Roboterjournalismus – Wenn Fakten Wörter werden

Können Roboter besseren Journalismus? Foto: John Williams CC BY-NC-ND 2.0
Können Roboter besseren Journalismus? Foto: John Williams CC BY-NC-ND 2.0

Es klingt, wie aus der Gedankenwelt eines George Orwell: Roboterjournalisten, die Daten sammeln, daraus Texte produzieren, sie veröffentlichen und laufend aktualisieren. Und das alles in einem gefühlten Wimpernschlag. Im vergangenen Jahr sollen mehr als eine Milliarde Meldungen von Roboterhand geschrieben worden sein – alle Medien zusammengenommen können da nicht mithalten. Die Geschwindigkeitsmaxime im Online-Journalismus bricht alle Rekorde.

Der neue Kollege blickt emotionslos auf den Bildschirm, chromglänzende Finger fliegen förmlich über die Tastatur. Das Redaktionsbüro verlässt er nie, denn eine Zigarettenpause braucht er nicht. 90 Millionen Texte schafft er am Tag.

Zumindest letzteres verspricht Saim Alkan als Geschäftsführer der Stuttgarter Firma Aexea. Mit dem Slogan „Let us do the writing for you. Better. Faster. Automatic“ bietet die Softwarefirma maschinell generierte Texte an. Der Roboter sitzt damit zwar nicht in menschlicher Gestalt von Kopf, Händen und Füßen auf dem freien Platz gegenüber im Büro, dafür aber in Form einer Software im Computer genau vor der eigenen Nase.

Journalismus leicht gemacht

Diese Software erstellt aus einer Menge an Daten und einem bestimmten Algorithmus Texte am laufenden Band und im Hause Aexea derzeit sogar in elf verschiedenen Sprachen. Besonders nützlich ist die maschinelle Hilfe im Bereich des faktenbasierenden Journalismus wie in Wirtschaft und Sport. So werden Quartalszahlen und Prognosen von Unternehmen per Knopfdruck in einem nahezu natürlichen (fach)sprachlichen Duktus erstellt oder typische Textbausteine mit den neuesten Ergebnissen zu einem Sportbericht zusammengefügt. Nicht nur die großen Dienste wie der SID, auch kleinere Redaktionen wie das regionale Fußballportal FussiFreunde in Hamburg nutzen die neue Software. In diesem Fall ist es ein Programm der Firma Retresco, das die gesamte Vorberichterstattung für die 6. Kreisliga erstellt. Und es auf diese Weise überhaupt erst möglich macht, dass über diese Liga berichtet werden kann. Untere Spielklassen bekommen eine Plattform, die es vorher aus Kostengründen nicht geben konnte. Einfach zu viele Informationen warten darauf, weitergegeben zu werden. Warum dann nicht auf Roboterjournalismus zurückgreifen?

Effizienz, Präzision und Kostenersparnis. Diese Vorteile haben auch ausländische Mediendienste wie Forbes, die L. A. Times oder die AP als eine der weltweit größten Nachrichtenagenturen schon früher als in Deutschland für sich erkannt. Sie stützen sich größtenteils auf die Softwaretechnik der amerikanischen Marktführer Automated Insights und Narrative Science. Als in Los Angeles im März 2014 die Erde bebte, brauchte es nur drei Minuten, bis die erste Meldung der L. A. Times über Stärke, Uhrzeit und Epizentrum rausging. Die Software namens Quakebot greift dabei auf die Daten des U.S. Geological Survey zurück und fügt sie in die Leerstellen eines vorgefertigten Textes ein. Einfach und schnell.

Roboter: Helfer oder Konkurrent?

Die Nutzung von Roboterjournalismus ist eine Absage an die mühsame Faktenzusammenklamöserei. Zeitraubende manuelle Datenanalyse und dazugehörige Interpretation könnten dank maschineller Hilfe bald der Vergangenheit angehören. Aus Sicht der Entwickler kann so der oft eng getaktete Journalistenalltag von gleichförmiger Textarbeit befreit werden, von öder Textschusterei. Die Software sei dazu da, dass Journalisten aus Fleisch und Blut mehr Zeit für guten, investigativen Journalismus haben. Die wichtige Frage hinter dieser Arbeitserleichterung ist jedoch: Nimmt der Einsatz von Roboterjournalismus Arbeit ab oder Arbeit weg? Der Druck auf die Journalisten steigt, womit können sie sich im direkten Vergleich noch besonders hervortun?

Nach Aussage von Alkan für das Medienmagazin Zapp ist „die Maschine der beste Volontär, den man je haben kann. […] dem ich einmal etwas sage und danach tut es die Maschine auch.“ Die in dieser Aussage gefährliche Verflechtung von Mensch und Maschine muss bedenklich stimmen. Nicht die kreative, eigenständige Arbeit, die menschliche Fehler einschließt, wird dabei wertgeschätzt, sondern der Automatismus.

Unbegrenzte Möglichkeiten und ungewisse Zukunft

Gedanken machen sich auch die Journalisten selbst. Titel wie „Spielberichte aus dem Automaten“ (kressreport), „Nehmen Roboter allen Journalisten den Job weg?“ (FAZ) und „Texte in null Komma nichts. Der Roboterjournalismus muss nachdenklich machen“ (FAZ) zeigen, dass die Unsicherheit gegenüber dem Kollegen Roboter vielleicht nicht übermäßig groß, aber deutlich spürbar ist. Die Vorteile solcher Schreibprogramme liegen auf der Hand: Mehr schreiben als produzieren, mehr Inhalt als Content – wenn da nicht das Wörtchen „Stellenabbau“ durch den Sinn geistern würde und die Frage, wo das Ende dieses technischen Fortschritts liegt.
Die Software-Entwicklung steht zurzeit auf der Stufe des data storytelling, bei dem Synonyme, Syntax und Stil variiert werden können. Zwar sind diese Ergebnisse manchmal kaum von der Arbeit eines echten Journalisten zu unterscheiden (zum Selbsttest hier und hier), die Möglichkeit auf eigenständiges und kreatives Denken aber haben die Algorithmen nicht. Doch Roboter lernen schnell – bzw. so schnell, wie man sie lässt. Und für Kris Hammond von Narrative Science sind die Möglichkeiten beinahe unbegrenzt: „You can teach anyone or anything. To teach a system to speak ironically or to generate texts in an ironic form, you have to teach it that it’s another way to express a strong negative opinion.“ Seiner Ansicht nach könnten schon bald neben maschinellen Sport- und Erdbebenmeldungen auch Kommentare, Glossen und Essays möglich sein. Dann machen Roboter Meinung in einer berechenbaren Welt.

Noch lassen sich Algorithmen nur mit Fakten füttern, die einer routinierten Logik folgen. Die Spontanität, auf Unvorhergesehenes zu reagieren, bleibt das Privileg menschlicher Fähigkeiten. Nicht zu vergessen, dem Interviewpartner zur Begrüßung auch die Hand zu schütteln.

Olga Fink
Mensch oder Maschine
(Nichtzutreffendes bitte streichen)

P.S.: Ob Roboter auch Wortneuschöpfungen wie „Faktenzusammenklamöserei“ kreieren können?

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2 Gedanken zu „Roboterjournalismus – Wenn Fakten Wörter werden

  1. Erst mal vielen Dank an die (menschliche) Autorin für diesen sehr informativen Artikel.
    Zuvor war mir nämlich nicht derart bewusst, dass diese Form der Informationserschaffung überhaupt existiert und welche Auswirkungen der hier unter dem Namen gefasste „Roboterjournalismus“ hat bzw. haben könnte.

    Wie von Ihnen angesprochen, ist diese Art der publizistischen Arbeit ein zweischneidiges Schwert. Zu einem können journalistische Nischen in summa neu erschlossen werden, wie es beim regionalen Fußball durch FussiFreunde der Fall ist. Darüber hinaus sehe ich im Roboterjournalismus weitere Vorteile: Nachrichten werden wertfrei und mit den wichtigsten Informationen bestückt, verbreitet. Dies ist besonders wertvoll im Hinblick auf die zurzeit aktuelle Debatte, dass sich eine Mehrzahl von Rezipienten der großen Nachrichtenverlage von eben diesen entfremden bzw. die Wahrheit der bereitgestellten Auskünfte in Frage stellen. Zusätzlich liefert der Roboterjournalismus in krisenhaften Situationen (Erdbeben, Vulkanausbrüche usw.) die essentiellsten Informationen an die betroffenen Personengruppen und das in einer schier unglaublichen Geschwindigkeit. Des Weiteren, wie Sie ebenfalls ansprechen, birgt dies den Vorteil, dass sich menschliche Journalisten wieder vermehrt auf investigativen Wegen betätigen können.

    Kritisch im negativen Sinn spricht gegen den software-gestützten Journalismus die Tatsache, dass hierdurch Arbeitsplätze in der Nachrichtenbranche wegfallen könnten. Besonders für Berufseinsteiger birgt es ein hohes Risiko durch ein Computerprogramm ersetzt zu werden. Gerade in der heutigen Zeit in der viele Verlage aufgrund von schwindenden Leserzahlen bereits einen nicht zu verachtenden Sparkurs fahren. Blickt man jedoch auf die Unternehmerseite der Firmen, welche den Roboterjournalismus anbieten, muss man eingestehen, dass hier neue Arbeitsplätze entstehen.

    Schlussendlich werden die kommenden Jahre zeigen, welche negativen und positiven Folgen des ambivalenten Roboterjournalismus sich herauskristallisieren werden.

  2. Einen Punkt finde ich auch besonders spannend: Die von Ihnen angesprochene wertfreie Berichterstattung. Medienprofis und Zeitungsgurus können den Unterschied zwischen Computer und Mensch im Text wohl noch leicht erkennen. Die Uni München hat sich die Frage gestellt, ob das auch den Lesern gelingt. In einer Studie von Mario Haim (Kommunikationswissenschaftler) kam dabei eine 50%ige (!) Trefferquote raus. Und besonders interessant: Die „Robotertexte“ haben die Journalisten in Sachen Vertrauenswürdigkeit und Expertise überholt. Diese Texte wurden als objektiver, fairer, verlässlicher und fehlerfreier von den Lesern wahrgenommen.
    In einem Vortrag von Mario Haim können Sie noch mehr erfahren. Ich schließe mich auch seiner Einschätzung an: Der computergenerierte Text ist schon lange im Journalismus angekommen und verhilft dazu, den schier unbegrenzten Datenstrom zu sortieren. Die Frage ist nur, wie viel Verfügungsgewalt Algorithmen bekommen soll(t)en. (Stichwort aus dem Beitrag oben: „Roboter machen Meinung“).

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