Männerwelten: Muss man(n) gesehen und gelesen haben

Feminismus ist seit Jahrhunderten ein zentrales Thema der Literatur. Bild: Unsplash

Vor rund zwei Wochen lief die digitale Ausstellung „Männerwelten“ zur Primetime auf ProSieben. 15 Minuten lang wurden sexualisierte Gewalt und Belästigung an Frauen thematisiert. Auftraggeber dieses aufweckenden Beitrages waren Joko und Klaas. Diese hatten am Vortag in der Show „Joko und Klaas gegen ProSieben“ 15 Minuten Sendezeit gewonnen.

Vor zwei Millionen Zuschauern lief der 15-minütige Beitrag dann am Mittwochabend. Die Autorin Sophie Passmann führte in der gewonnenen Sendezeit durch die digitale Ausstellung „Männerwelten“ und zeigte, was Frauen täglich widerfährt, denn „sexuelle Belästigung ist etwas, das jede zweite Frau in Deutschland schon mal erlebt hat.“ So leitet Sophie Passmann durch die finstere Ausstellung, die Gewalt an Frauen sichtbar macht. Das Video breitet die Belästigung schonungslos aus und beklemmt mit dem Grad an Alltäglichkeit, mit der Normalität, in der sie sowohl im Internet als auch im echten Leben geschieht.

Influencerin Stefanie Giesinger, die Moderatorin Jeannine Michaelsen und die Journalistin Visa Vie lesen Online-Kommentare, bestehend aus Beleidigungen, Vergewaltigungs- und Mordfantasien, vor. Moderatorin Palina Rojinski füllt einen ganzen Ausstellungsraum mit sogenannten Dickpics, die sie ungefragt zugeschickt bekommt. Collien Ulmen-Fernandes und Katrin Bauerfeind lesen in verteilten Rollen pietätlose Chatverläufe vor. Eine Gruppe nicht-prominenter Frauen schildert ihre eigenen Erfahrungen mit Belästigung und sexualisierter Gewalt im öffentlichen Raum. Ein weiterer Ausstellungsraum präsentiert die Anziehsachen, die Opfer einer Vergewaltigung trugen. Denn es ist eine der häufigsten Fragen, die Opfern von Vergewaltigungen gestellt wird: „Was hattest du an?“ Die Antworten, die die Ausstellung liefert, treffen einen mit voller Wucht.

„Ich hatte einen Pyjama an, als ich 8, 9, 10 Jahre alt war. Auch mit 17 hatte ich einen Pyjama an.“

Die Wucht, mit der „Männerwelten“ in den sozialen Medien eingeschlagen ist, ist durchaus beeindrucken. Auf Instagram wurde das Video rund 19 Millionen Mal, auf YouTube vier Millionen Mal gesehen. Auf Twitter wurde der Hashtag „Männerwelten“ zigtausendfach benutzt. Anne Will teilte das Video auf Twitter mit der Überschrift „Pflichtprogramm“ und auch Außenminister Heiko Maas bedankte sich für diesen wichtigen Beitrag. Der Tenor in den sozialen Medien macht deutlich: „Männerwelten“ muss man(n) gesehen haben. Einige kritisierten jedoch ebenso, dass (fast) nur Frauen der Mehrheitsgesellschaft im Video gezeigt werden. Denn die fehlende Perspektive von LGBTIQ-Menschen, Women of Color oder Frauen mit Behinderung ist keine Kleinigkeit: Frauen mit Behinderung sind zwei- bis dreimal so häufig von sexualisierter Gewalt betroffen wie andere und Women of Color deutlich häufiger Opfer digitaler Gewalt.

Dennoch bietet die digitale Ausstellung „Männerwelten“ einen Anstoß für erneute Debatten in Deutschland. Denn auch nach über 100 Jahren Feminismus ist es wichtig, sexualisierte Gewalt öffentlich zu problematisieren. #MeToo hat bereits 2017 die Debatte wieder auf den Tisch gebracht, doch durch die aktuelle Corona-Pandemie scheint das Thema wieder mehr denn je in Vergessenheit geraten zu sein, dabei bleiben Belästigung und Gewalt Alltag vieler Frauen.

Ein Novum ist das Thema der sexuellen Belästigung an Frauen in der Literatur nicht. Eine Reihe von Büchern beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit der Thematik. Schon Virginia Woolf thematisierte in „A Room of One’s Own“ derartige Themen. Das Werk zählt heute zu den meistrezipierten Texten der Frauenbewegung. Auch die Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski problematisiert in ihren Werken feministische Thematiken. In ihren Büchern „Die letzten Tage des Patriarchats“ und „Untenrum frei“ verdeutlicht sie, wieso Feminismus wichtiger denn je ist und zeigt die fehlende Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft auf. Im Jahr 2017 enthüllten die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey die Missbrauchsvorwürfe gegen Hollywood-Produzent Harwey Weinstein und setzen damit den Startschuss der #MeToo-Bewegung. In dem Buch „She Said“ erzählen die Reporterinnen die ganze Geschichte über die Enthüllung um Weinstein und machen deutlich, wie sexuelle Übergriffe im alltäglichen Leben von Frauen präsent sind. Ebenso lesenswert ist das Buch „We Should All be Feminists“ von Chimamanda Ngozi Adichie. Chimamanda Ngozi Adichie, die ursprünglich aus Nigeria stammt und heute in den USA lebt, befasst sich in dem Buch „We Should All be Feminists“ mit der Definition des Feminismus für das 21. Jahrhundert.

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Vanessa Angenendt

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