Achill, (k)ein Vieh? Über Ehrenkodexe und weinende Könige

Was haben Sherlock Holmes und Achill gemeinsam? Sie sind kreative Schöpfungen, die ein Eigenleben entwickelt haben. In solch einem Ausmaß, dass sogar mit Regelmäßigkeit davon ausgegangen wird, dass es sich um historische Persönlichkeiten handelt. Bei dem einen weniger, bei dem anderen mehr. Wie es typisch für wirkmächtige und ikonische Figuren ist, rücken ihre Erschaffer in den Hintergrund. Zusammen mit ihren Ursprüngen. Über die langen Jahre der Rezeption haben sich in unserem Kollektivgedächtnis bestimmte Vorstellungen solcher literarischen Charaktere eingebrannt. Sie werden immer wieder genutzt, um neue und andere Geschichten mit ihnen zu erzählen.

Das Phänomen Achill

Neben anderen Helden aus den homerischen Großepen, wie Odysseus, erfreut sich Achill noch heute einer großen Beliebtheit.  Autoren (wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Heinrich von Kleist, Heinrich Heine, um einige von vielen zu nennen) und Autorinnen greifen auf ihn zurück. Sie erzählen seine Geschichte aus ihrer Sicht, mit den Werten ihrer Zeit. Sie erschaffen so eine eigene Version des Achill. Das hatte zur Folge, dass Achill eine Karikatur seiner prominentesten Charakterzüge wurde: Kampfeswille und Brutalität sind sein. Dieses Bild wurde nicht zuletzt  stark durch Christa Wolfs Roman Kassandra (1983) geprägt, dem im nächsten Jahr das 40. Jubiläum bevorsteht. In ihm heißt es:

„Achill das Vieh, Achill das Vieh. Und jeder Sänger, der den Ruhm Achills zu singen wagte, stürbe auf der Stelle unter Qualen. Zwischen der Nachwelt und dem Vieh ein Abgrund der Verachtung oder des Vergessens. Apollon, wenn es dich doch gibt, gewähre dies.“ (Kassandra, S. 93)

Zuletzt kittete Madeline Miller mit ihrem Werk The Song of Achilles (2011) die vernachlässigte gute Seite des Achills wieder zusammen, indem sie ihn als emotionalen, intelligenten, gradlinigen und emphatischen Liebhaber des Patroklos porträtierte. Die verschiedenen Ausformungen des Achill sind wie Zweige, die von ein und demselben Stamm ausgehen. Was liegt an den Wurzeln? Lasst uns eine Zeitreise unternehmen! Wie kann es gleichermaßen zu Hass- und Liebesprojektionen kommen?

Ein vorbildlicher Krieger

Die homerische Figur des Achilleus ist heute in Vergessenheit geraten. Er war ein zutiefst komplexer Charakter. Sein Urbild, welches der deutsche Altphilologie Joachim Latacz in Achill – Wandlungen eines europäischen Heldenbildes (1995) nachzeichnet, steht dem von Christa Wolf entgegen: Achill sei freundlich und gerecht, wo er es sein müsse, zornig und aggressiv, wenn es geboten wäre, stark und mitleidlos, wo Mitleid in den Selbstmord führen würde. Er ist wahrheitsliebend, wo andere (wie Odysseus) Listen benötigen würden, ein guter Freund, gottesfürchtig, schön und ein großer Kämpfer. Achill ist fähig, gegen die Impulse und Gelüste zu steuern. In neueren Achill-Bildern, besonders bei Wolf, wird diese Fähigkeit, die ihn auszeichnet, verworfen.Wurde Achill etwa seit Jahrhunderten fehlinterpretiert? Wie konnte es dazu kommen, dass wir oft den blutdurstigen Helden vor Augen haben, wenn wir seinen Namen lesen? Um das zu verstehen, müssen wir nachvollziehen, wofür Achill zu Homers Zeit, stand.

Mehr als Literatur

Achill ist nicht bloß eine rein literarische Erscheinung. Welche literarische Figur ist das schon? Er ist nach Latacz das Abbild des Ideals des Adelsstandes im 8. Jahrhunderts v. Chr. Er ist Homers Versuch, dem Adel, der seinen Platz in der herangebrochenen Renaissance des 8. Jahrhunderts neu zu definieren sucht, einen Vorschlag zu machen. Folglich ist die Ilias praktizierte Adelsethik. Achill ist ein Leitbild für jenen Adel, das damals mit Bejahung angenommen wurde. Untersucht man diesen von Homer dargestellten Adelskodex, wird Achills vorbildlicher Charakter deutlich.

Die adligen Gebote sind essenziell, um Achill zu verstehen. Das – nach Latacz – „Fundament“ dieses Kodexes benennt Achills Vater Peleus in seinen Abschiedsworten an seinen Sohn. Bevor Achill in die Schlacht um Troja zieht, rät Peleus ihm: „Stets sich als Bester bewähren und trefflicher sein als die andren!“. Peleus meint nicht das egoistische Streben nach Erfolg, sondern das Bewusstsein darüber, dass Achill dem adligen Stand angehört. Er soll sich als „Bester“, als Adliger unter Adligen, ehrgeizig um entsprechendes Verhalten bemühen.

Neben diesem Grundsatz ist der Adelskodex durch menschliche Werte wie Freundlichkeit, Loyalität, Mitleid und Gerechtigkeitssinn definiert. Der Kodex umfasst auch das Gebot, ein guter Kämpfer zu sein – auf das Achill bereits in der Antike reduziert wurde. Die höchsten Werte sind die Achtung anderer und Ehre. Vor allem aber der Erhalt der eigenen. Eine Ehrverletzung kommt einer Verleumdung des  Adligen gleich.

Der Groll des Achill als Aufhänger für Autorinnen und Autoren

Seine Wut in der Illias ist es, die bis heute überdauert. Sein Groll gegen den Heerführer Agamemnon. Es ist verwunderlich, doch genau diese Wut ist laut dem Adelskodex berechtigt. Sie  entsteht, weil Agamemnon Achill Briseis, seine Beutefrau, abspricht. Dies ist nach dem Adelskodex eine Ehrverletzung. Möchte sich Achill kodexkonform verhalten, ist es seine Pflicht, gegen Agamemnon aufzubegehren. Würde er dies nicht tun,  würde das den Verlust der Ehre bedeuten. Die Ehre, wird sie verletzt, lässt sich auch nicht durch Geldgaben wiederherstellen. Im Gegenteil: Das würde eine weitere Entehrung bedeuten. So ist es nicht bösartig oder kindisch, wenn Achill nach dem Steit um Briseis Agamemnons Versöhnungsangebote ausschlägt. Achill zeigt: Er ist nicht käuflich. Seine Ehre ebensowenig.

Zu „Achill das Vieh“ baut sich mit dem Ur-Achilleus ein Gegenbild auf. In Wolfs Kassandra ist der Griechen ein negativ porträtiertes Monster, ein mordender, lüsterner, frauenfeindlicher Mann. Das ist eine einseitige Darstellung, welche Achills Aggression und seine kriegerischen Fähigkeiten zuspitzt und ihn darauf reduziert. Uvo Hölscher, ebenfalls deutscher Philologe, nennt in Das nächste Fremde (1994) Wolfs Achill eine „Umkehrung der Achill-Gestalt der Ilias“. Sie gleicht einer Verzerrung. Sie hat nichts mit dem Ur-Achilleus gemein.

In Wolfs Hektor-Episode wird dies besonders deutlich. Nachdem Achill Hektor getötet hat (nachdem dieser wiederum Patroklos umbrachte), betont Wolfs Kassandra, wie barbarisch Achill die Leiche des Hektors schändet. Unter seinen Schleifungen um Troja wird sie zu einem Klumpen rohen Fleischs. Es ist nachvollziehbar, dass Wolf die Schändung grausam darstellt – denn das ist sie. Trotzdem wird nicht berücksichtigt, dass es sich bei der Schleifung des Leichnams um eine gängige rituelle Kriegspraktik handelt – Praktiken sind immer im Rahmen ihrer Zeit zu betrachten. Schleifungen gehörten dazu, genau wie es dazu gehörte, Frauen als Kriegsbeute zu erhalten. Dass sich zukünftige und vergangene Generationen daran aufhängen und mit dem Finger darauf zeigen, ist an und für sich gut. Es fördert Aufklärung. Doch: rituelle Kriegspraktiken sollten als das erklärt werden, was sie waren und was sie nicht waren. Sie waren keine zu ihrer Zeit außergewöhnlich grausame Taten des Achill.

Achill im Spiegelkabinett

Gegen den Achill von Wolf lässt sich Fühmanns aus Die Sage von Trojas Fall (1999) stellen. Der Autor zeigt ein mehrschichtiges Bild des Achills. Sein Heros erscheint nah am homerischen Achilleus angelegt: Er ist in einem gewissen Rahmen maßlos, andererseits menschenfreundlich und milde. Seinen Höhepunkt erreicht die Gutmütigkeit des Achills in der sogenannten Hikesie-Szene. Der Vater Hektors, König Priamos, sucht Achills Zelte auf. Er bittet um die Herausgabe der Leiche seines Sohnes. Achill ist von dem Mut des Alten so erweicht, dass er ihn zum Mahl einlädt. Derweil lässt er Hektors Leichnam ansehnlich herrichten.

Schon bei Homer finden Vater und Mörder in ihrer Trauer zusammen und weinen – Priamus um seinen Sohn, Achill um Patroklos und um seinen Vater Peleus, der bald ebenfalls, mit Achills Tod, sohnlos sein wird. Doch die Aussöhnung mit Priamos, die bei Fühmann als Sieg der Menschen über Götter dargestellt wird, ist bei Homer eine Folge göttlichen Handelns. Sie ist nicht der Menschlichkeit des Achill anzurechnen. Hier findet wie bei Wolf eine Umwertung statt, jedoch in die andere Richtung. Sie ist genauso ein Zerrbild des homerischen Achilleus, dessen Handeln in der Hikesie-Szene bei Homer einerseits an den Adelskodex angelehnt (Lösung des Toten durch entsprechenden Gegenwert) und andererseits von den Göttern (Forderung der Herausgabe der Leiche) beeinflusst ist.

 

Fazit

Was Autorinnen und Autoren von Achill halten, hängt von ihrer Perspektive auf den trojanischen Krieg und ihrer literarischen Intention ab. Grundsätzlich wurde sich rezeptionsgeschichtlich aber eher den heiklen Merkmalen des Achills angenommen. Hier setzt eine Problematik ein: Diese Eigenschaften werden bei Homer nicht verschwiegen. Die Maßlosigkeit ist genauso im Achilleus angelegt wie der Sinn für Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Diese Widersprüchlichkeit macht Achill aus. Das ist der Kampf zwischen den Polen, in dem sich der Adel in der Umbruchzeit des 8. Jahrhunderts v. Chr. befindet.

Lutz Walther hält entsprechend fest, dass es sich bei den verschiedenen, auch einseitigen, Achill- Bildern um legitime Varianten handelt. Außerdem ist Schreubenden zuzugestehen, dass sich der homerische Achilleus nur schwerlich als Ganzes aus seinem historischen und kulturellen Kontext entnehmen und in neuere Texte einsetzen lässt. Dafür haben sich die gesellschaftlichen Gegebenheiten seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. zu umfassend verändert. Autorinnen und Autoren verarbeiten das von Achill, was sie benötigen. In diesem Sinne bietet er heute wie damals eines: Orientierung. Er ist Vorbild oder Monster, das uns unsere Werte hinterfragen lässt. Er ist eine Schablone, die jedes Jahrhundert erneut für ihre Zwecke nutzt. Und Achill wiederzubeleben, wie Homer ihn gedacht hat, das wird uns nicht gelingen.

 

(Bildquelle: Pixabay; CC0)

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