Lesen goes digital. Eine kulturelle Praktik in den Fängen eines Kraken

CC BY-NC-SA 2.0

CC BY-NC-SA 2.0 Joachim S. Müller

Verändert sich das Leseverhalten im Zuge einer mit schnellen Schritten fortschreitenden Digitalisierung der literarischen Welt? Und wenn ja: welche Konsequenzen folgen daraus? Diesen Fragen geht das DRadio Feature „Die Vermessung des Lesers. Wie Digitalisierung und soziale Netzwerke den Umgang mit Literatur verändern“ nach und zeichnet ein eher düsteres Zukunftsszenario.


Lesen ist „eine bewusst-intentionale und primär innere, d.h. geistige Handlung eines Individuums“, so definiert das ehrwürdige Metzler Lexikon „Literatur- und Kulturtheorie“. Folgt man dem 30-minütigen Feature „Die Vermessung des Lesers“ der Journalisten Christiane Kreiner und Ulrich Rüdenauer, so trifft diese Beschreibung auf eine immer kleiner werdende Gruppe von Lesern zu. Durch Einschätzungen und Kommentare von Experten aus Wissenschaft, Verlagswesen und Blogger-Community, die aus unterschiedlichsten Blickwinkeln auf die Veränderungen des Literaturbetriebs im Zeitalter der Digitalisierung schauen,  zeigen sie auf, wie sich das „innere“ individuelle Leseerlebnis hin zu einem interaktiven und kollektiven Online Reading verschiebt. „Hinaus aus dem stillen Kämmerlein, hinein in den unendlichen digitalen Diskursraum.“ Zur Illustration führen sie Booksharing Plattformen wie LovelyBooks (Holtzbrinck) und Goodreads (Amazon) an, auf denen Leser ihre Eindrücke austauschen (und teilweise mit den Autoren diskutieren) und sich gegenseitig in Foren beim Lesen begleiten können; ein weiteres Beispiel ist Readmill, ein Ebook Reader, der gleichzeitig als soziales Netzwerk fungiert und digitale Anstreichungen, Kommentare usw. an Freunde weiterleitet.

Für die Verlage bedeute diese Offenlegung des Kundengeschmacks die Chance, Erkenntnisse über ein zukünftiges Leseinteresse zu erwerben, ihr Programm darauf abzustimmen und so „maßgeschneiderte Bücher“ zu produzieren. Auch ‚unsichtbar‘ erhobene Daten durch die großen E-Reader-Anbieter wie Google, Apple oder Amazon (wie z.B. Lesegeschwindigkeit, Markierungen usw.) sind kommerziell nutzbar. Der digitale Leser lässt dadurch sein Leseverhalten freiwillig überwachen und gibt damit die Privatheit des Leseakts auf.

„Was ein Krake einmal erbeutet hat, gibt er nie wieder freiwillig her.“ (Enzensberger in der FAZ am 28.02.2014)

Mit diesem Ergebnis reiht sich „Die Vermessung des Lesers“ in einen kritischen Diskurs über Digitalisierung und Überwachung ein, der zuletzt ein Gesicht in Hans Magnus Enzensberger fand. Mit „Wehrt euch!“, seinen „zehn einfachen Regeln“, wie man sich gegen „Ausbeutung und Überwachung“ der „Fallgruben der Digitalisierung“ wehren könne, führt der Autor  antiquierte – dabei aber stets unterhaltsame – Ratschläge auf: Mobiltelefon bitte wegschmeißen, nur noch mit physischem Geld bezahlen, „Strompost“ eher nicht und stattdessen lieber mal zur Postkarte greifen. (Der Social Media Experte Dirk von Gehlen hat dies in der SZ stichhaltig kritisiert.) An Punkten wie „Waren oder Dienstleistungen via Internet sollte man meiden“, „Anonymer Einkauf ist besser“, und dass soziale Netzwerke ihre Mitglieder „so asozial wie möglich“ behandelten, wird die eigentlich Bedeutung des Textes fernab von Ironie deutlich: Privatheit ist möglich, man muss sich allerdings ihrer Notwendigkeit bewusst und willens sein, stellenweise auf digitale Bequemlichkeiten zu verzichten.

Betrachtet man Enzensbergers Pamphlet im Zusammenhang mit dem Lesen als kultureller Praktik, so wird deutlich: Ob „gläserne Leser“ und vorprogrammierter Bestseller zur Regel und individuelles Lesen zum Social Reading wird, liegt nach wie vor in der Hand des Users bzw. Lesers. Das Lesen eines Textes hat immer auch mit Austausch und Diskussion zu tun. Eine Berechenbarkeit der Lesegewohnheit des Einzelnen aber würde wahrscheinlich die Faszination und sicherlich den mitunter subversiven Charakter des Lesens zerstören. Sein Lesen dem Kraken als Beute zu überlassen, will also gut überlegt sein.

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Katharina Graef

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