Feminismus im digitalen Zeitalter

Das Logo der HeForShe-Bewegung vereint die typografischen Gender-Symbole für Mars und Venus
Das Logo der HeForShe-Bewegung vereint die typografischen Gender-Symbole für Mars und Venus. (Quelle: www.heforshe.org)

Feminismus ist im Trend! Diesen Eindruck erwecken zumindest die zahlreichen Beispiele prominenter UnterstützerInnen feministischer Kampagnen und die Häufung der in der letzten Zeit ins Leben gerufenen Aktionen. Ein Beispiel ist die bereits im September 2014 von der UN-Organisation UN-Women gestartete „HeForShe“-Bewegung. Das Ziel: Zunächst vor allem Jungen und Männer für einen Einsatz zur Gleichberechtigung der Geschlechter als „Agents of Change“ stark zu machen. Schauspielerin, Brown University-Absolventin und Everybody’s Darling Emma Watson (Harry Potter, Colonia Dignidad) wurde zwecks des Launches von „HeForShe“ mit einem weiteren Titel versehen: UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte. Seitdem solidarisieren sich prominente VertreterInnen aus Film, Wirtschaft und Politik wie Barack Obama, Justin Trudeau und Frank-Walter Steinmeier mit der Bewegung; Watsons Rede zum „Amtsantritt“ bei den Vereinten Nationen wurde auf YouTube insgesamt fast 9 Millionen Mal angeschaut und mehr als 1,3 Milliarden Menschen haben sich auf der „HeForShe“-Website als Unterstützer registriert.

Im Januar dieses Jahres verkündete die 26-jährige über ihre Social Media-Kanäle die Gründung eines digitalen Buchclubs, der sich monatlich mit einem von ihr ausgewählten feministischen Werk beschäftigt. Über ihre Motivation zu „Our Shared Shelf“ sagt Watson, sie habe im Zusammenhang mit ihrer Arbeit für UN-Women so viele Bücher und Essays über Gleichheit gelesen wie sie in die Finger bekommen konnte, sodass sie ihr erlerntes Wissen nun mit anderen teilen, darüber diskutieren und sich austauschen wolle. „There is so much amazing stuff out there! Funny, inspiring, sad, thought-provoking, empowering! I’ve been discovering so much that, at times, I’ve felt like my head was about to explode…“, verrät Watson, die selbst einen Bachelor-Abschluss in Englischer Literatur hat, in der Beschreibung des Lesezirkels.

Nahezu 130.000 Mitglieder sind dem Club in den letzten fünf Monaten beigetreten und haben gemeinsam Werke von Feminismus-Urgestein Gloria Steinem („My Life on the Road“), Pulitzer-Preisträgerin Alice Walker („The Colour Purple“), Literaturwissenschaftlerin bell hooks („All About Love: New Visions“) und Times-Kolummnistin Caitlin Moran („How to Be a Woman“) diskutiert.

Eine Übersicht der bereits gelesenen und noch kommenden Bücher von "Our Shared Shelf"
Eine Übersicht der bereits gelesenen und noch kommenden feministischen Werke von „Our Shared Shelf“. (Quelle: Our Shared Shelf)

Mit Maggie Nelsons „The Argonauts“ änderte Watson im Mai ihre Ausrichtung auf ein weniger bekanntes Werk und führt diese Richtungsänderung auch bei dem für Juni ausgewählten Graphic Novel „Persepolis“ der iranischstämmigen Comiczeichnerin Marjane Satrapi fort: „The club has been much more international than I had anticipated – and much bigger. […] I’m having to find books that are accessible, cover multiple perspectives and languages, that are unique and not too well known already.“

Diese hohe und stetig wachsende Zahl der von der Initiatorin angesprochen Mitglieder unterschiedlichster Länder, sozialer Hintergründe und Kulturen zeigt vor allem eines: Jede Kritik an den Absichten solch prominenter „AktivistInnen“, jedes Infragestellen der tatsächlichen Wirkung, jeder Vorwurf des Selbstmarketings mag Wahrheit in sich tragen. Doch bei aller Eigenwerbung und möglicherweise dem Verbleiben an der Oberfläche der Probleme erreicht eine Emma Watson mit 21,9 Millionen Twitter-Followern mit jedem Post und jedem Aufruf zur Gleichberechtigung der Geschlechter eine Vielzahl von Menschen. Und bei aller Häme hat so zumindest der Versuch, einen Dialog über Problematiken und Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft anzustoßen, eine Reichweite, die das feministische Rad mit Sicherheit nicht rückwärts dreht.

Ist Feminismus nun im Trend? Hoffentlich nicht, denn Trends vergehen viel zu schnell. Eine Trendwende aber, ist vielleicht die Botschaft der jungen FeministInnen und auch ihre Herangehensweise: Beim Feminismus geht es nicht nur um Frauen, es geht um die Gleichheit der Geschlechter auf allen Ebenen, eine Angleichung in alle Richtungen. Und wenn die Auseinandersetzung mit feministischer Literatur in einem digitalen Raum dabei so viele Menschen vereinen kann – umso besser!

Larissa M. Cremer

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