Zeitgenössisches Entertainment: Das Endgame-Universum

Freys neuster Roman "Endgame" Foto: Oetinger Verlagsgruppe

Freys neuster Roman „Endgame“
Foto: Oetinger Verlagsgruppe

Mit der Veröffentlichung von James Freys neustem Roman „Endgame: Die Auserwählten“ Ende letzten Jahres hat das interaktive Storytelling ein neues Level erreicht. Denn neben dem eigentlichen Werk in gedruckter Form komplettieren eine globale Schatzsuche, ein Augmented Reality Game sowie eine Reihe E-Books und eine Filmtrilogie das Endgame-Universum. Ein crossmediales Abenteuer also, das innovativ und zukunftsweisend daherkommt, gleichzeitig aber die Frage aufwirft, ob solch ein Angebot über den Roman hinaus wirklich wahrgenommen wird.

Der Plot von „Endgame“

Zwölf Meteoriten schlagen an unterschiedlichen Orten auf der Welt ein. Zwölf Teenager aus alten Kulturen, die vor tausenden von Jahren auserwählt wurden, ihr Volk im sogenannten „Endgame“ zu repräsentieren und damit ihre Zukunft zu bestimmen, treten in einem Kampf auf Leben und Tod gegeneinander an − auf der Suche nach einem Schlüssel, der ihre Kultur rettet. Denn nur eine von ihnen kann überleben. Das ist in aller Kürze der Plot der insgesamt dreiteiligen Endzeit-Romanreihe „Endgame“ des internationalen Bestsellerautors James Frey („Tausend kleine Scherben“), deren erster Teil „Die Auserwählten“ bereits im vergangenen Oktober in mehr als 30 Sprachen erschien und wie eine dystopische Post-Apokalypse im Stile der Hunger Games daherkommt.

Doch „Endgame“ ist mehr als nur eine bloße Ergänzung zum Young-Adult-Genre. Vielmehr ist es eine interaktive, multimediale Erfahrung: der Roman wird mit einer Vielzahl an Websiten und Social Media Profilen, mit YouTube Videos, einer globalen Schatzsuche und einer Filmtrilogie, die Ende 2016 über die Kinoleinwände flimmern soll, in bisher nicht dagewesener Art verknüpft.

Das digitale Spiel im Web: Online-Gaming im Endgame-Universum

Glanzstück dieses multimedialen Universums, an dem unter anderem auch 20th Century Fox beteiligt ist, soll aber laut theverge.com und heise.de ein von „Niantic’s Lab“, einem Virtual Reality Start-Up und Tochterfirma von Google, entwickeltes Augmented Reality Game (ARG) werden. „Freys Vision war es, das Buch mit dem Spiel und dem Film zu verbinden und Social Media zu nutzen, um das Endgame-Universum noch größer zu machen“, erklärt „Niantic-Labs“-Chef John Hanke die Idee hinter dem „Endgame“- Universum. Es sollte zu einem Ort werden, „in dem Menschen wirklich im Spieleuniversum leben können“. Durch die Nutzung, Koordinierung und Verbindung multipler Kanäle im Web, unterwegs und in der realen Welt, soll das ARG den Leser in den Mittelpunkt der Geschichte stellen und schließlich eine nahezu reale, vereinte Welt um den Roman herum erschaffen.  Das Spiel von Niantic Labs, der Firma, die bereits Ende 2013 mit dem ARG „Ingress“ von sich Reden machte, soll also auf dem Plot von „Endgame: Die Auserwählten“ basieren und letztlich rund 50-75 Webseiten und Social Media Profile der Charaktere bei twitter und Google+ umfassen. „In der heutigen Welt gibt es so viele Möglichkeiten, die die Menschen einfach nicht ergreifen“, so Frey  über die Entstehung des crossmedialen Abenteuers und erklärt weiter: „Die Idee, dass twitter Teil eines Buches, oder ein Suchergebnis Teil eines Buches, oder ein Spiel Teil eines Buches sein kann, zum Beispiel. Ein Buch ist mehr als das, was auf dem Blatt Papier geschrieben steht. Es kann dich in die reale Welt versetzten, aber auch in die digitale“.

Der crossmediale Platzhalter: Die „Ancient Societies“ Website

Fertig ist das Endgame-Spiel, das hauptsächlich über mobile Endgeräte gespielt werden soll, aber noch nicht. Einzig eine Website zum Spiel ist bereits online: „Ancient Societies“, die als Prequel zum Roman funktioniert und in die Charaktere der zwölf Kulturen sowie deren Geschichte einführen soll. Orientierung auf diesem virtuellen Spielbrett verschafft hier der Charakter Stella, für deren Besetzung extra eine Schauspielerin gecastet wurde. In ihren YouTube Videos und den regelmäßig veranstalteten Google Hangouts gibt sie Tipps, die schließlich mit anderen interaktiven Inhalten und den Hinweisen aus dem Roman zur Lösung eines globalen Puzzles führen soll, bis das für Anfang 2015 angekündigte ARG endlich online geht.

Eine zeitgenössische Form des Entertainments?

Ein crossmediales Lese- und Spiele-Abenteuer also, mit dem das „Endgame“-Universum aufwartet und eine komplett neue Welt außerhalb der uns bekannten, physischen Umgebung schafft. Fragt sich nur, ob und inwiefern das „Endgame“-Modell eine neue Ära des Entertainments einläutet, scheint es doch auf den ersten Blick eine zeitgenössische Ablöse des traditionellen Lesens zu sein. Werden in Zukunft vielleicht noch mehr Verleger, Autoren und Entwickler im ähnlichen Stil in multiplen Kanälen im Web und in der realen Welt veröffentlichen? Es bleibt abzuwarten. Denn bei allem Mehrwert, den das umfassende „Endgame“-Universum für den Moment noch haben mag, auf lange Sicht werden vermutlich nur der Roman und die Filmreihe bestehen bleiben. So erfrischend der Versuch im interaktiven Storytelling also auch erscheint, mehr als das „Drumherum“ des Romans ist es letztlich doch nicht.

Anne Lenhardt

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