Digitale Literatur gestern, heute und morgen – Silvia Vormelker im Interview

Silvia Vormelker Portrait
Silvia Vormelker ©privat

Bei einem Vortrag an der Universität Duisburg-Essen haben wir Silvia Vormelker getroffen. Nach ihrem geisteswissenschaftlichen Studium hat die Berlinerin zunächst unterschiedliche Bereiche der Literatur- und Verlagswelt kennengelernt. Mit der wortredaktion.com hat sie sich 2008 selbstständig gemacht. Sie übernimmt nun als Freiberuflerin vielfältige Aufträge in den Bereichen Dramaturgie/Lektorat, Produktion und Regie für Verlage, Medienanstalten und andere Einrichtungen. Im Interview teilt sie mit uns einige ihrer Erfahrungen und Gedanken zu digitaler Literatur.

Frau Vormelker, erzählen Sie uns von Ihrem Weg in den Literaturbetrieb.

Mein erster Weg führte zu kleinen Verlagen. Dort hatte ich schnell Einblick in alle Bereiche des Büchermachens und konnte Interessen über das Lektorat hinaus entwickeln. Besonders spannend fand ich damals die Abteilung Lizenzen, wo fremde Verlage die Nutzung verlagseigener Texte für Anthologien, Taschenbücher und Sonderausgaben anfragen. Zu der Zeit, Ende der 90er, veränderte sich gerade die bis dahin fast bürokratische Tätigkeit zugunsten des aktiven Anbietens literarischer Stoffe. Sie agiert im Grunde wie eine Agentur im Verlag und begleitete die Entstehung vieler neuer Nebenformen des Buches wie das Hörbuch und das E-Book.

Kann man von einer zunehmenden Digitalisierung in der Verlagswelt sprechen?

In technischer Hinsicht gilt dies wie für alle Alltags- und Arbeitswelten auch für die Verlage. Bezogen auf die Inhalte und Formate beobachte ich jedoch eine eher rückläufige Bewegung. Die digitalen Medien bieten den Buchverlagen zwar zusätzliche Absatzmärkte, aber nach ersten Versuchen mit verschiedenen digitalen Formen – zum Beispiel dem enhanced ebook, einem mit Bildern, Filmen, Links o. Ä. angereicherten Text als neuem Gesamtwerk – besinnen sich viele Verlage wieder auf ihre Kernkompetenz: die Entwicklung und Verbreitung gedruckter Literatur und ihr nah verwandter Formen wie die ungekürzte Lesung oder der digitalisierte Text.

Haben Sie beruflich bereits mit digitaler Literatur gearbeitet?

Mit digitaler Literatur im engeren Sinne habe ich bisher kaum zu tun gehabt oder nur auf einem artverwandten Gebiet, dem akustischen Erzählen im digitalen Medium. Als Buchautorin wird für mich jedoch gerade das Gebiet der „digitalisierten Literatur“ (Roberto Simanowski) interessant. Im Rahmen einer Masterclass, initiiert von André Hilles Textmanufaktur in Kooperation mit dem Aufbau Verlag, erproben wir zum Beispiel, ob sich die Dramaturgie der TV-Qualityserien erfolgreich auf E-Book-Publikationen übertragen lässt.

Was reizt Sie am Digitalen besonders? Was stört Sie vielleicht auch?

Mich reizt die Frage, welche Textarten sich für die digitale Veröffentlichung besonders eignen und wie sich der direkte Kontakt zwischen Autor und Leser im digitalen Medium auf den Inhalt auswirkt. Es gibt prominente Beispiele wie Elfriede Jelinek, die ihren 917 Seiten starken „Privatroman“ Neid am Verlag vorbei im Internet veröffentlichte und sich auf diese Weise von dem übermächtigen Marktkriterium „Verkäuflichkeit“ löst. Dem gegenüber stehen Beispiele nicht prominenter Autoren wie E. L. James, die ihre Werke im Internet, zum Beispiel auf fanfiction-Portalen, einstellen und beim Schreiben auf Rückmeldungen der Leser eingehen.

Und privat, lieber Buch oder E-Book?

Beides, je nach Bedarf und Situation: Unterwegs habe ich immer den E-Reader dabei und so Zugriff auf viele Texte, die ich parallel als Buch oder auf dem Papier lese. Sehr praktisch finde ich das Anlesen von Neuerscheinungen auf dem E-Reader und immer häufiger das Lesen kurzer literarischer Texte von Autoren, die ich entweder sehr schätze oder die mir ganz unbekannt sind. Im E-Book-Bereich bin ich insgesamt experimentierfreudiger.

Was ist für Sie die Zukunft in Sachen digitale Literatur?

Aus meiner Sicht liegt ihre Zukunft in den neu entstandenen Digitalverlagen, die sich ihrem Gegenstand von der Ästhetik her nähern, wie mikrotext von Nikola Richter. Sie sind der Durchlauferhitzer für weitere neue Formate, die im digitalen Netz entstehen oder sich originär darauf beziehen, und der Motor für ihre Weiterleitung an ein breiteres, auch nicht digitales Publikum.

Herzlichen Dank!

Von Linda Englisch

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