Ehrentag für Pippi Langstrumpf: Eine Kindheitsheldin wird 75

Seit 75 Jahren lassen Astrid Lindgrens Geschichten von Pippi Langstrumpf Kinderherzen höher schlagen. (Bild: Marie Thauern)

Sie ist frech, sie ist stark, sie will für immer Kind bleiben – und das schon seit 75 Jahren. Die kommende Woche steht unter dem Motto: Pippi Langstrumpf lebe hoch! Auch im Jubiläumsjahr von Pippi Langstrumpf wird der 21. Mai als ihr Geburtstag gefeiert. Und das obwohl Astrid Lindgrens berühmtes Kinderbuch erst gegen Ende des Jahres 1945 beim schwedischen Verlag Rabén & Sjögren erschien. Ihren Geburtstag verdankt Pippi der Tochter ihrer Schöpferin, Karin Lindgren (heute Nyman). An ihrem zehnten Geburtstag, dem 21. Mai 1944, bekam Karin das Manuskript von ihrer Mutter geschenkt und wurde so zur ersten Leserin der Geschichten um Pippis Abenteuer. Moment mal – 1944? Genau, wenn man sich nach dem Datum ihres eigentlichen Geburtstags richtet, wird Pippi in diesem Jahr schon 76 Jahre alt. Jubiläumsjahr ist trotzdem 2020, weil es sich an dem Erscheinungsjahr des ersten Buchs orientiert. Was für ein Durcheinander! Aber so kennen wir Pippi Langstrumpf: Chaotisch mit den Zahlen und immer für eine Überraschung gut.

Die Figur der Pippi ist sogar noch älter als die heute bekannten Geschichten über sie. Bereits 1941 beginnt Astrid Lindgren ihrer Tochter von dem sommersprossigen Mädchen zu erzählen. Denn nicht nur Pippi Langstrumpfs Geburtstag geht auf Karin Lindgren zurück: Sie ist auch Erfinderin ihres Namens. Als die siebenjährige Karin an einer Lungenentzündung erkrankt und im Bett bleiben muss, bittet sie ihre Mutter um eine Geschichte von „Pippi Långstrump“. Und Astrid erzählt. Von dem Mädchen, das mit Pferd und Äffchen in der Villa Kunterbunt lebt, und sich die Welt nach ihren eigenen unkonventionellen Regeln erschafft. Drei Jahre lang erzählt sie die Geschichten nur ihren Kindern und deren Freund*innen. Erst 1944 kommt ihr die Idee, sie aufzuschreiben, um auch andere Kinder daran teilhaben zu lassen. Diesmal ist es die Schriftstellerin selbst, die ans Bett gefesselt ist. Sie hat sich den Fuß verstaucht, als sie auf einer vereisten Stelle ausgerutscht ist. Die gewonnene Zeit nutzt sie, um die Geschichten aufzuschreiben, die so beliebt sind bei ihren jungen Zuhörer*innen. Außer an ihre Tochter gibt sie das Manuskript auch an den Verlag Bonnier weiter. Dieser lehnt es jedoch ab und so kommt es erst im Folgejahr zur Veröffentlichung, als Astrid Lindgren ein überarbeitetes Manuskript im Rahmen eines Schreibwettbewerbs beim Verlag Rabén & Sjögren einreicht und gewinnt. Die Reaktionen auf das Kinderbuch sind gemischt. Einige Kritiker*innen sorgen sich um den Einfluss, den die aufmüpfige Pippi auf ihre Kinder haben könnte. Die Kinder selbst jedoch sind begeistert und so gelingt es Pippi trotzdem, in zahlreiche schwedische Kinderzimmer einzuziehen.

Nicht weniger bemerkenswert als ihre Entstehungsgeschichte ist Pippi Langstrumpfs Weg zu uns nach Deutschland: Nachdem fünf deutsche Verlage das Buch wegen der kritischen Stimmen aus Schweden abgelehnt haben, fällt es Anfang 1949 dem Verleger Friedrich Oetinger auf seinem Besuch in Schweden in die Hände. Mit der Veröffentlichung von Pippi Langstrumpf wirft er sein gesamtes Verlagskonzept um. Aus dem ehemaligen Verlag für sozial- und wirtschaftswissenschaftliche sowie pädagogische Literatur wird ein Kinderbuchverlag. Bis heute ist das Kinder- und Jugendbuchprogramm der Schwerpunkt der Verlagsgruppe Oetinger und Deutschland das Land, in dem die Pippi-Langstrumpf-Bücher mit 8,6 Millionen verkauften Exemplaren den größten Erfolg erzielten.

Das Jubiläum einer solch bedeutsamen Figur wird vom Verlag natürlich gefeiert: Anlässlich ihres Geburtstags sind bei Oetinger Ende April Neuausgaben der Pippi-Langstrumpf-Bücher mit den Originalillustrationen aus den schwedischen Ausgaben sowie zahlreiche neue Bücher und Spielzeuge rund um Pippi Langstrumpf erschienen. Außerdem unterstützt der Verlag die Kampagne „Pippi of Today“, die von der Astrid Lindgren Company zusammen mit Save the Children zum Jubiläumsjahr ins Leben gerufen wurde. Die Aktion soll auf das Schicksal geflüchteter Mädchen aufmerksam machen.

Auch das ZDF feiert das Jubiläum des berühmten Rotschopfs. Pippis Geburtstag am kommenden Donnerstag wird zu ihrem Ehrentag erkoren. Im Vor- und Nachmittagsprogramm würdigt der Sender das rebellische Mädchen auf ZDF und ZDFneo mit den vier bekanntesten Pippi-Langstrumpf-Filmen mit Inger Nilsson in der Hauptrolle. Die Drehbücher zu den Spielfilmen hat übrigens ebenfalls Astrid Lindgren geschrieben. Zur Primetime steht die Autorin dann selbst im Mittelpunkt mit der Ausstrahlung des Biopics Astrid.

Längst ist Pippi Langstrumpf aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken. Die Werte, die die Geschichten vermitteln, bleiben aktuell. 1959 formulierte Astrid Lindgren es so:

„Wenn ich jemals beabsichtigt hätte, die Figur der Pippi zu etwas anderem als der Unterhaltung meiner jungen Leser dienen zu lassen, so wäre es dieses: ihnen zu zeigen, dass man Macht haben kann, ohne sie zu missbrauchen.“

Eine Botschaft, die mit der Zeit nichts von ihrer Wichtigkeit verloren hat. Noch immer erreicht sie viele neue und alte Fans in Büchern und Adaptionen. In 77 Sprachen sind die Geschichten inzwischen übersetzt worden und neben den vier bekanntesten Filmen gibt es außerdem Serien, Theaterstücke und weitere Verfilmungen von Pippis Abenteuern. Eine Neuverfilmung fürs Kino ist in Zusammenarbeit mit der Astrid Lindgren Company bei Studiocanal und Heyday Films bereits in Planung. Hoffentlich dürfen also noch viele weitere Generationen von Pippi lernen und sich an ihren verrückten Ideen erfreuen!

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Eva Beckmann

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