Interview: Poet in Residence Alida Bremer

» Ich bin gerne Vermittlerin zwischen den Welten, zwischen den Kulturen«

Alida Bremer, 60, in Split in Kroatien geboren, ist Autorin, Übersetzerin und Dolmetscherin. Sie gilt als wichtigste Übersetzerin und Vermittlerin für Literatur aus dem Balkan. 2013 erschien ihr erster Roman „Olivas Garten“ , 2020 erscheint ihr neuer Roman „Korallenprinzessin“. 2018 gewann sie den internationalen Literaturpreis für ihre Übersetzung des Romans „Liebesroman“ der kroatischen Autorin Ivana Sajko. Alida Bremer ist im November 2019 Poet in Residence der Universität Duisburg-Essen und reiht sich damit in eine über 40 Jahre alte Tradition an der Universität Duisburg-Essen ein. Seit 30 Jahren in Deutschland, lebt Alida Bremer in Münster in Westfalen.

Digitur: Frau Bremer, Sie haben drei Tage als Poet in Residence hier in Essen verbracht. Was nehmen Sie aus dieser Zeit für sich mit?

Alida Bremer: Ich bin begeistert von den Studenten in meiner Schreibwerkstatt. Das Talent dieser jungen Leute war eine große Überraschung für mich. Wir haben kurze Einheiten, Schreibübungen von zehn bis fünfzehn Minuten gemacht. Die Fantasie und das Fachwissen meiner Studenten waren unglaublich toll. Die jungen Leute wissen wirklich viel über Literatur und übers Schreiben.

Digitur: Wie ist es dazu gekommen, dass schreiben ihre Profession wurde? Sie haben ja zunächst als Literaturwissenschaftlerin in Münster und Gießen gearbeitet.

Alida Bremer: Ich hatte an den Universitäten in Münster und Gießen befristete Verträge und wenig Aussicht auf eine feste Stelle. Irgendwann kam der Punkt für mich, an dem ich nicht mehr von Zweijahresvertrag zu Zweijahresvertrag leben wollte. Seitdem bin ich selbstständig. Ich habe ja schon früh angefangen als Übersetzerin zu arbeiten. Vor allem in der Zeit der Jugoslawienkriege haben mich viele Redaktionen mit Übersetzungen aus den Kriegsgebieten beauftragt.

Digitur: In ihren Veranstaltungen als Poet in Residence sind Sie in verschiedenen Rollen aufgetreten. Zuerst als Autorin, dann als Übersetzerin und zum Schluss als Kulturvermittlerin zwischen Kroatien und Deutschland. Was ich wirklich bemerkenswert finde. Denn Sie haben die kroatische Autorin Ivana Sajko – mit der Sie 2018 gemeinsam den internationalen Literaturpreis gewonnen haben – nach Essen eingeladen. Warum haben Sie das gemacht?

Alida Bremer: Ivana Sajko ist eine großartige Autorin. Sie schreibt tolle Romane und Theaterstücke. Ich bin Ivanas Übersetzerin. Durch meinen Beruf als Übersetzerin kam eines zum anderen. Viele berühmte Autoren übersetzen Bücher. Ich bin gerne Vermittlerin zwischen den Welten, zwischen den Kulturen. Es gibt so viele tolle Schriftsteller in Kroatien, aber auch in Serbien und Bosnien.

Digitur: Ist das Übersetzen von Büchern das Gleiche wie das Schreiben von Büchern?

Alida Bremer: Nein, nicht wirklich. Übersetzen ist viel einfacher. Gleichzeitig kann es aber auch eine große Herausforderung sein einen wirklich guten Text zu übersetzen. Wortspiele und Eigenheiten eines Textes lassen sich manchmal nur schwer übersetzen. Da muss ich dann improvisieren. Wenn ich an eigenen Textskizzen, Romanfragmenten sitze, gibt es immer mal Momente, in denen ich auf das bekannte weiße Blatt Papier schaue und mir nichts einfällt. Beim Übersetzen habe ich diese Schwierigkeiten nicht, sondern muss mich mit anderen Problemen auseinandersetzen.

Digitur: Was ist Ihnen beim Schreiben ihrer eigenen Texte wichtig?

Alida Bremer: Ich schreibe gerne über historische Stoffe. Mein neuer Roman, der im kommenden Jahr erscheinen wird, handelt über ein historisches Ereignis. Ich möchte meinen Lesern ein rundes Bild liefern. Dafür muss in jedem Fall der Plot funktionieren. Ohne einen guten Plot können die Figuren noch so interessant sein, es wird nicht funktionieren.

Digitur: Muss Literatur immer wahrheitsgetreu sein und Fakten abbilden?

Alida Bremer: Nein, das muss Literatur nicht. Das Schöne ist doch, dass der Fantasie erstmal keine Grenzen gesetzt sind.

Digitur: Was ist mit Literatur, die sich auf historische Vorgänge bezieht?

Alida Bremer: Dann müssen die natürlich stimmen. Wir dürfen uns, auch im Namen der Literatur, nichts ausdenken.

Digitur: Das ist interessant. Denn Sie haben sich mit einem im Feuilleton breit diskutierten Essay in die Debatte um den Literaturnobelpreisträger Peter Handke eingemischt. Sie werfen Handke vor Kriegsverbrechen in den Jugoslawien-Kriegen in den 90er-Jahren zu leugnen. Warum war es Ihnen wichtig sich in diese Debatte einzumischen?

Alida Bremer: Als nach der Buchpreis-Rede von Saša Stanišić die Debatte aufflammte, haben die Leute, die Peter Handke verteidigen, geschrieben wir müssen seine Werke im Kontext lesen. Das habe ich dann gemacht und habe gelesen. Was ich gelesen habe, hat mich bestätigt. In meinem Essay habe ich dargelegt, dass Peter Handke noch 2011 den Völkermord von Srebrenica relativiert hat. Alternative Fakten kann man nicht mit Literatur rechtfertigen. Wenn Handke wirklich überzeugt ist, dass seine Sicht der Dinge wahr ist, soll er auch dazu (politisch) stehen und sich nicht als Literat tarnen. Er hat in seinen acht Texten über Jugoslawien eindeutig Partei ergriffen, in einer Art und Weise die unzulässig ist und keine Literatur ist.

Digitur: Dann ist es auch besonders im Fall Handke nicht zulässig Werk und Autor zu trennen?

Alida Bremer: Nein, ist es nicht. Wenn man das macht, muss man es machen wie Elena Ferrante und Thomas Pynchon. Elena Ferrante ist das Pseudonym einer italienischen Autorin, über die wir so gut wie nichts wissen. Wir kennen nur ihre Bücher. Thomas Pynchon, ein amerikanischer Autor, schottet sich seit den 60er-Jahren aus der Öffentlichkeit ab. Die Amerikaner sagen, er ist wie ein Phantom. Die beiden machen ganz deutlich, dass ihr Werk im Vordergrund steht und die Personen dahinter keine Rolle spielen. Das steht im krassen Widerspruch zu jemandem wie Peter Handke, der so in der Öffentlichkeit steht, der schon hunderte Interviews gegeben hat, sich oft mit der Presse angelegt hat und sich inszeniert. In meinen Augen ist das einfach unglaubwürdig.

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Niklas Ruddigkeit

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