Storytelling zwischen Literatur und Wissenschaft

Storytelling in allen Lebensbereichen. Bild: CCO pixabay

Die Storytelling-Plattform, oder auch Self-Publisher-Plattform, Wattpad löst sich aus ihrer rein digitalen Erscheinungsform und wird darüber hinaus zu einem haptischen Verlag. Die kanadische Plattform umfasst 565 Millionen Storys, und erfreut sich an 70 Millionen Lesern und Leserinnen, wodurch die Erweiterung auf Wattpad Books fast unumgänglich erscheint. Der Erfolg der Storytelling-Plattform verdeutlicht, wie gefragt diese Art des Erzählens ist. Schon lange hat sie sich aus dem reinen Bereich des literarischen gelöst und sich in weitere Branchen etabliert.

Storytelling betitelt grundlegend das Erzählen von Geschichten, doch darüber hinaus hat es viele Gesichter und Anwendungsgebiete. Literarisch betrachtet bezieht sich das Storytelling auf bestimmte Erzählmuster, die zum Beispiel ein Drama oder eine Romanze aufzeigt. Eindrucksvoll verdeutlich von der aufgestellten, klassischen Erzählstruktur eines Dramas: Exposition, steigende Handlung mit erregendem Moment, Höhepunkt und Peripetie, Fallende Handlung mit retardierendem Moment und der Katastrophe – aber genug von der Einführung in die Literaturwissenschaft, Bachelor, erstes Semester. Diese festgelegten Storylines werden bevorzugt in der populären Kultur ungefiltert ausgeweitet, auch auf Film und Fernsehen angewendet, man schaue nur mal eine Folge Gute Zeiten, Schlechte Zeiten. Die Literatur spielt schon länger mit dem Storytelling und so gibt es mittlerweile sogenannte „Real-time-Storys“ via Messenger, Digitur berichtete bereits über ein derartiges literarisches Phänomen.

Über die literarische Branche hinaus, hat sich vor allem die Werbung das Storytelling nahezu perfekt zu Eigen gemacht. Ganz nach dem Motto: Erkläre nicht das Produkt, sondern erzähle die passende Story dazu. Die erzählten Storys dienen dazu Emotionen an den potentiellen Kunden zu übermitteln. Sie erwecken Neugierde, denn bei einer Kaufentscheidung zählt nicht allein der Preis oder die Qualität von einem Produkt, sondern allen voran die jeweilige Geschichte, die ein Produkt erzählt. Ein Beispiel aus der Autoindustrie wäre der Mini, der die Wiedergeburt einer Legende ist oder Tesla, das Auto aus der Zukunft. Dabei besteht im Kontrast zum literarischen Storytelling lediglich die zu Verfügung stehende Länge der Geschichten. Während uns die Geschichte von Harry Potter in ausgeschmückten sieben Bänden präsentiert wurde, haben Werbespots eine gewisse Limitierung auf wenige Sekunden. Die Zutaten für einen Erfolg bestehen darin, dass es dennoch ein Held existiert sowie ein Konflikt und eine gewisse ein Dramaturgie. Social Media und Digitalität spielen ebenso eine entscheidende Rolle, denn wenn Emotionen transportiert werden, die dafür sorgen, dass die Story gern von den Adressaten weiterverfolgt wird, können die sozialen Netzwerke (Facebook, Instagram, Twitter) die Geschichte ausdifferenzieren und teilen. Daneben gibt es noch zahlreiche Bereiche, die Storytelling für sich abwandelt und einsetzt: Unternehmenskommunikation, Journalismus, ja sogar die Art und Weise wie wir unsere eigene Lebensgeschichte erzählen.

Spannend ist die Kontroverse in Bezug auf das Storytelling im Bereich der Wissenschaft. Wissenschaftliche Texte stehen unter der ständigen Bedrohung – falls sie zu unterhaltsam, zu lebendig sind – nicht mehr als wissenschaftstauglich zu gelten. Doch sollte nicht gerade das Feld der Forschung um jeden Leser kämpfen? Das moderne Magazin für Wissenschaft (Zukunft) behandelt diesen Konflikt, eben so wie die Plattform Wissenschaftskommunikation.de, die mit Tipps und Tricks Wissenschaftlern helfen wollen den richtigen Ton beim Storytelling zu treffen. Unumstößlich ist der Faktor, dass Storytelling zu einer höhere Medienpräsenz führt. Die erhöhte Sichtbarkeit innerhalb des Netzes bringt weiteren Nutzen für die Forschungsaktivitäten, der darin besteht, dass es Forschern und Forscherinnen leichter fällt einen nächsten Projektantrag durchzubringen. Problematisch wird dieser Trend jedoch für Forschungsrichtungen, die nicht mit einer spannenden, erzählerischen Seite aufwarten können. Diese könnten – falls sich ein Storytelling Zwang entwickeln sollte – abgehangen werden. Storytelling beinhaltet nicht alle Aspekte der realen Forschung und sollte nicht zur einzigen anerkannten Darstellungsform in der Forschung werden.

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