Wenn das Bücherregal nur Tapete ist

Das LOG.OS-Logo

Das LOG.OS-Logo

Das Startup LOG.OS wappnet sich mit visionärem Ehrgeiz und viel Knowhow zum Kampf gegen die Kinderkrankheiten der E-Book-Branche.

Volker Oppmann ist einer der Gründer von LOG.OS, der zukünftigen Social Reading-Plattform, die gleichzeitig ein Marktplatz, ein Archiv und eine Online-Bibliothek sein möchte. In seinem Arbeitszimmer steht ein klassisches Bücherregal, obwohl er sich – wie es scheint – mit Leib und Seele den E-Books verschrieben hat. Als Verleger gestartet, fand er schnell seinen Weg in die Welt der Buch-Apps und E-Reader und baute für Thalia die erste Plattform für E-Book-Apps, textunes, auf.

Irgendwann ging ihm dabei ein „Kronleuchter“ auf, wie er im Interview mit Digitur sagt: „In der digitalen Welt, das heißt bei Kindle, iBooks und Co. gibt es keinen Unterschied mehr zwischen meinem privaten Bücherregal zuhause, der öffentlichen Bibliothek und meiner Buchhandlung um die Ecke. All das sind ,Cloud-Libraries‘.“ Für ihn hörte sich das aber nicht nach einer schönen, neuen und weniger komplizierten Welt an, sondern eher nach einem Grund zur Sorge: „In der digitalen Welt liegen damit all unsere Bücher sowie unsere privaten Daten lediglich auf einer Hand voll Servern, die internationalen Großkonzernen gehören.“ Das heißt im schlimmsten Fall: „Wenn wir zum Beispiel den Anbieter wechseln wollen, können wir unsere Bücher nicht mitnehmen. Das ist, als würde man bei einem Umzug bemerken, dass man statt eines Bücherregals nur eine Tapete mit Büchermuster an der Wand hat.“

Für Volker Oppmann war schnell klar, dass diese Kommerzialisierung von Kulturgut in der digitalen Welt verhindert werden muss. Gemeinsam mit Freunden und Kollegen aus der Branche wuchs im Mai 2013 die Idee zu LOG.OS. Eine zentrale Infrastruktur, die mit einem Minimum an wirtschaftlichem Eigeninteresse bei gleichzeitigem Maximum an Attraktivität für den Endkunden sicherstellen soll, dass uns Lesern – fernab von Konzerninteressen – Bücher bereitgestellt werden und auch zugänglich bleiben.

Der Hauptunterschied zu bisherigen Social Reading-Plattformen: Dort, wo man bisher nur über einen externen Link zum E-Book-Anbieter und damit zum tatsächlichen Buchinhalt kam, soll bei LOG.OS der Text direkt vorhanden sein. Volker Oppmann weiß, dass ihm bis zu diesem Ziel noch ein Berg an Arbeit bevorsteht. Denn die Verlage müssen von dem Modell erst einmal überzeugt werden, bei dem sie mit Lizenzvereinbarungen ihre Nutzungsrechte an LOG.OS und an den Leser umfassender abtreten als bei bisherigen Reading-Modellen.

Einen LOG.OS-Account soll (nach Wunschvorstellung der Gründer) ab Herbst 2015 jeder kostenlos erhalten, der digital lesen möchte und sich keine Sorgen um die Langlebigkeit seiner E-Book-Dateien machen will. Beim Lesen geht es, so Volker Oppmann, aber längst nicht mehr nur um ein „Kauferlebnis“. Bei E-Books spiele stattdessen das Leseerlebnis und damit die Software inzwischen eine immense Rolle. Die Möglichkeit vernetzt zu lesen, zu empfehlen, zu kommentieren, zu markieren und zu teilen gehört in einem Ökosystem wie LOG.OS deshalb zu den Grundrechenarten. Wer ein Buch liest, kann per Link oder Empfehlung auf ein anderes Buch stoßen oder selbst verweisen. Das wiederum lässt sich direkt als Leseprobe antesten und bei Gefallen im integrierten Shop kaufen.

Und weil in einem Ökosystem nicht nur eine Spezies lebt, sollen auch Verlage, Autoren und Laienrezensenten sich auf LOG.OS tummeln können. An den Einnahmen, die solche Player über LOG.OS generieren, könnte die Plattform anteilig mitverdienen. Ganz ohne Profit geht es nicht, denn LOG.OS ist ein Wirtschaftsunternehmen, das sich der Konkurrenz am Markt stellen und natürlich keine roten Zahlen schreiben will.

Trotzdem soll LOG.OS einer von den Guten bleiben. Der Trick für die dauerhaft weiße Weste:  LOG.OS wird eine Mischung aus einer Stiftung und einer GmbH: „Die Stiftung im Hintergrund soll das ganze Konstrukt gegen Übernahmen oder anderweitige Vereinnahmungen absichern und gemeinnützig halten.“ Aber könnte das eine staatliche Einrichtung nicht viel besser? Wozu ein privates Unternehmen schaffen, das dann doch wieder auf krumme Wege geraten könnte? „Eine staatliche Einrichtung wäre wahrscheinlich die beste Lösung. Aber man sieht ja an Glasperlenspielen wie der EUROPEANA, dass staatliche Einrichtungen gute Ideen oft schlecht umsetzen, sodass sie letztendlich nicht genutzt werden.“

Am Ende will LOG.OS sogar Amazon Konkurrenz machen. Ein ambitioniertes Ziel, wenn man bedenkt, dass ein Social Network nur funktioniert, wenn genügend Leute mitmachen. Aber Volker Oppmann ist zuversichtlich: „Ich glaube, dass es die beste Strategie ist, wenn man ein wirklich gutes Produkt entwickelt und seine Kunden ernst nimmt.“ Wir sind gespannt und drücken die Daumen.

Kristina Petzold

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