Über literarisches Schreiben auf Twitter

Bild: Theresa Müller

Das Schreiben hat sich  ins Digitale verlagert. Oder schreibt heute wer noch auf Papier Texte, die länger als eine Seite sind? Und auch die Publikationsmöglichkeiten für Schreibbegeisterte sind dank des Internets und einem stets wachsendem E-Book-Marktes (zumindest erweckt es den Eindruck) einfacher geworden. Inzwischen können Schreibende in Eigenregie und mit etwas finanziellem Aufwand ihre Werke per Mausklick veröffentlichen. Auch die sozialen Netze sind zu einem neuen Kreativ-Park für Literaten geworden. Okay, Plattformen wie Facebook und Twitter sind längst nicht mehr neu, dennoch gibt es immer wieder interessante literarische Projekte, die sich der kleinen Form oder Flash Fiction verschrieben haben.

Die Ein-Satz-Story ist im Grunde nichts Neues. Man denke nur an die Erzählung von Ernest Hemingway: „For sale: Baby shoes, never worn.“ Und 280 Zeichen, mehrmals täglich, ergeben irgendwann auch einen Roman. Das haben sich schon einige Schriftsteller gedacht und ihr Schreiben ins Internet auf Plattformen wie Twitter verlagert. Irgendwer nannte das dann „Twitteratur“. Genauer waren es Alexander Aciman und Emmet Rensin, die 2009 eine Textsammlung unter dem Titel „Twitteratur. The World’s Greatest Books Retold Through Twitter” veröffentlichten. Danach folgten Twitteratur-Projekte wie der Agentinnenroman „Black Box“ von Jennifer Egan. Andere Micro-Stories und Tweets von Twitter-UserInnen wurden im Nachhinein im Buchformat publiziert wie die von Ianina Ilitcheva, die unter @blutundkaffee über ihr Leben mit einer unheilbaren Hautkrankheit schrieb.

Der Reiz an Plattformen wie Twitter für kreatives Schreiben ist der Jetzt-Moment einerseits, und die Kurzlebigkeit andererseits. Schon viele Literaten haben versucht eine Poetik des Jetzt in ihrem Werk zu schaffen, doch waren sie immer an das analoge Medium Buch gebunden. In Rolf Dieter Brinkmanns oder auch Rainald Goetz’ Werken finden sich zahlreiche Aphorismen, die gewissermaßen eine Unmittelbarkeit zu vermitteln versuchen. In ihren Werken schimmert der Wunsch nach Kommunikation in Echtzeit durch. Doch als sich die neuen sozialen Plattformen auf den Laptops und Smartphones einnisteten, schien Rainald Goetz kein Interesse mehr daran zu haben. Im Gegensatz zu anderen Literaten, deren Schreibprozess die Leser auf Twitter mitverfolgen können wie bei Stefan Mesch. Die Kurzlebigkeit von Tweets bieten dazu einen neuen Spielraum. Nicht jeder Satz wird lange bedacht. Nein, einfach mal den Gedanken raushauen, egal wo man gerade unterwegs ist, ist vielmehr die Divise. Twitter bedeutet also auch Spontaneität im Schreiben.

„Heute blogge ich mal überlegt und poste den Artikel erst, wenn alle online sind, damit nicht wieder alles verpufft … ach, Unsinn, ich hau es jetzt gleich raus, mir doch egal, ob es jemand liest“  (Prärafaelitische Girls)

Christiane Frohmann hat in ihrem Werk „Präraffaelitische Girls erklären das Internet“ ebenjenes spontanes, unmittelbares Schreiben mit Gemälden aus der prärafaelitischen Zeit in Verbindung gesetzt. Analog vs. Digital. Ein kurzer Tweet vs. in Stunden gemaltes Gemälde.  Da stellt sich die Frage, geht das zusammen? Ja, aber es verändert die Wahrnehmung von Tweets, die sonst so schnell und nebenbei konsumiert werden. Wenn man diese Sammlung an Tweets, denen jeweils ein Gemälde gegenübersteht, liest, dann verweilt man für einen längeren Augenblick bei jedem Satz. Man nimmt sich Zeit, um die Sätze mit jenen viktorianischen Schönheiten, die aus der englischen Malerei des 19. Jahrhunderts stammen, in Verbindung zu setzen. Die prärafaelitsichen Girls, wie die Verlegerin Christiane Frohmann ihre Avatare nennt, sind kritisch unterwegs. Sie sind gegen die männliche Hierarchie oder Rechte im Netz und sie stellen die digital geframte Realität in Frage.

„Wisst ihr noch, damals 2030, als bildgebende Verfahren zeigten, dass junge Erwachsene ihre Kindheit instagramgefiltert erinnerten?“ (Prärafaelitische Girls)

Über die Gedanken der prärafaeltischen Girls kann man schmunzeln und zugleich fühlt man sich in gewisser Weise in seinem eigenen Online-Verhalten ertappt. Es sind schlagfertige Beobachtungen, die auch der Twitterlandschaft gut tun. Denn auf Twitter sind die prärafaelitschen Girls seit Oktober 2018 aktiv. Ein Stück Twitteratur, die Spaß macht.

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