Abseits aller Komfortzonen: Emmanuel Achos Versuch die Welt zu verändern

Bild: Emmanuel Acho „Uncomfortable Conversations with a Black Man“, YouTube (2020)

„YouTube“ wird immer mehr auch als Diskussionsplattform für politische und soziale Themen genutzt. So auch von Emmanuel Acho, der auf seinem Kanal mit der Serie “Uncomfortable Conversations with a Black Man” (dt.: Unkomfortable Konversationen mit einem Schwarzen) eine offene und ehrliche Konversation über Rassismus fördern möchte. Der amerikanische Football-Spieler startete die Serie inmitten der „Black Lives Matter“- Proteste in den USA im Sommer 2020. Mit diversen Gästen führt er Gespräche und stellt Fragen, die im Alltag meist unter den Tisch gekehrt werden. Sein Ziel: Die weiße Bevölkerung aufklären, sodass sie gemeinsam mit der Schwarzen Minderheit den Kampf gegen Rassismus angehen können.

 

Nähe schafft Fürsorge, Distanz schafft Angst

„Proximity breeds care, distance breeds fear.” So lautet Emmanuel Achos Mantra. Er argumentiert, dass tiefgehende Konversationen, so unangenehm sie auch sein mögen, ein produktives Mittel sind, um Gemeinsamkeit, Verständnis und Fürsorge füreinander zu schaffen. Andersherum sorgt Distanz und Abgrenzung für immer stärker werdende Angst gegenüber dem Anderen. In Bezug auf Rassismus bedeutet dies, dass die weiße Bevölkerung verstärkt in Austausch mit Schwarzen Minderheiten treten muss. Denn nur so kann Nähe und daraus folgernd eine Gemeinschaft entstehen. Acho geht noch einen Schritt weiter, indem er den unangenehmen Austausch, die Fragen, die sich nie jemand zu fragen traut, und eine Direktheit fördert, die im Alltag ein Tabu darstellen: Er scheut sich nicht weiße Frauen zu fragen, ob sie in der nächtlichen Dunkelheit mehr Angst vor einem Schwarzen oder weißen Mann hätten. Und mit derselben Direktheit fragt er Polizisten der kalifornischen Stadt Petaluma, wann sie das letzte Mal Schwarze Freunde zum Essen eingeladen haben. Die Antwort: vermutlich noch nie.

 

Das Verhängnis gesellschaftlicher Wahrnehmung

Bild: Emmanuel Acho „A Conversation with the Police – Uncomfortable Conversations with a Black Man Ep. 9“, YouTube (2020)

Im selben Gespräch fragte Acho einen der Polizisten, ob er sich unterschiedlich verhält je nach Hautfarbe des Verursachers. Die Antwort ist ein klares „Ja“ seitens des Polizisten. Als Begründung gibt er die gesellschaftliche Wahrnehmung an: Er wisse genau, dass ihn doppelt so viele Augenpaare beobachten würden, wenn er es mit einem Schwarzen Verdächtigen zu tun habe.

Diese Antwort weist auf ein grundlegendes Problem hin, nämlich die gesellschaftliche Wahrnehmung und Erwartung. Wir alle sind soziale, gesellschaftliche Wesen. Die Gesellschaft gibt uns nicht nur Handlungsweisen und Strukturen an die Hand, sondern sie übt auch Druck aus. Im Falle des Polizisten weiß dieser ganz genau, dass Dritte ein Auge auf ihn haben werden, wie er mit einer Schwarzen Person umgeht. Das Beispiel untermalt die enorme Wichtigkeit der Konversation, um Barrieren aufzuheben. Nur, wenn verschiedene Gesellschaftsgruppen regelmäßig im Austausch miteinander stehen, können eine Gemeinschaft sowie gegenseitiges Verständnis und Vertrauen entstehen.

 

Die Notwendigkeit des tiefgründigen Austauschs

Emmanuel Acho adressiert explizit die Unterdrückung von Schwarzen in den USA. Die Notwendigkeit eines tiefgründigen Austauschs jenseits aller Komfortzonen betrifft jedoch sämtliche Situationen, Gesellschaften und Kulturen, in denen unterschiedliche Gruppen aufeinandertreffen und eine davon Macht auf die andere(n) ausübt. Um eines von vielen Beispielen zu geben: Betrachtet man Geflüchtete in Deutschland, so haben diese mit Diskriminierung zu kämpfen. Nicht selten hört man Beschwerden von deutschen Bürgern über schlechte Deutschkenntnisse, den fehlenden Willen der Anpassung und eine hohe Kriminalität. Solche Aussagen zeugen nicht nur von Verallgemeinerung und fehlender Empathie, sondern sie zeigen auch, wie Distanz Angst schaffen kann. Chelsea Handler formulierte es im Gespräch mit Emmanuel Acho ungefähr so: Wir alle wachsen in einer Gesellschaft mit gewissen Strukturen auf, doch es ist ebenso unser aller Aufgabe, diese im Erwachsenenalter zu hinterfragen. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist nicht zu leugnen, denn wenn wir, die im System lebenden Individuen, dieses System nicht hinterfragen – wer dann?

Darüber hinaus verdeutlicht diese Ansicht, wie Ignoranz das Problem befeuert, anstatt es zu lösen. Menschen, die sich von der Diskriminierung von Minderheiten wie Schwarzen, Geflüchteten, Immigranten, Frauen, LGBTQIA+, etc. distanzieren, sie ignorieren, oder als überwunden betrachten, tragen keineswegs zur Lösung bei. Sie leugnen das Problem oder nehmen es einfach hin. Stattdessen sollten wir uns der Wahrheit stellen: Wenn wir uns diskriminierend verhalten, sollten wir dies erkennen und nach dem Grund für das Verhalten suchen. Und wenn unsere Liebsten sich diskriminierend verhalten, sollten wir dies nicht ignorieren. Stattdessen sollten wir sie darauf aufmerksam machen und das unkomfortable Gespräch eingehen. Denn um Diskriminierung zu überwinden, müssen wir dessen Ursache bekämpfen, nicht das Symptom.

 

Bild: www.uncomfortableconvos.com

Für alle Buchwürmer

Um den ehrlichen Diskurs weiter zu fördern veröffentlichte Emmanuel Acho im November 2020 das gleichnamige Buch „Uncomfortable Conversations with a Black Man“, in dem er Fragen seiner weißen Freunde beantwortet und so eine Konversation ermöglicht, die sonst als Tabu gilt. Für die jüngere Generation erscheint im Mai 2021 sein zweites Buch „Uncomfortable Conversations with a Black Boy“. Beide Werke sind englischsprachig, eine deutsche Übersetzung scheint derzeit nicht geplant zu sein.

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Janine Gebhard

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