Was Kaffee und Literatur gemeinsam haben

Bild: Theresa Müller

Durch ein kleines Fenster sieht man einen jungen Mann vor einer Kaffeemaschine mit einem Siebträger in der Hand stehen. Mit einer Drehbewegung befestigt er das Sieb an der Maschine. Frisch gemahlene Kaffeebohnen fallen in den Siebträger. Er stellt zwei Kännchen hin, in die der frische Espresso läuft. Danach nimmt er eine Packung Milch und gibt sie in ein Aufschäumgerät. In den Coffee-to-go-Becher füllt er langsam, als wäre jede Sekunde wichtig für das Aroma, die aufgeschäumte Milch, bis zum Rand. Mit beiden Kännchen in der Hand kippt er vorsichtig, aber doch routiniert, den Espresso in den Becher. Das Gemisch aus Milchschaum und Espresso quillt nach oben über den Becherrand ohne einen Tropfen zu verlieren. 120 Rubel (1,66€) kostet der Latte. Er wird durch das Fenster aus einem kleinen Kasten, in den gerade mal zwei Menschen hineinpassen, gereicht. Der Kasten steht an einer Straßenkreuzung in Sankt Petersburg.

In Sankt Petersburg gibt es wirklich verdammt guten Kaffee. Selbst in der kleinsten Kaffeebude. Cappuccino, Latte Macchiato, Espresso. Klein oder groß. Mit Sirup verschiedener Geschmacksrichtungen. Und nicht zu vergessen: was Kleines zum Essen. Filterkaffee sucht man vergebens. In Sankt Petersburg nehmen sich die Menschen Zeit für die Kaffeezubereitung. So wundert es auch nicht, dass in vielen Kaffeebars Regale voll mit Büchern stehen. Manchmal liegen Bücher durcheinander auf der Fensterbank in kleinen Cafés, in denen kein Platz für ein Regal ist. Unterwegs in Sankt Petersburg, eine Stadt, in der es an fast jeder Ecke im Zentrum nach Kaffee riecht, kommt mir der Gedanke, dass Kaffee und Literatur mehr gemeinsam haben, außer dass man ein Buch bei einem Kännchen Kaffee liest.

Die Kaffeebar ist ein typisches Phänomen der Erlebnisgesellschaft, deren Grundstein die umfassende Ästhetisierung unserer Lebenswelt ist. Angelehnt an das Bild des Wiener Kaffeehauses, das inzwischen als Kulturerbe von der UNESCO anerkannt ist, will das moderne Café das Interieur eines Künstlercafés vermitteln und zugleich einen Aufenthaltsort für den postmodernen digitalen Menschen bieten. Zwischen Bücherregalen sitzen die Menschen dann mit ihrem Cold-Brew-Kaffee vor ihren Laptops. Geredet wird nicht. Aufgeblickt auch nicht. Das stört aber nicht, sollen Kaffeebars schließlich auch ein Ort der Arbeit, der Konzentration sein. Und Kaffee dient der geistigen und körperlichen Fitness, in dem Sinne, dass Kaffee aufputschend wirken soll. Mal mehr, mal weniger. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts hieß es, dass Kaffee den Verstand schärfe und das Denken anrege. Für die Fabrikinhaber wurde der Kaffee zunehmend interessanter, denn sie sahen im Konsum eine Leistungssteigerung der Arbeiter. Die Kaffeepause wurde etabliert.

Bild: Theresa Müller
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In Sankt Petersburg stehen überall kleine Buden, in denen man Kaffee am Fenster bestellen kann. Mancherorts sieht man auch Kaffee-Autos, in deren Kofferräume eine High-Tech-Kaffeemaschine aufgebaut ist. Es sind vor allem Arbeiter und Arbeiterinnen, Geschäftsmänner und -frauen, die man dort stehen sieht. Einen Coffee-to-go und einen Riegel bitte. Dann geht es wieder weiter. Diese Kaffeebuden illustrieren unsere beschleunigte Gesellschaft. Oder auch: Der Coffee-to-go spiegelt die postmoderne Gesellschaft wider. Der moderne Mensch hat es eilig, doch auf Qualität möchte man nicht verzichten. Muss man auch nicht, denn selbst die kleinste Bude bietet eine große Auswahl an Kaffeegetränken. Und so bleibt man dann mal fünf Minuten an der Straße stehen und wartet auf den Becher zum Mitnehmen. Der Kaffee hat wie so vieles eine stetige Entwicklung mitgemacht. Während Kaffee in der Industriegesellschaft vor allem aufgrund seiner zweckgebundenen Eigenschaften getrunken wurde, wird er heute in der Konsumgesellschaft als ein Lebensstil vermarktet und konsumiert. In der Konsumgesellschaft tritt das Individuum in den Fokus und wird zugleich zur Ware, wie Zygmunt Bauman schreibt. Die Identität wird durch den Konsum maßgeblich mitgeprägt, weswegen auch die breite Auswahl an Kaffeesorten und Zubereitungsarten wichtig geworden ist.

Bild: Theresa Müller
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Der Kaffee dient der Produktivität und die Bar der Kreativität – so zumindest das Konzept der modernen Kaffeebar. Die Bücher, die in den Cafés liegen, sind Teil der Inneneinrichtung und des Lebensstils, der verkauft werden soll. Gelesen wird keines davon. Konsumiert wird meist nur noch in Häppchen. Zeit für eine lange Lektüre, wie es in den Wiener Kaffeehäusern noch üblich war, haben wir heute nicht mehr. Stattdessen scrollen wir auf unseren Handys kurz durch die Schlagzeilen, lesen vielleicht mal einen Text mit einer kurzen Lesedauer von sieben Minuten. Kaffee und Literatur passt heutzutage nicht mehr zusammen, so scheint es.

Die moderne Kaffeebar und auch der Coffee-to-go sind Sinnbild für eine Entwicklung, die sich gerade in der Literatur vollzieht. Wenngleich die Literatur ein Medium ist, dass sich immer etwas langsam die neuen gesellschaftlichen Prozesse aneignet. So spielt sich immer mehr Literatur im Netz ab, kommt teilweise direkt als Nachricht auf das Handy, sodass literarische Erzählungen häppchenweise und unterwegs gelesen werden können wie sogenannte Messenger-Storys, um nur ein Beispiel zu nennen. Auch analog findet man in vielen Städten inzwischen Literatur-Automaten, an denen die Passanten Literatur-to-go ziehen können. Wer es schafft, viel Inhalt und Kontext in einen kurzen Text zu verpacken – Hut ab. Die Literatur, oder besser gesagt der Literaturbetrieb, passt sich damit der Konsumgesellschaft zumindest in Teilen an. Das Social Web hat einen Wandel in den Lese- und Schreibgewohnheiten hervorgerufen. Manche Autoren verbringen heutzutage mehr Zeit auf Twitter, als an der „Schreibmaschine“ für den Roman. Und manche Werke, die in den Regalen der Buchhandlungen stehen, sind der reine Abdruck von Dreizeilern aus dem Internet – vielleicht auch infolgedessen. Ein Dreizeiler unter dem anderen. Doch manchmal sieht man sie noch: die, die sich die Zeit nehmen, bei einem Kaffee, einem ganz normalen Kaffee, ein Buch zu lesen. Auch in Sankt Petersburg, wo es überall verdammt guten Kaffee gibt. Nur keinen Filterkaffee.

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Theresa Müller

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