Ein blendend helles Licht – Netflix’ neue Fantasy-Serie „Shadow and Bone”

In Leigh Bardugos Grishaverse sind bereits neun Bücher erschienen. Die erste Staffel der Serie behandelt jedoch nur das erste Buch der Legenden der Grisha-Trilogie und die Vorgeschichten der Charaktere aus den Six of Crows-Büchern. Bild: Evelyn Messel

Als Netflix im Januar 2019 bekannt gab, dass Leigh Bardugos Grishaverse-Bücher verfilmt werden sollen, war meine Euphorie ungehalten. Die Entscheidung, sowohl die Legenden der Grisha-Trilogie als auch die Glory and Grave-Dilogie, die – obwohl sie im gleichen Fantasy-Universum spielen – inhaltlich und atmosphärisch nicht unterschiedlicher sein könnten, in einer Serie zu verschmelzen, sorgte bei vielen Buch-Fans für Stirnrunzeln. Ich hingegen war begeistert von dieser Idee, da sie Spielräume für Neues schafft und so sicherstellt, dass es auch für die Leser:innen nicht langweilig werden würde. Nach langem Warten war es dann am 23. April so weit: Shadow and Bone wurde auf Netflix veröffentlicht. Wie hat sich Netflix also mit dieser Jugendbuchadaption geschlagen?  

Worum geht es in Shadow and Bone 

Ravka ist ein geteiltes Land: Eine dunkle Schattenwand, in der alptraumähnliche Kreaturen, die Volcra, auf ihr nächstes Opfer warten, zieht sich wie eine Narbe durch das Land. Niemand weiß wirklich, wie die sogenannte

Diese Karte zeigt Ravka, die Schattenflur, die sich durch das Land zieht, und die umliegenden Gebiete. Bild: Keith Thompson

Schattenflur” entstanden ist oder wie sie wieder beseitigt werden kann. Ravkas Wirtschaft steht am Abgrund, da der größte Teil des Landes von den wichtigen, maritimen Handelsrouten im Westen abgeschnitten ist. Als wäre das nicht genug, führen Fjerda im Norden und Shu Han im Süden Krieg gegen das ohnehin schon geschwächte Ravka.  

Da der Osten Ravkas auf die Güter aus dem Westen angewiesen ist, muss die Schattenflur gezwungenermaßen regelmäßig durchquert werden. Als bei einer Durchquerungsmission ein Sandschiff angegriffen wird, und ein Teil der Crew überraschend überlebt, fragen sich alle, was geschehen ist. Eine der Überlebenden ist die junge Kartographin Alina Starkov, die mit ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, Licht zu beschwören, (metaphorisch und buchstäblich) zum Lichtblick wird. Das ganze Land schöpft wieder Hoffnung, dass die Schattenflur beseitigt werden kann und sieht Alina als langerwartete Erlöserin. Doch ihr neuer Status birgt auch Gefahren für Alina: Unterschiedliche Parteien versuchen aus ihr einen Vorteil zu ziehen und auch eine Bande von der Handelsinsel Ketterdam wird auf sie angesetzt. Wie geht Alina mit ihrer neuen Rolle um und schafft sie es trotz aller Widrigkeiten, ihr Land vor dem Verderben zu retten? 

 

Ist Shadow and Bone eine gelungene Serie?  

Ästhetisch haben die Macher:innen von Shadow and Bone alles richtig gemacht: Die Einstellungen, die Kameraführung und die CGI-Effekte sind beeindruckend. Dazu tragen auch das Auge fürs Detail und die hochwertigen Kostüme bei. Außerdem hat Joseph Trapanese großartige, epische Musikstücke erschaffen, die den visuellen Eindruck auch auditiv untermalen. Auf diese Weise wird der Zuschauerschaft die Atmosphäre dieser einzigartigen Fantasy-Welt voller Magie effektiv vermittelt.  

Leider könnte es trotz dessen für neue Zuschauer:innen schwer sein, in die Welt einzufinden, da es kaum Erklärungen gibt. Allerdings ist dies ein allgemeines Problem des Fantasy-Genres und wirft die ewige Frage auf, inwiefern man den Leitsatz show, don’t tell” verfolgen soll. Unglücklicherweise macht es das schnelle Tempo der Serie nicht einfacher, das Grishaverse zu verstehen. Da die erste Staffel nur aus acht Episoden besteht, wird sehr viel Inhalt verpackt. Darunter leiden dann auch manche Beziehungen und Handlungsstränge. Freundschaften oder Liebesbeziehungen gehen in kürzester Zeit von null auf hundert und handlungswichtige Dialoge, die viel mehr Potenzial gehabt hätten, werden kurzgehalten.        

Mal abgesehen von diesen Kritikpunkten, hat mich die Serie aber sehr gut unterhalten. Die Abwechslung zwischen actiongeladenen Kampfszenen, emotionalen Momenten und witzigen Dialogen sorgte dafür, dass ich keine Sekunde vom Bildschirm wegsehen wollte. Gerade das Ensemble an interessanten, komplexen Charakteren treibt diese Serie voran.  

Obwohl ich weiß, wie es in den Büchern weitergeht, wollte ich, nachdem ich alle acht Folgen hintereinander angesehen hatte, wissen, wie es weitergeht. Das liegt vor allem auch daran, dass die Serie auf vielen Ebenen Bekanntes mit Unbekanntem verbindet. Obwohl es sich bei Shadow and Bone grundsätzlich um eine High-Fantasy-Serie handelt, finden sich unter anderem Elemente aus dem Horror-Genre und Heist-Movies. Auch typische Thematiken, wie zum Beispiel der Typus der Auserwählten, werden dann mit unkonventionellen Handlungssträngen verbunden. Und selbstverständlich ist es auch für die Buch-Fans sowohl etwas Bekanntes als auch etwas Unbekanntes zugleich.              

 

Ist Shadow and Bone eine gelungene Adaption?  

Ich habe schon viele Adaptionen von Jugendbüchern gesehen und wenn sie auch alleinstehend unterhaltsame Serien oder Filme waren, waren sie häufig keine guten Adaptionen des Originalmaterials. Was macht nun eine gute Buchadaption aus? Muss eine gute Adaption das Buch eins zu eins abbilden? Meiner Meinung nach muss sie das nicht. Dies ist auch überhaupt nicht möglich, da es sich um zwei Medien handelt, die ganz unterschiedlich funktionieren. Für mich muss eine gelungene Adaption die Essenz der Geschichte, seien es Motive, Thematiken oder der Ton, beibehalten. Außerdem sollte sich die Charakterisierung der Figuren in der Adaption so nah wie möglich an der Vorlage orientieren. Ob nun Handlungsstränge, Namen oder Details verändert wurden, ist für mich nicht ausschlaggebend. Und als Fan von Bardugos Büchern kann ich tatsächlich sagen: All die Aspekte, die ich genannt habe, meistert Shadow and Bone mit Bravour. 

Die Serie hält sich sehr nah an die Ereignisse aus Goldene Flammen, dem ersten Buch der Legenden der Grisha, aber bringt neue Elemente ein, die die Handlung nochmal interessanter machen. Besonders die in den Büchern doch sehr flachen, einseitigen Protagonisten Alina (Jessie Mei Li), ihr bester Freund Mal (Archie Renaux) und General Kirigan (Ben Barnes) wurden zu komplexeren Figuren umgeformt. Dadurch wurden auch ihre Beziehungen zueinander und ihre Handlungsstränge um einiges komplexer und nuancierter. Allein schon, dass Alina in der Serie zur Hälfte Shu ist und dadurch mit Rassismus zu kämpfen hat, macht ihren Weg umso wichtiger. Mal, den ich im Buch nun ganz und gar nicht leiden konnte, ist mir in der Serie mit seiner herzlichen, sturköpfigen Art absolut ans Herz gewachsen. Und Ben Barnes gibt dem dunklen General eine Humanität und Verletzlichkeit, die er in den Büchern so nicht hat. Alles in allem muss ich sagen, dass die Serie meiner Meinung nach Goldene Flammen auf ein höheres Level anhebt und die schlechteren Aspekte des Buches korrigiert.  

Aber die erste Staffel integriert auch die Charaktere der Glory und Grave-Bücher und zeigt deren im Buch so nicht vorkommende Vorgeschichte, da sie eigentlich bei den Ereignissen der Grisha-Trilogie nicht anwesend sind. Im Mittelpunkt stehen hier die von Fans (und von mir) geliebten Gang-Mitglieder Kaz (Freddy Carter), Inej (Amita Suman) und Jesper (Kit Young) und es ist so, als seien sie aus den Büchern direkt auf den Bildschirm gewandert. Man merkt, dass sich die drei Schauspieler:innen intensiv mit ihren Charakteren auseinandergesetzt haben und den Kern ihrer Figuren verstanden haben. Die Dynamik und Chemie zwischen den drei „Krähen“ ist unübertreffbar und es macht unglaublich Spaß, ihren Handlungsstrang mitzuverfolgen. Für mich sind sie das Highlight der Serie.  

Insgesamt kann ich als Buch-Fan sagen, dass hier eine sehr gute Adaption kreiert wurde, die alles, was den Leser:innen am Herzen liegt, umgesetzt hat. Auch wenn nicht Szene für Szene adaptiert wurde, bleibt die Serie der Handlung und den Charakteren aus den Büchern treu und setzt keine unnötigen, willkürlichen Änderungen um. Man hat kreative Wege gefunden, die zwei doch sehr unterschiedlichen Buchreihen logisch miteinander zu verbinden. Und immer wieder finden sich Hommagen an die Leser:innen, sei es in Form von Sätzen aus den Büchern oder Details und kleinen Anspielungen, die nur eingefleischte Fans verstehen werden (ich sage nur eins: Waffeln!). 

 

Fazit  

In Interviews mit dem Show-Runner Eric Heisserer und den Schauspieler:innen wird immer wieder deutlich, wie viel Respekt sie füreinander, für die Fans und für das Ausgangsmaterial von Leigh Bardugo haben. Man bekommt das Gefühl, dass alle Beteiligten zu hundert Prozent hinter dem stehen, was sie kreiert haben. Das ist möglicherweise ein Faktor, warum die Serie so gelungen ist. Inmitten der Dunkelheit von weniger gelungenen Fantasy-Jugendbuchadaptionen á la Vampire Academy oder Shadowhunters stellt Shadow and Bone ein blendend helles Licht” dar. Ein Erfolg von Shadow and Bone könnte dafür sorgen, dass man Jugendbuchverfilmungen mehr Feingefühl und Respekt für das Material entgegenbringt. 

Wer also gerade Lust auf eine qualitativ hochwertige, spannende Fantasy-Serie hat, findet Shadow and Bone – Legenden der Grisha jetzt auf Netflix. Und wer weiter in die Materie einsteigen möchte, findet alle Bücher der Legenden der Grisha-Reihe hier und die Glory and Grave-Reihe hier. Viel Spaß beim Eintauchen in das Grishaverse!

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