Fundstück: Ich denk, ich denk zu viel

Das Buch ich denk ich denk zu viel liegt auf lilafarbenem Stoff

„Ich denk, ich denk zu viel“ von Nina Kunz (Bild: Elena Hesterkamp)

„Manchmal fühlt sich das Internet an, als würde ich verhungern, obwohl mir die ganze Zeit jemand das Maul stopft.“ – Nina Kunz

Ich denk, ich denk zu viel – als ich den Titel von Nina Kunz‘ Buch las, dachte ich: Das passt wie Faust aufs Auge. Denn ich bin so gut im Zumüllen meines Hirns wie Marie Kondō im Ausmisten eines Kleiderschranks. Der Name Nina Kunz sagte mir zunächst gar nichts. Zuerst vermutete ich eine Anleitung gegen das Grübeln, doch das ist es nicht. Ich denk, ich denk zu viel  ist nämlich kein Sachbuch, sondern eine Sammlung kurzer Texte, von denen manche fast anmuten wie Logbucheinträge. Kunz ist Schweizer Kolumnistin des Jahres 2020. In ihrem Buch sind 30 „Notizen aus dem Jetzt“, wie sie sie nennt, zu finden.

Sinnkrisen, Selbstzweifel, Sehnsüchte

Schreibend denkt die 1993 geborene Autorin über all das nach, worüber ‚Zillennials‘ heutzutage eben nachdenken. Entstanden sind sehr persönliche Texte, die aber sinnbildlich für eine ganze Generation stehen. Kunz schreibt zum Beispiel über die Abhängigkeit vom Smartphone, über das ständige Vergleichen mit anderen, über das Gefühl, niemals genug geschafft zu haben. Ihre Texte sind aufgeteilt in drei Kapitel: Eines trägt die Überschrift „Sinnkrisen“, eines „Selbstzweifel“ und eines „Sehnsüchte“. Große Begriffe, die Kunz mithilfe teils großer Namen wie Michel Foucault oder Julia Kristeva reflektiert. Denn, so schreibt Kunz im Vorwort, das Buch sei „zur einen Hälfte ein Tagebuch ist und zur anderen ein Theoriesammelsurium“.

Denken mit Beauvoir und Illouz

Sie berichtet vom Zwang, düstere Gedanken beiseite zu schieben, um ja einen guten Tag zu haben – und nimmt dabei Bezug auf den von Eva Illouz‘ geprägten Begriff „Happychonder“, der einen Menschen beschreibt, der permanent Angst hat, nicht glücklich genug zu sein. Mit Simone de Beauvoir erklärt sie, woher die Angst kommt, jemanden gegen den Kopf zu stoßen. Weil Frauen lernen, anderen gefallen zu müssen, um akzeptiert zu werden. Kunz zählt zudem die für sie wichtigsten feministischen Bücher der letzten Dekade auf, fasst zusammen, was sie durch die Lektüre gelernt hat und ermuntert so die Leser*innen ihre eigenen Lektionen aus dem Lesen zu ziehen. Nicht nur deshalb ist Ich denk, ich denk zu viel nicht nur ein Buch für Kunz‘ Generation. Dem ein oder anderen ‚Boomer‘ könnte es helfen, ‚die Jüngeren‘ besser zu verstehen. Und spätestens im Text mit dem Titel „Weltschmerz“ findet sich wohl jede*r wieder.

Ich denk, ich denk zu viel (192 Seiten) ist im Verlag Kein & Aber erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 22,00 Euro.

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