Keine Achillesferse – Wie das Videospiel „Hades“ die griechische Mythologie aufrollt

Der atemberaubend schöne Stil von „Hades“. Bild: Supergiant Games

Jede*r hat eine mehr oder minder grobe Vorstellung von der griechischen Mythologie. Namen, an die man sich dunkel aus dem Schulunterricht oder aus Sprichwörtern erinnert. Aber wer waren eigentlich noch mal Achilles, Sisyphos und Eurydike? Bei genauerem Nachfragen hört das Halbwissen leider meist auf. Dabei verbirgt sich hinter jedem dieser Namen eine unglaublich spannende Geschichte. Das Videospiel „Hades“ bietet ihnen eine Bühne.

Viele Schriftsteller*innen haben versucht die griechischen Sagen zu modernisieren und aufzufrischen, um sie zeitgemäß und ansprechender für Leser*innen der Gegenwart zu gestalten. Manche waren damit mehr, manche weniger erfolgreich.  Der amerikanischen Schriftstellerin Madeline Miller ist mit ihren Werken „Das Lied des Achill“ und „Ich bin Circe“ der Spagat zwischen historischer Genauigkeit und modernem Lesevergnügen gelungen. Aber da bewegen wir uns dann immer noch im gleichen Medium, aus alten Texten wurden neue gemacht. Die griechische Mythologie kann aber noch in anderen Medien genossen werden. In Filmen beispielsweise, in Hörbüchern oder… in Videospielen.

Das Roguelike „Hades“ vom Entwicklerstudio Supergiant Games, das seit Dezember 2018 für den PC in einer Testphase erhältlich ist, hat es dieses Jahr zur vollständigen Veröffentlichung geschafft und vereint schnelles, actionreiches Gameplay mit einer ausführlichen Hintergrundgeschichte, basierend auf der griechischen Mythologie. Man spielt den Sohn des namensgebenden Todesgottes Hades, genannt Zagreus, der versucht aus der Unterwelt auszubrechen, um die Oberfläche zu erreichen. Er hat genug von seinem tyrannischen Vater und wünscht sich ein Leben bei seinen Verwandten im Olymp. Natürlich ist der Weg aus dem Tartaros mit Gegnern und Bossen gepflastert, die Zagreus das Leben schwer machen und dessen Ausbruch verhindern sollen. Gut, dass er Hilfe von seinen göttlichen Onkeln, Tanten, Schwestern und Brüdern bekommt: Zeus verleiht Blitzkräfte, Dionysus vergiftet mit seinem Wein und Demeter lässt Gegner schockgefrieren. Im Haus des Hades stehen Zagreus außerdem Gestalten wie der legendäre Krieger Achilles oder die Göttin der Nacht Nyx mit Rat und Tat zur Seite. Und dann trifft man beim Weg durch die Unterwelt auch noch auf namhafte Figuren wie Sisyphos, Eurydike oder Patroklos. All diese Figuren vereinen zwei Fakten: sie sind Charaktere aus der griechischen Mythologie und ihre Rolle in „Hades“ ist nicht nur Mittel zum Zweck. Denn das Spiel nimmt sich die Zeit, die Geschichten jeder Figur nach und nach zu erzählen.

Die liebevoll designten Bilder der mythischen Charaktere lassen die Geschichte noch lebendiger wirken. Hier: Athene, die Göttin der Weisheit. Bild: Supergiant Games

Die zahlreichen Infos über die Götter, Helden und Verurteilten der Unterwelt erhält man in erster Linie aus den Dialogen mit selbigen, wenn man ihnen auf dem Weg durch die Unterwelt begegnet. So steht Sisyphos bei jeder Begegnung neben dem gigantischen Stein, den er als Strafe für seine Dreistigkeit, den Tod auszutricksen, für alle Ewigkeit einen Berg hochschieben muss. Auch die Story von Eurydike und Orpheus, die durch Orpheus‘ Fehler sich zu seiner Geliebten im falschen Augenblick umzudrehen, ein tragisches Ende genommen hat, entfaltet sich Stück für Stück. Und dann gibt es da noch die herzzerreißende Liebesgeschichte des Powercouples Achilles und Patroklos, die voneinander getrennt in der Unterwelt residieren. Nicht zu vergessen der Held Theseus und der Minotaur Asterios, die in dieser Variation nach ihrem Tod Kampfgefährten geworden sind. Natürlich ist „Hades“ keine Originalquelle und nimmt sich die eine oder andere künstlerische Freiheit heraus. Dennoch werden viele der Geschichten und Fakten über Charaktere nah an den bekannten Sagen gehalten und können durch Recherche schnell der Richtigkeit überprüft werden.

Neben den Dialogen mit diversen antiken Charakteren ist die zweite große Quelle für griechische Mythologie des Spiels der sogenannte Codex der Unterwelt. Hier sind nämlich sämtliche Götter, Gehilfen, Helden, Gegner und Orte aufgelistet. Dadurch erhalten Spieler*innen weitere Hintergründe über die griechische Mythologie, wie zum Beispiel über den Sturz der Titanen durch Zeus oder wie Hades zu seiner Position als Gott der Unterwelt kam.

Der Codex der Unterwelt bietet ausführliche Infos über jeden der chthonischen und olympischen Götter, Nebencharaktere, Orte und Gegner. Bild: Supergiant Games

Aber „Hades“ macht nicht bei Geschichten Halt, sondern gibt auch ausführliche Infos über die familiären Verhältnisse der Götter und Göttinnen. So wird erzählt, dass Zeus, Poseidon und Hades Brüder sind, was den Gott des Himmels und den des Meeres zu Zagreus‘ Onkeln macht. Ebenfalls Geschwister sind Thanatos, der Gott des Todes, Hypnos, der Gott des Schlafes und Charon, der Bootsmann, der auf dem Fluss Styx die Seelen der Toten von der Welt der Lebenden ins Jenseits begleitet. Sie alle sind übrigens Söhne der Göttin Nyx, die wiederum die Tochter von Chaos ist. In diesem praktischen Büchlein erfahren wir selbst etwas über Figuren, die im Spiel selbst gar nicht auftauchen, wie zum Beispiel die legendäre Sage des Herakles, der gegen eine gewaltige Hydra kämpfte.

Auch inkludiert im Codex sind verschiedene Orte der Mythologie, womit „Hades“ dann sogar als Reiseführer der Unterwelt dient. Ob Tartaros, den Asphodeliengrund oder Elysion: „Hades“ erklärt kurz und bündig die verschiedenen Gebiete der mythischen Unterwelt. Spielerisch handelt es sich dabei um die einzelnen Ebenen, die erklommen werden müssen, um nach Griechenland zu kommen. Die Informationen zu den einzelnen Orten enthüllen sich mehr und mehr, je öfter man sie im Spielverlauf aufsucht.

Ein Reiseführer durch die Welt der Toten. Hier: Der Tartaros. Bild: Supergiant Games

Zu guter Letzt gibt es noch die ganz cleveren Hinweise auf griechische Mythologie, die nicht erklärt werden, sondern etwas Basiswissen voraussetzen und das Auseinandersetzen mit den Geschichten noch einmal besonders belohnen. Denn warum Medusas Kopf durch die Hallen des Hades schwebt, erschließt sich nur denjenigen, die wissen, dass Medusa zu Lebzeiten von Perseus enthauptet wurde.

„Hades“ ersetzt kein Geschichtsbuch, das soll und will es auch gar nicht. Aber es erzählt die Schicksale namhafter Figuren aus der griechischen Mythologie so gefühlvoll und mit so viel Liebe fürs Detail, dass einem einfach jede*r von ihnen ans Herz wächst und man zumindest grobe Wissenslücken fürs Erste füllen kann. Wer danach auf den Geschmack gekommen ist – und um das zu erreichen, gibt sich „Hades“ wirklich Mühe – kann dann die Recherche auf eigene Faust in die Hand nehmen.

 

„Hades“ in der Kurzübersicht:

Plattformen: PC und Nintendo Switch

Genre: Roguelike, Action-Adventure

Entwickler: Supergiant Games

Preis: 24,99€

 

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Jonas Höger

Sollte der Jazz-Enthusiast seine Freizeit mal nicht mit Literatur oder Videospielen gestalten, schwingt er chaotisch den Kochlöffel. Ansonsten ist er vor allem Freund der japanischen (Pop-)Kultur in jeder Form und Farbe: Manga und Anime gehören bei ihm zum Ra(h)menprogramm.

Ein Kommentar

  1. Eine sehr spannende Perspektive! Da Videospiele, gerade durch Elemente wie den Codex und den Dialogen, die du beschreibst, durchaus eine Form von Literatur darstellen, ist so ein Rückbezug auf altbewährte Mythologie in einem modernen Kontext eine nette Abwechslung. 🙂

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