„Ich habe eine Nische gefunden, in der ich mich nicht verstellen muss“ – Tarkan Bagci im Interview (Teil 1)

Autor Tarkan Bagci im Interview

Tarkan Bagci (Bild: Lenny Rothenberg)

Comedy ist Tarkan Bagcis Job – er hat unter anderem für Fernsehsendungen wie das Neo Magazin Royale, Knallerfrauen und Studio Schmitt geschrieben und unterhält sich jeden Donnerstag im Podcast „Gefühlte Fakten“ mit seinem Kollegen Christian Huber über interessante, skurrile und lustige Alltagsbeobachtungen. Die Themen sind mal mehr und mal weniger gut recherchiert (es geht ja immerhin um gefühlte Fakten), aber immer mit einer ordentlichen Portion Humor und Selbstironie  versehen. Fernab von Fernsehen und Comedy hat Tarkan in diesem Jahr aber auch seine ersten beiden Bücher veröffentlicht. Im Rahmen des Literatürk-Festivals fand nun in Essen eine Lesung aus seinem Debütroman Die Erfindung des Dosenöffners statt. Im Interview verrät er uns, welche beruflichen Pläne er eigentlich hatte und wem er ,,Fake it till you make it“ als Motto empfiehlt.

Tarkan, auf dem Literatürk-Festival hast du erzählt, dass du bereits neben deinem Studium damit angefangen hast, Gags für das Fernsehen zu schreiben. War ein Job in diesem Bereich schon immer der Plan?

Tarkan Bagci: Ich wollte ursprünglich Journalist werden, weil das am nächsten an meine Vorstellung von kreativem Schreiben als Beruf drankam. Ich wusste nicht, dass es Gags und Drehbuch schreiben als Job gibt – das klang so nach Hollywood für mich und mir war nicht klar, dass das in Deutschland wirklich eine Jobperspektive ist. Und deshalb war ich mit dem Journalismus als Ziel zufrieden, habe aber auch gemerkt, dass mich das nicht so erfüllt. Das Gag-Schreiben entstand dann aus den ersten Blicken nach links und rechts auf der Suche danach, was es sonst noch so gibt.

Du hast Kommunikationswissenschaften studiert. Wieso genau das?

Tarkan Bagci: Ich hatte tatsächlich erst geplant, auf Lehramt zu studieren, weil ich dachte, dass niemand einfach so Journalist oder Autor werden kann. Deswegen wollte ich erst einmal etwas Sicheres machen – also die Ausbildung zum Lehrer – und dann versuchen, Journalist zu werden. Wenn das nicht funktioniert hätte, hätte ich ja einfach immer noch als Lehrer arbeiten können. Ich saß dann in einer Vorlesung in Geschichte, weil mich das privat auch eigentlich interessiert, aber es war SO langweilig! Es ging um mittelalterliche Sprache und das war überhaupt nicht meins. Da wurde mir klar, dass ich das nicht das ganze Studium oder sogar mein Leben lang machen könnte, und dass ich das mit dem Schreiben versuchen muss, weil ich anders gar nicht glücklich werden kann. Und so wusste ich dann auch, dass ich ein Studium nur durchhalte, wenn ich mich währenddessen mit Medien und dem Schreiben beschäftigen kann. Also habe ich nach Medienstudiengängen gesucht aber wusste da schon, dass die mich nicht praktisch ausbilden würden. Denn, Studiengänge im kreativen Schreiben oder Journalismus mal ausgenommen, die meisten Studiengänge sind eben doch sehr theoretisch. Für mich war es sehr wichtig, einen Studienabschluss zu haben, und obwohl ich wusste, dass es ein sehr theoretisches Studium ist, war Kommunikationswissenschaft da für mich sehr hilfreich und interessant.

Was würdest du Studierenden empfehlen, die selbst anstreben, mal mit dem Schreiben ihr Geld zu verdienen?

Tarkan Bagci: In meinem Job begegnen mir häufig Leute, die gar nicht wirklich schreiben wollen. Die wollen aus Prestigegründen geschrieben haben. Würden die morgen von einem Bus überfahren werden wäre ihr letzter Gedanke bestimmt „Mist, das war alles umsonst“, weil sie keinen Status durch das Schreiben erlangt haben. Für die ist das der falsche Job. Wenn ich morgen vom Bus überfahren werde, denke ich nicht „oh nein, aber ich hab‘ doch noch nicht meinen großen Durchbruch gehabt“. Ich bin mit dem zufrieden, was ich erreicht habe, und ich glaube, das sollte auf jeden Job zutreffen. Man sollte ihn machen, weil man ihn gern macht und Erfüllung darin findet. Also wenn man sich gern als Autor vorstellen und etwas geschrieben haben möchte, ohne Spaß am Prozess des Schreibens zu haben, ist das glaube ich ein Weg, der sehr viel Schmerz verursacht. Aber wenn man damit zufrieden ist, bis drei Uhr nachts vor einem leeren Word-Dokument zu sitzen bevor am nächsten Tag alle vorgeschlagenen Ideen gestrichen werden und man trotzdem in seinen letzten Momenten nicht denkt „Das war alles umsonst“ ist das ein guter Karriereweg. Mit dieser Thematik sollte man sich also vorher auseinandersetzen. Und wenn man das dann wirklich machen will, sollte man es auch einfach machen. Mir hat es immer sehr geholfen, mich zuerst zu etwas zu verpflichten, und mich dann zu fragen, ob ich das überhaupt kann. Learning by doing quasi.

Man sollte sich selbst also auch einen kleinen Vorschuss in Sachen Selbstvertrauen geben?

Tarkan Bagci: Ja, genau. Fake it till you make it! Was mir im Studium übrigens auch sehr geholfen hat war es, die Nähe zu praktischer Arbeit zu suchen. Also zum Beispiel beim Campus-Radio oder der Lokalzeitung. Wenn man sich für nichts zu schade ist, dann kommt man da auf jeden Fall auch rein. Ich hatte einige Leute im Studium, die waren sich zu fein für das Campus-Radio und wollten direkt zu 1Live. Da geht es dann wieder nicht darum, etwas zu lernen, sondern etwas gemacht zu haben. Das ist ein großer Unterschied. Wenn man das Schreiben mag, dann ist es doch egal, wofür.

Ich glaube, dass viele, die wirklich gern schreiben würden, Angst haben, nicht gut genug zu sein und es dann gar nicht erst versuchen.

Tarkan Bagci: Ja, bestimmt sogar. Aber es ist viel besser, einen vermeintlich schlechten Text abzugeben, als gar keinen, das ist zumindest meine Erfahrung. Weil etwas, mit dem man selbst wirklich komplett zufrieden wäre, wird man sowieso nie ganz erreichen können, mit irgendetwas ist man immer unzufrieden. Man kann sich dem eigenen Ideal nur annähern, indem man Dinge macht und ausprobiert.  Außerdem ist es auch ganz oft so, dass man beim Schreiben so im Tunnel ist und den gesamten Text für eine Katastrophe hält, mit etwas Abstand dann aber selbst gar nicht mehr weiß, was einen daran überhaupt gestört hat.

Kommen wir zu einer typischen Frage, die bestimmt jedem, der mit Comedy zu tun hat, mal gestellt wird: Bei dir hat beruflich eigentlich alles mit Humor zu tun: Dein Roman ist sehr humorvoll, du bist Comedy-Autor und hast einen Comedy-Podcast. Ist es schwer, im echten Leben noch „einfach lustig“ zu sein?

Tarkan Bagci: Für mich ist es so, dass ich beruflich so sein darf, wie ich auch im echten Leben bin. Ich habe da eine Nische gefunden, in der ich mich nicht verstellen muss. Es würde mir auch sehr schwerfallen, mich im Job anders verhalten zu müssen als im echten Leben. Als Comedy-Autor muss man da zum Glück keinen großen Wechsel vollbringen, als Journalist ist es mir aber teilweise sehr schwergefallen, ernste und starre Themen zu behandeln, ohne das Ganze mal auflockern zu dürfen. Diese Objektivität, die man da wahren muss, hat mich in meiner Produktivität eher zurückgehalten.

So sein zu können, wie man ist, und dabei zu tun, was man gern mag, wünscht sich wohl jeder. Großartig, dass du das erreicht hast.

Tarkan Bagci: Auf jeden Fall. Ich weiß auch, dass das ein riesiges Privileg ist. Wobei man auch sagen muss, dass es ganz viele Menschen gibt, die zum Beispiel auch mit ihrem Bürojob völlig zufrieden sind. Das ist nicht mehr oder weniger wert. Das musste ich auch erst lernen. Ich habe zum Beispiel einen Freund, der beruflich etwas mit Steuern macht. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht genau, was er da macht, aber ich hatte lange Zeit Mitleid mit ihm, weil das für mich etwas komplett Fremdes ist. Aber er liebt eben was er tut, auch wenn mir das vollkommen fern ist, und das musste mir erst mal klar werden.

 

Das war der erste Teil unseres Interviews mit Tarkan Bagci. Im zweiten Teil, den ihr nächste Woche hier auf Digitur lesen könnt, sprechen wir unter anderem über seine Bücher und wie er die Arbeit daran erlebt hat. Wer sich die Zeit bis dahin vertreiben möchte, kann sich Tarkans Lesung beim Literatürk-Festival ansehen.

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