Lit.cologne – Salman Rushdie und die Verzerrung der Realität

Bild: Frauke Papencort

Salman Rushdie war vor knapp 52 Jahren das erste Mal in Köln, 2019 beglückt er die Stadt mit einer Lesung im Rahmen der lit.cologne. Im Gepäck hat er sein neues Buch Quichotte mit dem er es zum fünften Mal auf die Shortlist des Booker Prize geschafft hat. In Anlehnung an Cervantes‘ Klassiker schreibt Rushdie einen satirischen Roman über die amerikanische Gesellschaft. Der Protagonist Quichotte, ein Reisender, der besessen ist von der unwirklichen Wirklichkeit des Fernsehens, begibt sich auf einen Roadtrip quer durch Amerika. Er ist verliebt in die Talkshow-Moderatorin Selma und möchte ihr Herz erobern. Auf seiner Reise begleitet ihn sein Sohn Sancho. Die Geschichte erzählt von Vater-Sohn-Beziehungen, Geschwisterstreitigkeiten, alltäglichem Rassismus, der Opioidkrise, Science-Fiction, dem Leben des Mannes, der Quichotte geschaffen hat, und nicht zuletzt vom Ende der Welt.

Ein Abend – viele Anekdoten

Am Abend des 13.11.2019 teilt sich Salman Rushdie die Bühne des ausverkauften Klaus-von-Bismarck-Saal im WDR Haus mit Bernhard Robben und Sylvester Groth. Zwischen vorgelesenen Passagen von Rushdie und dem Synchronsprecher leitet Bernhard Robben den Abend. In einem lockeren Gespräch stellt der Moderator gekonnt Fragen, die Rushdie mit viel Witz und Reflektion beantwortet. So beispielsweise, ob Rushdie, wie der Autor Sam DuChamp in Quichotte, ebenfalls 13, für ihn heilige Dinge auf seinem Schreibtisch braucht, um schreiben zu können. Der indisch-britische Schriftsteller entgegnet darauf, dass sein Schreibtisch zwar keinesfalls aufgeräumt sei, er aber keine feste Anzahl an Dingen benötige, um schreiben zu können. Allerdings besitze er durchaus manche der beschriebenen 13 Dinge wie den kleinen silbernen Ziegel, auf dessen Seite die Karte Indiens eingraviert ist, bevor Indien und Pakistan getrennt wurden. Dieses sonderbare Objekt verleitet ihn zu einer Anekdote. Er hat den Ziegel von einem Freund seines Vaters geschenkt bekommen, als er einen Tag alt war. Es ist sein wertvollster Besitz, denn nur zehn Tage nach seiner Geburt wurden Indien und Pakistan geteilt. Deshalb witzelt sein Vater immer, dass Rushdie die Teilung der Länder verursacht hätte, da sie so kurz nach seiner Geburt stattfand.

Wie viel passt in einen Roman?

Für Salman Rushdie gibt es zwei Arten gut zu schreiben – minimalistisch und maximalistisch. Er unterscheidet zwischen »Nichts-Büchern« und »Alles-Büchern«, dazwischen funktioniert für ihn nichts in Romanlänge. Er selbst versucht alles in einem Buch unterzubringen und überlädt seine Geschichten absichtlich, denn auch im realen Leben sind die eigenen Geschichten überladen. Die Lebensgeschichte eines jeden Einzelnen kreuzt die von unzähligen anderen und suggeriert so, dass es endlose Geschichten gibt, die man nicht in der Lage ist zu erzählen. In Quichotte gibt es zwei Erzählstränge, den von Quichotte und den seines Autors, die sich annähern. Rushdie erschafft eine Opposition aus surrealistischer und realistischer Geschichte. Bei dieser komplexen Erzählstruktur gesteht er, dass ihm das Ende des Romans Angst bereitet hat, Angst den Leser zu enttäuschen und den Erwartungen nicht gerecht zu werden. An dieser Stelle erzählt der Autor, dass ihm die Geschichten »Bilder Lügen nicht« von Katherine MacLean und »The Nine Billion Names of God« von Arthur C. Clarke geholfen haben. Die Geschichten handeln von ersten Kontakten – mit Aliens. Auch Rushdie bedient sich dieses Science-Fiction Elementes, ohne jedoch weiter darauf einzugehen, um das Ende seines Romans nicht vorweg zu nehmen. Wie schon in seinem ersten Roman Grimus spielt er mit der Mischung von verschiedenen Genres und greift außerdem die Gegend aus seinem zweiten Roman Mitternachtskinder auf, so schließt sich der Kreis.

»Because life is shit and then you die.«

Neben der Melange verschiedener Genres spielt Rushdie auf den Klassiker Moby Dick von Melville in Quichotte an. Sein Protagonist heißt Ismail, während Melvilles Roman mit den bekannten Worten »Nennt mich Ismael« beginnt. Hier hakt Robben nach und fragt, wieso Rushdie diese Verbindung geschaffen hat. Salman Rushdie antwortet, dass niemand wirklich wisse, ob der Erzähler bei Melville wirklich Ismael heiße, denn er fordere die Leser*innen lediglich auf, ihn so zu nennen. In Moby Dick sterben alle, die vom Wal besessen sind – Rushdie fragt sich, was passiert wäre, wenn Ismael ebenfalls besessen gewesen wäre – dann gebe es keine Geschichte. Er hätte nicht überlebt, um sie zu erzählen. Salman Rushdie spielt in seinem Roman mit dieser Besessenheit, die man von Melville kennt. In seinem Roman ist Selma der Wal und Ismail begeht den Fehler von ihr besessen zu sein. Selma erscheint im Fernsehen als perfekt, reich und mächtig, doch im Verlauf des Buches merkt der*die Leser*in, dass das nur eine Fassade ist. Sie wurde als Kind von ihrem Großvater sexuell belästigt, ist depressiv und alles andere als dieses glänzende Wesen im Fernsehen. Auf die Frage wieso so viele Krankheiten Einzug in Rushdies Geschichte erhalten, antwortet er kurz: »Because life is shit and then you die.«

 

Obwohl Quichotte durchaus düstere Züge annimmt und ernste Themen behandelt, sagt Rushdie, dass es das witzigste Buch sei, das er je geschrieben habe. Er bezieht sich bei der Aussage auf die Werke Kafkas, die ebenfalls in einer komischen Weise geschrieben sind, obwohl sie ernste Themen behandeln und den Leser*innen ein beklemmendes Gefühl bescheren. Die Geschichten sind im Modus der Komödie geschrieben, auch wenn sie sich zu etwas anderem summieren. So thematisiert Rushdie Dinge wie die Verzerrung der Wahrheit oder den eigenen Tod, ohne zu beabsichtigen, den*die Leser*in unglücklich zu machen. Über die Wirkung der Literatur sagt Rushdie, dass sie selten die Welt verändere, jedoch den*die Leser*in. Doch wenn man etwas Gutes lese, werde man nicht automatisch zu einem guten Menschen, denn Literatur bringe keine moralischen Konsequenzen mit sich. Weder der*die Autor*in noch der*die Leser*in würden wissen, ob das Buch jemanden verändern werde, geschweige denn welchen Effekt es auf die Leserschaft habe. Mit diesen Worten bringt Salman Rushdie sein Schaffen auf den Punkt. Sein Leben hat bis heute für einige Kontroverse gesorgt, insbesondere seine literarischen Werke. 1988 veröffentlichte Salman Rushdie die satanischen Verse, die von einigen als Blasphemie angesehen wurden. Aufgrund dessen wurde der Autor im Februar 1989 vom iranischen Staatschef Chomeini mittels einer Fatwa zum Tode verurteilt. Nachdem Rushdie zehn Jahre unter Polizeischutz und falschem Namen lebte, wohnt er nun in New York mit einem Kopfgeld von fast 4 Millionen Dollar auf seinen Tod.

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Frauke Papencort

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