Mein liebster Feind: Mr. Hyde

Mr. Hyde, Alter Ego Dr. Jekylls, löst Grauen in jedem Menschen aus, der ihn erblickt. (Bild: Charles Raymond Macauley (1871 – 1934), Public Domain, via Wikimedia Commons)

Wie kann eine Figur, die der Inbegriff des Abstoßenden ist, mein liebster Bösewicht sein? Eine Figur, an der nichts liebenswertes, kein mitgefühlerregender Funke zu finden ist? Robert Louis Stevensons Mr. Hyde, der sich geradezu durch seine Eindimensionalität auszeichnet, fasziniert durch einen zeitlosen Horror.

Seinem Pendant, dem angesehenen Arzt Dr. Jekyll, ist es in Experimenten gelungen, eine Substanz zu entwickeln, die ihn von seiner lasterhaften Seite – verkörpert durch Mr. Hyde – isoliert. Doch der Versuch, sich vom „Bösen“ zu trennen, führt schließlich dazu, dass ihn genau dieser Teil seiner selbst überwältigt.

„A moment before I had been safe of all men’s respect, wealthy, beloved – the cloth laying for me in the dining room at home; and now I was the common quarry of mankind, hunted, houseless, a known murderer, thrall to the gallows.” – Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde (Robert Louis Stevenson)

Was genau dieses Böse eigentlich ist, bleibt dabei ungeklärt. Klar ist, dass es um mehr geht als grausame Taten. Allein der Anblick von Mr. Hyde löst in den Menschen Abscheu und Entsetzen aus. Er verkörpert das, was gesellschaftlich verachtet ist, von der Norm abweicht und den respektablen Dr. Jekyll ruinieren würde. Er hat keine Skrupel, weil seine Skrupel im guten Jekyll zurückbleiben, wenn dieser sich in sein Alter Ego verwandelt. Hyde ist Jekylls ängstlich gehütetes Geheimnis.

Jekylls Furcht vor seinen (vermeintlichen) Schattenseiten ist zutiefst menschlich. So wie es unmöglich erscheint „Dr. Jekyll“ zu sagen ohne ein „und Mr. Hyde“ anzuschließen, lässt sich auch Gut und Böse nicht immer klar voneinander trennen. In seinem unspezifischen Horror verstehe ich Mr. Hyde als Prototyp des Bösewichts. Das macht ihn für mich zu meinem liebsten literarischen Feind.

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