„Beschäftigung mit Literatur ist vielleicht gar nicht so dumm“ – Michael Sommer im Interview

Das Darstellerensemble von „Der Hobbit“ besteht aus vielen Playmobilfiguren, bei denen besonders die Zwerge sich nur durch Kleinigkeiten voneinander abheben. Bild: Michael Sommer

Auf seinem YouTube-Kanal Sommers Weltliteratur to go erweist der Dramaturg, Regisseur und Autor Michael Sommer Playmobilfiguren ein Maß an Aufmerksamkeit, das selbst von Kindern nicht übertroffen werden kann. Denn die kleinen Spielfiguren sind Teil seines Darstellerensembles und aus diesem Grund wöchentlich für die Inszenierung eines Werkes der Weltliteratur im Einsatz (Digitur berichtete). Aber welche Meinung vertritt Sommer selbst gegenüber Literatur? Im Interview mit unserer Redakteurin Annika Vahle steht der gebürtige Nordhesse Rede und Antwort, was unter anderem seine persönlichen Vorlieben, den Unterschied zwischen deutschem und englischem Schrifttum sowie die zukünftige Position der Literatur in Zeiten des digitalen Wandels betrifft.

Digitur: Herr Sommer, auf Ihrem Youtube-Kanal vereinen Sie die Medien Buch und Internet. Wie notwendig sehen Sie interdisziplinäre Studiengänge, die eine Literatur- und Medienwissenschaft umfassen?

Michael Sommer: Sprache und Literatur sind Medien, ebenso wie eine Fernsehserie oder Wikipedia. Die Unterscheidung zwischen ‚Totholzmedien‘ auf der einen und elektronischen Medien auf der anderen Seite ist ein bisschen Old School und geht auch an der akademischen Wirklichkeit vorbei, denke ich. Schon zu meiner Studienzeit (und das ist immerhin zwanzig Jahre her) hatte sich die Einsicht durchgesetzt, dass sich literaturwissenschaftliche Techniken durchaus effizient auf Filme oder Reiseführer anwenden lassen, was fleißig getan wurde. Muss man heutzutage die Aspekte der Veränderung des Literaturbetriebs durch die Informationsrevolution in das Studium der Literaturwissenschaft einbinden? Auf jeden Fall. Muss man sich obligatorisch mit The Big Bang Theory beschäftigen? Ja ne, natürlich nicht, es muss sich ja auch keiner auf althochdeutsche Grabinschriften spezialisieren. Muss das Ganze dann nicht eigentlich „Medienwissenschaft“ heißen? Konsequenterweise wohl schon, obwohl ich merkwürdig sentimental bin, was den Begriff „Literatur“ betrifft. Deutschland ist ja ein Land, das eher arm an natürlichen Ressourcen ist, aber kulturell haben wir ein bisschen was zu bieten und dazu gehören einige große Kunstwerke der Literatur. Demgegenüber müssen wir uns des bleibenden Wertes der meisten neuen Medien noch versichern und ich glaube auch, dass da noch viel Luft nach oben ist. Ist ja immer so, wenn ein neues Medium erfunden wird, es dauert, bis jemand daherkommt, der seine Möglichkeiten wirklich auslotet. Also kurz gesagt: Interdisziplinär selbstverständlich, aber ein Ausgehen von der Beschäftigung mit Literatur ist vielleicht gar nicht so dumm.

Digitur: Glauben Sie, dass das Medium Buch in der Zukunft komplett durch neue (audiovisuelle) Medien abgelöst wird?

Michael Sommer: Es gibt in meiner Wahrnehmung tatsächlich den Trend zu einem neuen Analphabetismus. Kinder lernen schneller Fotos und Videos zu machen, zu schneiden, zu posten, als sie richtiges Sprechen lernen, vom Lesen und Schreiben mal ganz zu schweigen. Ich sehe dies als einen gefährlichen Trend, weil das Erlernen der Schriftsprache eine superwichtige kognitive Basis für das weitere Lernen bildet. Audiovisuelle Medien haben viele Vorteile, sie sind schneller und leichter zu konsumieren, aber sie haben, was das Werkzeug Sprache betrifft, auch einen entscheidenden Nachteil: Ihre Präzision ist in der Regel geringer und sie erreichen unter keinen Umständen dieselbe Informationsdichte wie geschriebene Sprache. Natürlich kann das auf Papier gedruckte Buch ohne Weiteres durch E-Books ersetzt werden – ich selbst lese vorwiegend E-Books – aber ich sehe weit und breit kein Medium der Wissenschaft, der Erkenntnis, des Lernens, das so sinnvoll und praktikabel wäre wie ausformulierte Sprache.

Der Mann hinter dem YouTube-Kanal: Der Dramaturg, Regisseur und Autor Michael Sommer. Bild: Antonia Pütz

Digitur: Wenn Sie noch einmal studieren könnten, würden Sie sich wieder für die Fächer englische und deutsche Literatur entscheiden?

Michael Sommer: Wenn ich nochmal studieren würde, würde ich möglicherweise etwas komplett anderes machen, vielleicht Jura oder Landwirtschaft. Je mehr ich über Bildung nachdenke, desto mehr gelange ich zu dem Schluss, dass nichts so bildend ist, wie ein lustvoller Umweg. Ich habe ja Literatur studiert, um am Theater zu arbeiten, wobei ich nicht ganz sicher bin, was von beiden der größere Umweg war. Alles in allem jedoch glaube ich, dass man am meisten lernt, wenn man etwas praktisch macht. Deshalb war der wichtigste Teil meines Literaturstudiums vielleicht die vielen Studententheaterproduktionen, mit denen ich meine Zeit verschwendet habe. Also das Kulissenbauen, die Sponsorensuche, die Verhandlungen über einen Probenraum.

Digitur: Gefällt Ihnen denn die englische oder deutsche Literaturwelt besser?

Michael Sommer: Man nimmt Literatur in der eigenen Muttersprache immer kritischer wahr als in einer Zweitsprache, würde ich behaupten. Die Sensibilität für Zwischentöne kann man selbstverständlich mit den Jahren auch in einer anderen Sprache entwickeln, wenn man intensiv darin eintaucht, aber es wird immer einen Grad der Distanz geben, der bei mir zumindest eher die Wahrnehmung sprachlicher Schönheit begünstigt. Anders gesagt: Ich denke, ich liebe deutsche Literatur inniger, aber ich hasse sie auch inniger. Im Englischen finde ich mehr Schönes, es geht mir aber nicht so nah.

Digitur: Wenn Sie in die Welt eines Ihrer bereits als to go-Videoversion zusammengestellten Werkes eintauchen dürften, welches würden Sie wählen? Und würden Sie in dem Werk gerne die Rolle einer bestimmten Figur einnehmen?

Michael Sommer: Es gibt so viele Welten, die ich gern zeitweise (zwischen den Deckeln eines Buches) bewohne – zuletzt ist mir wieder Schloss Gripsholm von Kurt Tucholsky in die Finger gekommen, aus dem der ganze Mittsommer in Schweden weht. Eines meiner Lieblingsstücke, mit dessen Hauptfigur ich mich zumindest als junger Mensch auch sehr identifiziert habe, ist Cyrano de Bergerac.

Beim Dreh muss jede Playmobilfigur an der richtigen Stelle positioniert werden. Bild: Michael Sommer

Digitur: Für Sie bedeutet Literatur „gut geschriebene Kunst, die nicht stereotyp ist, sondern Unerhörtes zum Ausdruck bringt“. Gibt es denn trotzdem Werke, die sich einfacher umsetzen lassen als andere?

Michael Sommer: Ich bin kein Philosoph, deshalb diese sehr schlichte Definition des großen Wortes. Was stereotyp ist, ist bloß reproduzierend, aber man kann nicht stereotyp sein und trotzdem mehr oder weniger komplex. Meine Technik der Zusammenfassung ist immer figuren- und handlungsorientiert. Wenn es eine Hauptfigur mit einem mehr oder weniger klaren Problem gibt, die im Verlauf des Werkes dieses löst oder wahlweise daran scheitert, dann lässt sich das in dieser Technik leicht zusammenfassen. Umgekehrt wird’s schwierig, wenn es zu viele Figuren, zu viele Probleme oder zu viele Lösungsversuche gibt. Oder wenn Figuren und Handlung gar keine Rolle mehr spielen. Ich sage mal Jelinek oder Joyce.

Digitur: Ihr Kanal knackt bald die 13 Millionen-Aufrufe-Marke. Wie gehen Sie mit diesem Erfolg um, hat sich für Sie viel verändert?

Michael Sommer: Ich sage es ganz offen: Die Tatsache, dass viele Leute, insbesondere viele junge Menschen, insbesondere Schüler diese Videos anschauen, ist ein wesentlicher Grund für mich, weiterzumachen. Ich glaube, die meisten Menschen möchten, dass ihre Arbeit eine gewisse Wirksamkeit hat – und diese Wahrnehmung ist sehr motivierend. Das selbstgesteckte Pensum von einem Video pro Woche, das ich seit Anfang 2015 aufrechterhalte, lässt mich manchmal auf dem Zahnfleisch gehen und fordert viel Disziplin, Organisation und hin und wieder schlichte Zauberei. Da ich YouTube auch Werbung vor den Videos schalten lasse, generiere ich auch Einnahmen damit – auch das ist ein wesentlicher Antrieb, um weiterzumachen. Leben kann ich von diesen Einnahmen nicht, dafür sind es zu wenige, aber es ist ein wesentlicher Faktor, um zu legitimieren, dass ich viel Zeit mit dem Kanal verbringe, gerade innerhalb der Familie.

Digitur: Zum Abschluss noch zwei scheinbar einfach zu beantworten wirkende Fragen. Was lesen Sie momentan?

Michael Sommer: Clockwork Orange von Anthony Burgess und Das Geisterhaus von Isabel Allende. Es bleibt neben den Lektüren für den Kanal leider nicht so viel Zeit, wie ich gern hätte, um auch andere Dinge zu lesen.

Digitur: Haben Sie eine*n Lieblingsautor*in?

Michael Sommer: Es gibt da einige, aber wenn ich mich für einen entscheiden muss, dann wähle ich Lessing. Andere Leute haben Schöneres geschrieben, aber wenige Leute Wichtigeres.

 

Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Sommer für das interessante Interview und sind gespannt, welche Werke als nächstes mit Playmobilfiguren auf dem Kanal veröffentlicht werden. Wie wäre es mit Der Unbestechliche von Hugo von Hofmannsthal?

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Annika Vahle

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