Ich verliere die Lust am Lesen

Nehmt Euch wie­der mehr Zeit zum Lesen! Bild: Pixabay CC0

Neu­li­ch wur­de ich wie­der ein­mal zu einem Speed-Reading-Workshop an der Uni ein­ge­la­den, um zu ler­nen, noch mehr Text in noch kür­ze­rer Zeit zu lesen. Als Stu­den­tin der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten muss ich jede Men­ge Tex­te lesen, auf der Arbeit funk­tio­niert auch nichts ohne Lesen und auf Face­book, Twit­ter und Co wäre es lang­wei­lig sich nur die Bil­der anzu­schau­en. Wenn ich Arti­kel im Inter­net lese, die mich eigent­li­ch inter­es­sie­ren, erwi­sche ich mich immer häu­fi­ger dabei, wie ich nach ein paar Absät­zen nach unten scrol­le, um zu schau­en, wie lang der Arti­kel noch ist. So vie­le Infor­ma­tio­nen über so vie­le unter­schied­li­che The­men­ge­bie­te und ich mer­ke: Ich ver­lie­re die Lust am Lesen. 

Zum Glück gibt es immer mehr Inter­net­sei­ten, die über ihre Arti­kel schrei­ben, wie lan­ge man braucht, um den jewei­li­gen Bei­trag zu lesen, so zum Bei­spiel bei Revier­pas­sa­gen. Nach­dem ich den Teaser zu den Bei­trä­gen gele­sen habe, kann ich so ent­schei­den, ob ich wei­ter­le­sen will und ob ich über­haupt die Zeit habe, wei­ter­zu­le­sen. Bei den E-Book-Readern wird ohne­hin ange­ge­ben, wie viel Pro­zent des Buches dem Leser bzw. der Lese­rin noch bleibt und wie lan­ge er oder sie noch dafür brau­chen wird. Bevor­zugt man gedruck­te Bücher, schaf­fen eini­ge Inter­net­sei­ten Abhil­fe, indem sie die vor­aus­sicht­li­che Lese­dau­er eines Buches ange­ben, immer gemes­sen an der durch­schnitt­li­chen Words-per-minute-Geschwindigkeit. So wer­den zum Bei­spiel für Pau­la Haw­kins‘ Thril­ler Girl on the Train im eng­li­schen Ori­gi­nal 4 Stun­den und 45 Minu­ten ange­ge­ben, bis man das Buch bei einer Geschwin­dig­keit von 300 Wör­tern pro Minu­te voll­stän­dig gele­sen hat.

Schön und gut, doch was sagt mir das? Dass ich nicht schnell genug lese, wenn ich fünf­ein­halb Stun­den für das Buch brau­che? Dass ich mir auch noch bei einer Frei­zeit­be­schäf­ti­gung Zeit­druck mache, obwohl ich die­ser eigent­li­ch für mich und aus Spaß an der Sache nach­ge­he? Ich will nicht, dass Apps mei­ne Lese­ge­schwin­dig­keit trai­nie­ren, nur damit ich in mög­lichst kur­zer Zeit mög­lichst vie­le Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­te, die ich aber genauso schnell wie­der ver­ges­se. Ich will nicht tes­ten, wie schnell ich im Ver­gleich zu ande­ren Men­schen lese. Ich will kei­nen Wett­kampf aus mei­nem Lesen machen, son­dern mich ein­fach zurück­leh­nen und mich auf den Text ein­las­sen. Und ganz neben­bei dem Schrift­stel­ler oder der Schrift­stel­le­rin mei­nen Tri­but zol­len, indem ich ihre Tex­te nicht über­flie­ge, son­dern sie wirk­li­ch lese. Natür­li­ch gibt es Bücher, die ich ver­schlin­ge, die ich gar nicht mehr aus der Hand legen will, weil sie so mit­rei­ßend, span­nend, emo­tio­nal oder lus­tig sind. Aber auch dann ist es mei­ne Ent­schei­dung, wie lan­ge ich für eine Sei­te brau­che, ob ich mir Noti­zen an die Sei­te mache oder ob mich das Buch noch län­ger vom Schla­fen abhal­ten darf.

Mit die­ser Ein­stel­lung bin ich nicht allei­ne: Vor ein paar Jah­ren hat sich in Neu­see­land als Gegen­be­we­gung zum Speed Rea­ding bereits der Slow Rea­ding Club gegrün­det, um zumin­dest das Lesen zu ent­schleu­ni­gen und wie­der mehr genie­ßen zu kön­nen. So gibt die Grün­de­rin, Meg Wil­liams, auf ihrem Blog Tipps zum Slow Rea­ding: Bei­spiels­wei­se emp­fiehlt sie, sich wirk­li­ch Zeit zum Lesen zu neh­men und wäh­rend­des­sen das Smart­pho­ne aus­zu­schal­ten und sich nicht ablen­ken zu las­sen. Das muss man sicher­li­ch erst wie­der neu ler­nen, doch erst dann merkt man, wie schön es ist, sich ganz auf einen Text zu kon­zen­trie­ren und sich von den Geschich­ten mit­rei­ßen zu las­sen. Außer­dem rät Wil­liams, sich auf ein Buch zu fokus­sie­ren und sich von dem schier end­lo­sen Ange­bot an E-Books nicht ver­rückt machen zu las­sen. Auch hier spielt Druck eine Rol­le: Ein Buch zur glei­chen Zeit genügt, man muss nicht jeg­li­che Best­sel­ler lesen und sich dadurch wie­der selbst unnö­tig Zeit­druck machen.

In Deutsch­land gibt es bis­lang noch kei­ne Slow Rea­ding Clubs, dafür haben sich ana­log dazu soge­nann­te Silent Rea­ding Par­tys ent­wi­ckelt. Die sim­ple Grund­idee: Statt zum gemein­sa­men Fei­ern trifft man sich zum gemein­sa­men Lesen. Auch hier gibt es in Deutsch­land bis­her eher weni­ge Ver­an­stal­tun­gen, ers­te Ver­su­che gab es bereits in Kiel und Düs­sel­dorf, doch eine Ver­an­stal­tungs­rei­he ist bis dato noch nicht dar­aus ent­stan­den. Doch wenn sich das gemein­sa­me Tatort-Gucken in Knei­pen durch­ge­setzt hat, war­um nicht auch das gemein­sa­me Lese­er­leb­nis? Ich jeden­falls könn­te mir vor­stel­len, mich zum Lesen zu tref­fen, denn ich mer­ke, dass ich mich immer sel­te­ner voll und ganz auf einen Text ein­las­sen kann. Und des­halb als Appell an mich selbst und an Euch alle: Neh­men wir uns ein­fach mal wie­der mehr Zeit zum Lesen!

Caro­lin Ter­hor­st

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