeschichten des Holocausts erzählen. Ein Abend mit dem Autor Maxim Leo und Ruth-Anne Damm vom Heimatsucher e. V.

Die Themen des Holocausts und des Antisemitismus in Deutschland sind in diesem Jahr wieder allgegenwärtig in den Köpfen der Gesellschaft präsent. Nach dem antisemitischen und rassistischen Anschlag in Halle am 09. Oktober 2019 (dem jüdischen Feiertag Jom Kippur) wurde in den Medien immer wieder über den aktuellen Status des Antisemitismus in Deutschland diskutiert und die Frage gestellt, wie eigentlich mit der Vergangenheit des Holocausts umgegangen wird.

(Über-)Lebensgeschichten des Holocausts erzählen. Ein Abend mit dem Autor Maxim Leo und Ruth-Anne Damm vom Heimatsucher e. V. Auch in der Literatur gibt es zahlreiche Versuche, die Vergangenheit der Juden in Deutschland darzustellen und auf die heutige Zeit zu beziehen. Am 05. Dezember 2019 war der preisgekrönte Schriftsteller und Journalist Maxim Leo in Essen zu Gast, um über sein Buch Wo wir zuhause sind zu sprechen. Die Bildungsinitiative RuhrFutur lud zu einem Abend in der VHS Essen ein. Das Thema der Veranstaltung: (Über-)Lebensgeschichten des Holocaust erzählen. Leo erzählte im Gespräch mit Ruth-Anne Damm (Vorstandsmitglied bei Heimatsucher e. V.) von seinem Werk, seiner eigenen Familiengeschichte und dem Umgang mit dem Holocaust im Jahr 2019.

 

Maxim Leo: Wo wir zuhause sind

In seinem Buch widmet sich Leo der wahren Geschichte seiner jüdischen Familie. Er betreibt in Ländern wie Israel und England Nachforschungen zu seinem weit verzweigten Stammbaum. Die Mitglieder der jüdischen Familie mussten auf der Flucht vor Nazis ihre Heimat verlassen, nun finden Jahre später die Kinder und Enkelkinder ihren Weg zurück nach Berlin. Leos Buch befasst sich vor allem mit den Biografien dreier Frauen, die im Exil jeweils ein neues Leben begannen: Leos Großtante und ihre beiden Cousinen.

„Ilse war 15, als sie Deutschland verlassen musste. Irmgard war 22 und Hilde 26. Sie wurden aus ihrem Leben gerissen, mussten aufbrechen ins Ungewisse. Ich wollte wissen, wie die drei Frauen in Berlin gelebt haben, wovon sie geträumt haben, wie sie geflohen sind. Wie sahen ihre neuen Leben aus? Was haben sie ihren Kindern von der Vergangenheit erzählt? Und warum kommen jetzt auf einmal ihre Enkel nach Berlin zurück?“ (Maxim Leo: Wo wir zuhause sind, S. 10.)

Er widmet sich jedem Ast seines Familienstammbaums und bewegt sich weg von dem kleinen Kreis seiner Kernfamilie, der täglich zu viert mit ihm am Esstisch sitzt, hin zu den Lebenswegen von ihm bisher unbekannten Familienmitgliedern.

Er taucht in das Trauma mehrerer Generationen ein, zeichnet die Angst vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten nach und hilft den Leser*innen auf diese Art, Vergangenheit und Gegenwart besser zu verstehen.

„Als Kind habe ich Menschen mit großen Familien beneidet, alles schien mir so warm und selbstverständlich zu sein, wie ein Nest, aus dem man nicht herausfallen kann. Meine eigene Familie kam mir dagegen zerbrechlich vor. Meine Mutter erzählte manchmal von den anderen, von Nina und Hanan in Israel, von Ilse, Heinz und Susi in Wien, von Andrè in London, Hilde in Chicago. Ich fragte, warum sie denn alle so weit weg wohnen. Meine Mutter sagte, früher habe unsere ganze Familie in Berlin gelebt, aber dann seien die Nazis gekommen und hätten alle vertrieben, die jüdisch oder kommunistisch waren. Von Kommunismus hatte ich schon gehört, schließlich lebten wir in der DDR. Aber was waren Juden?“ (Maxim Leo: Wo wir zuhause sind, S. 5-7)

Die Veranstaltung: (Über-)Lebensgeschichten des Holocausts erzählen

Am Abend der Veranstaltung sitzt Leo vor einer großen Fensterfront. Hinter ihm der Weihnachtsmarkt in Essen. Das sich stetig drehende Riesenrad blinkt in bunten Farben im Rücken des Autors, während er die Zuhörer*innen durch das Lesen des Einführungskapitels in seinen Bann zieht.

Die Diskussion beginnt mit der Frage der Moderatorin Ulrike Sommer (Geschäftsführung RuhrFutur), was der Autor unter Heimat verstehe.

„Ich bin da sehr von Gerüchen geleitet. Zum Beispiel das Rapsfeld, das im Frühling blüht. Dieses Gelb und dieser schwere ölige Geruch. Das ist für mich Heimat.“

(Über-)Lebensgeschichten des Holocausts erzählen. Ein Abend mit dem Autor Maxim Leo und Ruth-Anne Damm vom Heimatsucher e. V. (Bild: Sabrina Rupprecht, RuhrFutur)Leo spricht mit tiefer eindrucksvoller Stimme. Die Moderatorin tastet sich vorsichtig an die schwierigen Themenfelder des Abends heran – wie das Verlieren der Heimat und dem damit verbundenen Zugehörigkeitsgefühl.

Obwohl man Maxim Leo gerne lesen hört, tritt er doch neben seiner Gesprächspartnerin Ruth-Anne Damm immer wieder auch in den Hintergrund. Eine Frau, die man vor dem Abend eventuell gar nicht zuordnen konnte, begeistert an diesem Abend die Zuhörer*innen. Das Vorstandsmitglied von Heimatsucher e. V. berichtet von der wichtigen Arbeit des Vereins und überzeugt mit ihrer Leidenschaft für das Thema. Sie zitiert den Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel:

„Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.“

Damit fasst sie das Ziel des Vereins zusammen: Verantwortung zu übernehmen und als Zweitzeug*innen die Geschichten der Zeitzeug*innen zu hören und weiterzugeben. Sie geben diese Geschichten speziell auch an junge Kinder weiter. Damm hebt hervor, dass gerade Kinder im Alter von 10 Jahren ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden haben. Genau dort müsste angesetzt werden, um die Erfahrungen von Überlebenden einer der größten Ungerechtigkeiten der Geschichte zu teilen. Denn nach Damm machen uns genau diese Leute vor, wie man einen Weg finden kann, weiterzumachen.

Dass die beiden geladenen Gäste sich nicht in allen Punkten einig waren, gab der Diskussion eine interessante Bandbreite an Meinungen. So warnt Ruth-Anne Damm mit einem Verweis auf die aktuellen Wahlergebnisse Thüringens vor der möglichen Gefahr, dass sich Geschichte auch im Jahr 2019 wiederholen kann. Maxim Leo hält hier vehement dagegen und erklärt seinen Standpunkt:

„Ich glaube, Geschichte wiederholt sich nicht. Es ist heute anders … anders kompliziert.“

Man dürfe nicht in einen Alarmismus verfallen. Wir würden in einer sehr hysterischen Zeit leben und müssten alle etwas entspannter sein. Was laut Leo jedoch auch nicht bedeute, sich einfach zurückzulehnen, sondern sich selbstbewusst mit unterschiedlichen Positionen auseinanderzusetzen.

Die Veranstaltung macht deutlich, wie wichtig Diskussionen zur jüdischen Geschichte, besonders dem Holocaust sind und dass Bücher wie das vom Maxim Leo in einer Zeit wie der heutigen immer noch eine unglaubliche Wirksamkeit haben. Es ist jedem und jeder zu empfehlen, sich mit solchen Texten reflektiert auseinanderzusetzen und selbst zum/zur Zweitzeug*in zu werden.

Eine Veranstaltungsempfehlung von uns: Die Bildungsinitiative RuhrFutur organisiert in Kooperation mit der Buchhandlung Proust sowie der VHS Essen regelmäßig die Veranstaltung ‚RuhrFutur & Gäste’. Dabei werden spannende Fragen, wichtige Aspekte aktueller Diskussionen oder neue Gedanken reflektiert. Die Initiative bringt hier interessante Menschen aus Wissenschaft, Kultur, Politik oder Zivilgesellschaft zusammen.

 

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Sophie Greve

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