„Find your own voice!“
Beim Spitalfields Life Blog-Kurs

Spitalfields Life
CC BY-NC-SA 4.0 Katharina Graef

Spitalfields im Osten Londons steht heute für Trends in Sachen Mode und Lifestyle. Dass das nicht immer so war, dokumentiert The Gentle Author auf Spitalfields Life, einem Blog, das seit sechs Jahren täglich über das East End berichtet. Zwei Tage lang gab er/sie [der Blogger/die Bloggerin legt Wert auf Anonymität] einen Kurs mit dem Titel „How to write a blog that people will want to read“. Digitur Redakteurin Katharina war dabei und ist nun auf der Suche nach ihrer individuellen Blogger-Stimme.

Es ist halb 10 am Morgen. Das Wetter ist kein bisschen „typical British“, sondern sonnig und warm. East London macht sich fertig für ein perfektes Wochenende. Auf dem überdachten Spitalfields Market bauen die Händler ihre Stände auf. Die ersten Touristen stehen vor den Schaufenstern der umliegenden Modegeschäfte. Gegenüber die Christ Church, fotogenes Wahrzeichen von Spitalfields und geographischer Orientierungspunkt; daneben Town House, Geschäft, Galerie und Treffpunkt für den zweitägigen „How to write a blog that people will want to read“-Kurs, auf den ich über das Blog Spitalfields Life aufmerksam geworden bin. Was gleich auf mich zukommt, weiß ich nicht.

„On the internet you can be whoever you want to be“

Mit mir wollen sich 16 weitere (zukünftige) Blogger, viele davon haben die 50 schon überschritten, ein bisschen von der Kunst des Bloggers/der Bloggerin, der/die sich im Netz nur The Gentle Author nennt und trotz mehrerer erfolgreicher Jahre in der Blogosphäre und daraus hervorgegangenen Buchveröffentlichungen und Vorträgen seine Anonymität wahren kann, abschauen. Nach einem Tässchen Tee und einer kurzen Vorstellungsrunde steigen wir voll ein ins Tagesprogramm, das durch verschiedene aufeinander aufbauende Arbeitsaufträge den Weg zum Finden der eigenen Stimme beim Bloggen ebnen soll. Mir ist das alles („Finde einen Begriff zu jedem deiner Lebensjahre.“) erst mal ein wenig zu emotional und biographisch angehaucht, allerdings ist es spannend, auf diese Weise ein wenig über die Lebensläufe der anderen zu erfahren: So unterschiedlich, wie die beruflichen Hintergründe – von der Hausfrau bis zum Kriegsgebietsfotografen – sind auch die Motivationen, das eigene Blog aufzubauen, zu optimieren oder einfach nur bei diesem Kurs im Gespräch neue Themenideen für Beiträge zu entwickeln. Das beeindruckt mich, denn meine Ausgangsfrage scheint demgegenüber eher schlicht: Kann man Bloggen denn überhaupt Lernen?
Nach der ersten Irritation und den folgenden Aufgaben („Welche Person, welcher Autor spricht aus diesem Blogbeitrag zu euch? Wie ist der oder die so?“) wird mir klar, dass es bei „Find your own voice“ gar nicht darum geht, möglichst viele biographische Hintergrundinformationen als Blogger loszuwerden. Für the Gentle Author hat ein gutes Blog vielmehr mit einer starken Positionierung, einem Manifest zu tun: Die Leser sollen wissen, wer da warum etwas zu erzählen hat. Ein Gesicht braucht es dazu nicht, wie man in seinem/ihrem Fall erkennen kann – seine/ihre Blogposts haben manchmal um die 30.000 Klicks.

„A blog means writing in the moment“

"Create": Ein Wochenende voller Textarbeit. (Streetart an der Old Street) CC BY-NC-SA 4.0 Katharina Graef
„Create“: Ein Wochenende voller Textarbeit. (Streetart an der Old Street) CC BY-NC-SA 4.0 Katharina Graef

Tag 2 rückt ein wenig vom Schreiben ab, es soll um konkrete Blogideen gehen. Jeder hat hier ein Konzept, teilweise sogar fertige Texte und alles wird detailliert analysiert, bewertet und diskutiert. Mir macht das großen Spaß und doch frage ich mich, was denn dann jetzt die Besonderheit des Blogs gegenüber anderen Text- und/oder Publikationsformen ist. „Wann wird denn hier mal das Medium thematisiert?!“, fragt die Literaturwissenschaftlerin in mir. Fast gar nicht, denn für The Gentle Author ist Bloggen eine logische Fortsetzung vorheriger literarischer Traditionen – Tagebuch, Essay, Reisebericht und viele andere Formen werden vereint und bilden gleichzeitig neue Genres aus. Dazu sei die Möglichkeit des Austauschs mit den Lesern der schnellen Publikation eine große Bereicherung. „Ich bin mir sicher: Dickens wäre heute auch ein Blogger.“ Nach den insgesamt 13 Stunden Kurs, intensiver Textarbeit, Diskussionen, zwei vorzüglichen Lunch Breaks und viel schwarzem Tee verlasse ich Spitalfields nicht nur mit einem vollen Kopf, interessanten neuen Bekanntschaften, sondern auch mit einer eigenen Idee für ein „blog that people will want to read“ (− hoffentlich!).

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