Über familiäre Verwurzelung und die Sehnsucht nach Heimat – Rezension zu Bremers Generationenroman Olivas Garten

Macht es euch in der eigens eingerichteten Lese-Ecke der LK-Bibliothek gemütlich und taucht ein in die literarischen Welten des Mittelmeerraums. Bild: Universität Duisburg-Essen

Im Rahmen des Projektes Eine Uni – ein Buch finden an der Universität Duisburg-Essen Veranstaltungen und Vorlesungen rund um den Roman Olivas Garten statt. Zudem konnte die Universität die Autorin Alida Bremer als Poet in Residence für das Wintersemester 2019/2020 gewinnen. Grund genug also, sich ausführlich mit Olivas Garten auseinanderzusetzen.

Heimat ist in aller Munde, doch was verbindet uns mit dem Ort, an dem wir uns heimisch fühlen? Sind es die Bewohner*innen, das Essen, die Natur oder Abstrakteres wie die Geschichte des Orts oder ein Gefühl der Zugehörigkeit und Geborgenheit? Bremers autobiografisch inspirierter Roman aus dem Jahr 2013 behandelt diese Thematik auf eindrückliche Weise. Die Leser*innen begleiten die seit geraumer Zeit in Münster lebende Ich-Erzählerin Alida bei ihrer Rückkehr in ihre (alte) Heimat Kroatien, genauer gesagt: nach Dalmatien. Dort versucht die Protagonistin, das Erbe ihrer Großmutter Oliva anzutreten, die ihr einen Olivenhain hinterließ. Die Rückkehr entpuppt sich aber zunehmend als eine Reise in die Vergangenheit ihrer Familie, die im Roman bis hin zur Ururgroßmutter erzählt wird. Es entspinnt sich eine verzweigte Familienhistorie, die sechs Generationen umfasst und etwa hundert Jahre kroatischer Geschichte detailliert abzudecken vermag.

Die Kapitel spielen zumeist jeweils an einem Ort, wobei zwei zeitliche Bezüge aufgemacht werden: Zum einen schreitet die Handlung in den Jahren zwischen 2008 und 2011 fort und behandelt die Abwicklung des Erbantritts in Kroatien. Zum anderen wird mittels Zeitsprüngen die Familienhistorie aus der Perspektive der weiblichen Familienmitglieder geschildert. Beide Handlungsstränge werden weitestgehend chronologisch erzählt und durch gesonderte Einschübe zwischen den Kapiteln erweitert, in denen die Gedankenwelt der Großmutter Oliva behandelt wird. Diese Einblicke in den Kopf der schweigsamen Großmutter schwanken qualitativ zwischen der gelungenen Darstellung einer durch Krieg und Gefangenschaft traumatisierten Frau und der Verwendung von Metaphern und Vergleichen, die in Kitschgefilde abdriften:

Dieses Leben dauert doch schon endlos, denkt sie, ich war immer schon da, nur dass ich nicht darüber nachdenken mag. Viel lieber wäre ich eine Kapernblüte, die ist so viel schöner als eine alte Frau. Jetzt schwimmen die Kapern in der Soße, dunkelgrüne Inselchen umschifft von hellgrünen Schiffchen aus Salbei.

Bremer lässt im Romanverlauf eine Vielzahl von Familienmitgliedern auftreten, die durch ihre stereotype Zeichnung nur selten die nötige Tiefe entwickeln können und deshalb auf literarischer Ebene nur bedingt funktionieren. So wird Alidas Mutter Flora schlicht als konfliktscheue Person dargestellt, die alle Konfrontationen mit einem „nema problema“ abzublocken versucht. Alidas Vater Ivan wird als fanatischer Hobbykoch und Repräsentant der kroatischen Küche porträtiert, aber auch bei ihm findet kaum eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dessen Innenleben statt. Über ihn wird jedoch ein zentrales Motiv des Romans, die Liebe zum Essen, eingeführt. Essen steht in Kroatien für mehr als die bloße Nahrungsaufnahme. Es ist ein mediterranes Lebensgefühl, das zelebriert wird. Das Tischgespräch beim gemeinsamen Essen hilft den Familienmitgliedern, mit Schicksalsschlägen umzugehen und ihren Zusammenhalt zu stärken. So kocht oder isst Oliva fast immer etwas, wenn sie sich an traumatische Ereignisse aus ihrer Vergangenheit erinnert. Die tragende Figur des Romans ist jedoch Paulina, die Urgroßmutter der Erzählerin, die sich nach dem Tod ihres Ehemanns von Gott abwendet, leichtgläubige Dorfbewohner*innen belehrt und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat.

Auf erschütternde Weise fängt Bremer die Schrecken des Kriegs und die damit einhergehende Vertreibung und Verfolgung der kroatischen Bevölkerung ein, unter denen einige Familienmitglieder leiden mussten und deren Konsequenzen die lebenden Familienmitglieder immer noch spüren. Die Autorin meistert es, die komplizierten politischen Verflechtungen von beinahe hundert Jahren kroatischer Geschichte auf etwas mehr als dreihundert Seiten verständlich aufzubereiten. Die Leser*innen begleiten die Familie durch die Zeiten des jugoslawischen Königreichs, des Zweiten Weltkriegs, der Diktatur unter Tito bis hinein in die 2000er-Jahre, in denen die Bewohner*innen gegen korrupte politische und bürokratische Strukturen ankämpfen müssen. Erfahrbar wird dieser ,Kampf̕ durch die Erzählerin, die sich mit aberwitzigen bürokratischen Hürden auseinandersetzen muss, um ihr Erbe antreten zu können. Dieses Ankämpfen gegen Windmühlen wird humoristisch aufbereitet und teils ironisch gebrochen, was allerdings konträr zur bedrückenden Atmosphäre läuft, die durch die grauenvollen Kriegsschilderungen kreiert wird:

Beerdigt wird ein verdienstvoller Genosse, der im Krieg berüchtigt für seine Strenge war, ein entschlossener Partisan, der damals, als sich sieben alte Männer und achtzehn Frauen mit ihren Kindern in der Hütte in der Nähe von Tribunj versteckten, während italienische Einheiten das ganze Gebiet engmaschig durchkämmten, mit seiner breiten und festen Hand das Baby der unglücklichen Jela erstickte, weil es nicht aufhören wollte zu weinen.

Charakteristisch für Bremers Schreibstil sind die langen hypotaktischen Sätze, die präzise Beschreibungen enthalten und durch zahlreiche Einschübe angereichert sind. Olivas Garten ist nicht nur ein düsteres Abbild eines durch Kriege geprägten Landes, sondern auch ein die Sinne ansprechender Roman, der ein mediterranes Ambiente zum Leben erweckt. Die Leser*innen können förmlich das Rauschen des Meeres hören, die kulinarischen Köstlichkeiten schmecken, die sengende Sonne spüren. Der Olivenhain und das Haus von Alidas verstorbener Großmutter Oliva erinnern die nach Deutschland ausgewanderte Enkelin an ihre familiäre Verwurzelung in Vodice, das sich jedoch wie ganz Kroatien im Wandel befindet. Finanzstarke Investorinnen* und Investoren* wollen vom Tourismusboom profitieren und kaufen zunehmend Land und Häuser auf, um Luxusressorts entlang der Adria zu bauen. Die rasante Veränderung der Bevölkerung, Landschaft, Architektur und Natur eines Ortes zu Zwecken der Gewinnmaximierung in einem kapitalistischen System führt zu einer zunehmenden Entfremdung der ursprünglichen Bewohner*innen von ihrer Heimat. Dieser Prozess wirft die Frage auf, ob Heimat nicht ein zeitlich befristetes Konstrukt ist, das so vergänglich ist, wie die Menschen, die diesen Ort bewohnen.

Über die Gesamtlänge kann der Roman keine Sogkraft entwickeln. Dafür fehlt es dem Handlungsstrang, der die Erbabwicklung behandelt, an Spannung, was auch an der recht farblosen Ich-Erzählerin liegen mag. Die abrupten Atmosphärenwechsel, die sich durch die verschiedenen Handlungsstränge ergeben, tragen ebenfalls nicht zum Lesefluss bei. Gleichwohl eröffnen sich zahlreiche spannende Themenfelder (Heimat, Feminismus, Distanz, Familie, Identität u. v. m.), die zur Diskussion anregen und für die sich die Lektüre lohnt. Bremer gelingt es zudem, die hervorragend recherchierten historischen Quellen mit einer (bzw. teilweise der eigenen) Familienhistorie zu verweben und ein differenziertes Abbild des turbulenten 20. Jahrhunderts Kroatiens zu zeichnen, das kapitelweise zu fesseln vermag. Folglich ist Olivas Garten nicht nur Geschichtsinteressierten* und Liebhaber*innen des europäischen Mediterraneums zu empfehlen. In den kommenden Wochen wird Digitur das Projekt Eine Uni – ein Buch weiterhin begleiten und euch über unsere Kanäle unter dem hashtag #einbuchude auf dem Laufenden halten.

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