Vernetztes Lesen = digitales Lesen = Fanfiction

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Diese Form der Textproduktion und -rezeption hat für Tina Giesler wenig mit digitaler Literatur zu tun. Bild: CC0

Wieso ist Fanfiction eigentlich so erfolgreich, kommerziell jedoch nicht verwertbar, und was kann sie uns über die Mechanismen des digitalen Publizierens und Lesens verraten? Unter dem Thema „FanFiktion – Wenn die Fans die Geschichten weiterspinnen“ fand bei hochsommerlichen Temperaturen der 10. Publishing-Stammtisch Pub’n’Pub POTT im Essener Unperfekthaus statt. Tina Giesler gab mit ihrem Vortrag einen lehrreichen Einblick in die Welt der Fanfiction und stellte eine Vielzahl an spannenden Fragen und Thesen zur Diskussion.

Trotz schwüler 32°C Außen- (und Innen)Temperatur versammelten sich immerhin fünf Unerschrockene beim Publishing-Stammtisch, der bereits zum zehnten Mal in Essen stattfand. Pub’n’Pub ist eine von Leander Wattig ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe, die mittlerweile in 13 Städten und 7 Ländern Einkehr gefunden hat. Den für das Format üblichen Impulsvortrag hielt Tina Giesler, die aus unterschiedlichen Perspektiven das Thema Fanfiction beleuchtete.

Fanfiction-AutorInnen plagiieren – ganz bewusst

Giesler, die selbst als Fanfiction-Autorin aktiv ist, räumt zu Beginn mit einer Frage auf, die wohl häufig fällt: Warum man denn die Geschichten anderer AutorInnen für die eigenen klaue? „Warum denn nicht?“ lautet die zunächst flapsige Antwort, die gleich darauf unter dem großen Schlagwort „Intertextualität“ theoretisch untermauert wird. Fanfiction-AutorInnen bedienen sich bei Ideen, Figuren und Welten Anderer. Das sei bei AutorInnen literarischer Werke allerdings nicht groß anders: Liebe und Krieg, das seien, pointiert formuliert, die zwei großen Themen der Literatur, auf die jeder Schriftsteller und jede Schriftstellerin zurückgreife. Originalität und Kreativität? Fehlanzeige. Fanfiction grenze sich von anderen literarischen Formen also vor allem dadurch ab, dass erstere transparent mache, dass es sich um ein Plagiat handelt. Rechtlich gesehen bewegen sich Fanfiction-AutorInnen in einer Grauzone. Auf iRIGHTS gibt Valie Djordjevic entlang des Romans „Fifty Shades of Grey“ eine guten Einblick in die rechtliche Lage von Fanfiction.

Fangeschichten sind kommerziell nicht verwertbar

Zuletzt hat Amazon den Versuch unternommen, Fanfiction marktfähig zu machen, indem das Online-Unternehmen Rechte für einzelne Werke eingekauft hat und Fanfiction-AutorInnen auf der Plattform Kindle Worlds die Möglichkeit bietet, ihre Geschichten zu verkaufen. Gieslers Ansicht nach können solche Versuche nur scheitern, weil die Vermarktung von Fanfiction zum einen dem Selbstverständnis von Fanfiction-AutorInnen widerspreche: man wolle mit seinen Geschichten kein Geld verdienen und LeserInnen seien nicht bereit, Geld für etwas zu bezahlen, das sie auf Plattformen wie fanfiktion.de umsonst bekämen. Zum anderen könne Kindle Worlds nicht funktionieren, weil auf einer solchen Plattform Fanfiction zu eBooks würden, die eine ganz andere Publikationsform darstellen: eBooks werden analog zu Büchern im Ganzen als abgeschlossene Produkte publiziert, wohingegen Fanfiction kapitelweise, prozessartig veröffentlicht werden.

Vernetztes Lesen = digitales Lesen = Fanfiction

In einer aktuellen Debatte heißt es, dass eBook-Singles sich als ein Flop erwiesen hätten, LeserInnen würden sich nicht für solche Kurztexte interessieren. Dieser Beobachtung stimmt Giesler zu und kontrastiert sie mit der Tatsache, dass Fanfiction gerade als Kurztexte sehr gut funktionieren. Wie kommt das? Gieslers Antwort: das Publizieren und Lesen von Fanfiction entspricht unserem gewohnten Umgang mit digitalen Inhalten, nämlich als vernetzte Inhalte. Alle Texte auf fanfiktion.de sind als Hypertexte und durch ein System der Verschlagwortung miteinander verknüpft. Eine Geschichte führt mich als LeserIn über Links und Tags bequem zu einer Vielzahl anderer für mich interessanter Texte. Diese Möglichkeit bieten eBooks, die vielmehr dem Prinzip des linearen bzw. analogen Lesens entsprechen, nicht und würden dadurch, so Giesler, für LeserInnen unattraktiv. eBooks seien damit kein geeignetes Format, um Literatur ins Digitale zu überführen.

Fanfiction als Insider-Szene

Wie überall im Internet, insbesondere in Sozialen Netzwerken, bewegen sich Nutzer in der Fanfiction-Szene innerhalb eines Insiderkreises, in dem die vorhandenen Inhalte und Informationen durch Abkürzungen, Fachausdrücke oder Zeichen codiert sind. Solche Codierungen, die der Orientierung und Selektion dienen, beschreibt Giesler als notwendige Mittel, um sich bei der Masse an Inhalten im Internet zurechtzufinden. Auf fanfiktion.de gibt es zu jedem Text eine Kurzbeschreibung, die eine Vielzahl an (teilweise codierten) Informationen enthält, die es (den geübten) LeserInnen erleichtert, einen für sie interessanten Text zu finden.

Fanfiction erweitert nicht, sondern vertieft

Als ein wesentliches Element von Fanfiction hebt Giesler das sprachliche Mittel der Auslassung hervor. Fanfiction-Texte funktionieren gerade deswegen auch als Kurztexte so gut, weil AutorInnen nicht für Laien schreiben. Eine Geschichte zu der BBC-Serie Sherlock muss die Figuren beispielsweise nicht erst erzählerisch einführen und vorstellen, sondern kann das Wissen der Fans als gegeben voraussetzen. Fanfiction sei damit nicht als Erweiterung der Originalgeschichten zu verstehen, sondern als Vertiefung. Das große Interesse an Fanfiction erkläre sich Giesler zufolge vor allem durch die Präferenz von LeserInnen, beim Bekannten zu bleiben. Man wolle nicht ständig etwas Neues, sondern lieber das Bekannte in einer anderen, vertieften Form oder aus einem anderen Blickwinkel lesen.

Das Phänomen Fanfiction gibt thematisch – so viel hat der Abend gezeigt – wesentlich mehr her, als man gemeinhin annehmen könnte. Insbesondere mit Blick auf die Art und Weise der Textproduktion und -rezeption erweist sich Fanfiction als ein spannender Gegenstand, der uns viel über die Mechanismen und Möglichkeiten digitaler Literatur verrät.

Katharina Lührmann

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