Digitale Trauer – Wie das Web 2.0 mit dem Tod umgeht

Trauernde verarbeiten den Verlust oft auch mit Hilfe von Gedenkseiten. Bild: CC0
Trauernde verarbeiten den Verlust oft auch mit Hilfe von Gedenkseiten. Bild: CC0

Schöne Momente niemals vergessen, Freunde und Familienmitglieder nicht verschwinden lassen – Erinnerungen an Verstorbene helfen bei der Trauerbewältigung. Doch oftmals verblassen die Erinnerungen an die geliebten Menschen mit den Jahren, ungewollt. An jede Einzelheit (das Lächeln, Gesten und Mimiken) kann sich vermutlich nicht mehr genau erinnert werden. Das Web 2.0 bietet Trauernden eine Form, mit dem Tod umzugehen und hält  dabei Momente fest, die eine authentische Vorstellung des Verstorbenen bewahren.

Nach einem schrecklichen Unfall aus dem Leben gerissen, den Kampf gegen eine schwere Krankheit verloren oder plötzlich und unerwartet von der Welt gegangen – Freunde, Familie und Bekannte trauern. Schöne Momente sollen nicht vergessen werden, die Familienmitglieder oder Freunde niemals in Vergessenheit geraten. Viele möchten in solchen Momenten schweigen, alleine sein. Andere suchen hingegen bewusst das Gespräch, wollen über ihre Gefühle und über den Verstorbenen sprechen. Jeder geht anders mit dem Tod um.

Erinnerungsseiten als Trauerbewältigung

Das zeigt sich auch im digitalen Raum. Beliebt sind Gedenk-, Trauer-, bzw. Erinnerungsseiten. Gibt man diesen Begriff/ diese Begriffe in die Suchmaschine ein, zeigen sich unfassbar viele Einträge. Darunter viele private Erinnerungsseiten, erstellt von Freunden oder der Familie. Liebevoll aufgebaute Seiten, die das Leben der Verstorbenen zeigen – ihn dadurch scheinbar am Leben erhalten. Bilder, Texte, eine Art Gästebuch, in dem auch andere ihre Gedanken niederschreiben können. Optisch oft vergleichbar mit einer Kommentarfunktion. Sich austauschen, über seine Gefühle „reden“, aber dennoch nicht sprechen müssen – die digitale Zeit ermöglicht eine solche Kommunikationsform.
Neben den privat erstellten Trauerseiten finden sich im Netz zahlreiche Seiten, die Hinterbliebenen anbieten, eine kostenlose Gedenkseite zu erstellen. Gleichzeitig haben Leser die Option, von dort aus auf andere Erinnerungsseiten zu gehen, dort vom Schicksal anderer zu lesen. Durch diverse Chatfunktionen können sich Leser austauschen, Gleichgesinnte finden.

QR-Codes auf Grabsteinen

QR-Codes auf Grabsteinen ermöglichen die Verbindung zu virtuellen Trauerseiten. [Screenshot: gedenken-gestalten.de]
QR-Codes auf Grabsteinen ermöglichen die Verbindung zu virtuellen Trauerseiten. [Screenshot: gedenken-gestalten.de]

Gedenk- bzw. Erinnerungsseiten gibt es schon seit einigen Jahren. Die Anzahl an Seiten, womöglich auch deren Stellenwert, hat allerdings zugenommen.
Relativ neu ist die Erreichbarkeit bzw. die Art, auf eine solche Seite aufmerksam zu werden. QR-Codes auf Grabsteinen werden seit Kurzem angefertigt. Steinbildhauer Andreas Rosenkranz wird als „Pionier“ auf diesem Gebiet bezeichnet. Vor vier Jahren, also 2011, brachte der Kölner Steinbildhauer den ersten QR-Code auf einen Naturstein. Im darauffolgenden Jahr nahm er an einem Wettbewerb teil und stieß dadurch auf ein großes öffentliches Interesse.
Diese Internetcodes finden sich direkt auf den Grabsteinen, aber auch auf Steinsockeln. So kann auch im Nachhinein, nach dem Aufstellen des Grabsteines, eine Verknüpfung zur virtuellen Trauerseite erstellt werden. Mehr erfahren als den Namen, das Geburts- und Sterbedatum – mit Hilfe der Codes, die via Smartphone oder Tablet gescannt werden, ist das möglich. Aber nicht nur die Weiterleitung zu Trauerseiten ist denkbar, sondern auch zu Liedern, weil sie womöglich bedeutend für den Verstorbenen waren oder das Gefühl der Trauernden beschreibt. Der Individualität ist dabei keine Grenze gesetzt. Die Form der QR-Codes ist ebenfalls variabel. In Form verschiedener Symbole wie beispielsweise eines Kreuzes oder auch als Mosaik verzieren sie die Grabstätte.
Wandelt sich durch diese Form der Digitalisierung der Stellenwert einer Grabstätte? Wird es zu einem Ort, bei dem gezielt auf eine Zeitreise mit dem Verstorbenen gegangen wird? Es muss sich nicht mehr nur auf die eigene Erinnerung verlassen werden. Bilder, vielleicht auch Videos bewahren eine authentische Vorstellung.

Facebook wandelt Profil Verstorbener in Gedenkseiten um

Worte, die eigene Meinung, selbst aufgenommene Fotos – sie spiegeln die Persönlichkeit eines jeden wider. Ihr Vorhandensein trägt ebenfalls dazu bei, die authentische Vorstellung eines Verstorbenen zu bewahren. Das soziale Netzwerk Facebook ermöglicht es. Das Unternehmen bietet Angehörigen die Möglichkeit, das bestehende Profil in den Gedenkzustand umzuwandeln, nach eingehendem Antrag. Facebook fordert dafür den Namen, das Todesdatum und einen Nachweis über den Tod wie beispielsweise eine Traueranzeige bzw. einen Nachruf ein. Nach Überprüfung der Angaben wird das Profil in den Gedenkzustand versetzt. Bilder, Kommentare oder eigene Posts des Verstorbenen bleiben erhalten. Neben seinem Namen erscheint der Zusatz, dass es sich hierbei um eine Gedenkseite handelt. Freunde können weiterhin Einträge verfassen. Das Profil selbst kann allerdings nicht mehr verwaltet werden. Soll heißen: Niemand kann sich mehr einloggen. Eine weitere Änderung ist, dass das Profil nicht mehr anderen Nutzern in der „Kennst du schon“-Rubrik angezeigt wird. Genauso möglich ist allerdings auch die Löschung des Profils.

Trauern 2.0 – Schon vollständig realisiert?

Zwar scheint es womöglich für ältere Generationen absurd, Trauerbewältigung in solcher Form zu betreiben. Doch wird der virtuelle Raum, vor allem für die Digital Natives, in Zukunft wahrscheinlich normal sein. Trauer 2.0 sozusagen. Während Kommunikation noch vor einigen Jahrzehnten vornehmlich mündlich geschah, auch von der älteren Generation zumeist in dieser Form betrieben wird, ist sie heute hauptsächlich digital. Demnach auch die Trauerbewältigung? Es ist denkbar. Die Digitalisierung breitet sich auf alle Lebensbereiche aus, eben auch auf diesen. Letztlich entscheiden aber die Trauernden selbst, welche Variante sie wählen.

Jana Leonhardt

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