lit.COLOGNE: Willkommen und genießen Sie den Abend!

„Heute hier – morgen auch. Cordula Stratmann und Bjarne Mädel wettern gegen den Reisewahn“ Bild: Joanna Meißner

„Die gute Nachricht: Noch gibt es 40% der Karten.“ – nach 24 Stunden Vorverkauf. Da denkt man doch wirklich, das ist Wahnsinn und fragt sich, warum die lit.COLOGNE ein so großer Publikumsmagnet ist… Die zahlreichen Lesungen der Literaturhäuser oder Bücherläden, die teilweise sogar kostenfrei angeboten werden, können da schon lange nicht mehr mithalten. Bei der lit.COLOGNE scheinen die Marketingstrategien besonders gut zu funktionieren, denn bereits im Dezember waren die meisten Karten schon verkauft. Wer den Vorverkaufsstart da nicht auf dem Schirm hat, geht schnell leer aus. Doch was bietet uns eigentlich die lit.COLOGNE, abgesehen von dem Gefühl bei einer DER Literaturveranstaltungen dabei gewesen zu sein? Entertainment? Wissensvermittlung? Kultur(erweiterung)? Nachdem wir im letzten Jahr einen Blick auf die klassische Wasserglas-Lesung bei der lit.COLOGNE geworfen haben, haben wir dieses Jahr zwei Themenabende besucht.

Pompöse Kronleuchter, volle Garderoben, warme Luft. Die Veranstaltungen sind bis in die letzte Reihe sehr gut besucht. Logisch, ausverkauft. Es geht um das Reisen und das Handwerk. „Heute hier – morgen auch. Cordula Stratmann und Bjarne Mädel wettern gegen den Reisewahn“, so der Titel der ersten Veranstaltung, die stark anfängt und dann doch etwas an literarischen Schwung verliert. Cordula Stratmann war es, die mit der Idee für diese Veranstaltung auf das Team der lit.COLOGNE zuging. Und so lässt es sich die Ideengeberin auch nicht nehmen, den Abend mit einer kurzen Diashow zu beginnen. Drei Fotos zeigt sie: ein blauer eintöniger Himmel, ein Teller mit braunem, matschigen Irgendwas auf Reis und ein Geschäftsmann vor einem Laptop sitzend. Dazu erzählt sie ironisch, wie diese Fotografien ihre schönsten und spannendsten Urlaubsmomente eingefangen haben – das muss gezeigt werden, das muss geliked werden. Die Kritik an dem gesellschaftlichen Umgang mit „Urlaub“ und welche Bedeutung wir diesem zuschreiben wird deutlich und humorvoll inszeniert. Von diesen Urlaub-in-Szene-Setzern kennt ja auch jeder genügend auf Facebook & Co. und man kann es nicht schon wieder ertragen, wenn bei der nächsten Familienfeier stundenlang Fotos, inklusive jedem Schnappschuss und den zehn Fotos des immer gleichen Motivs, von Reisen angeschaut werden. Man investiere so viel Geld in das Eigenheim und die Inneneinrichtung, um sich dann elf Monate im Jahr mit der Reiseplanung zu quälen, um dann festzustellen, dass der Urlaub langweilig und daheim alles besser sei, so Cordula Stratmann. Warum also unnötig Geld ausgeben, wenn Balkonien doch viel schöner sein kann, so der Ausgangspunkt des Abends. Nach einer langen Einführung wird der Schauspieler Bjarne Mädel begrüßt, der im Laufe des Abends einige Ausschnitte aus Werken von Reise-Gegnern wie Theodor Fontane, Gottfried Benn, David Forster Wallace oder Sven Regener lesen wird. Angeschlagen von einer Erkältung wirkt Bjarne Mädel leicht abwesend, zeigt aber trotzdem sein Können als Sprecher. Die literarischen Texte wurden ausgewählt von den Machern des Theaters im Bauturm, die eine durchaus gelungene Auswahl getroffen haben. Zwischen den Texten erzählt vor allem Cordula Stratmann von ihren Urlaubserfahrungen, um zu  entertainen und zugleich zum nächsten Kapitel überzuleiten. Der angeschlagene Bjarne Mädel hält sich dabei ruhig zurück, während seine Sitznachbarin zur Höchstform aufläuft. Dabei greift Cordula Stratmann auf recht einfache Methoden zurück, die wir aus dem Genre des Poetry-Slams kennen. Sie spielt mit Klischees und Stereotypen und wettert sozusagen gegen den Reisewahn, indem sie sich über Andere lustig macht, verpackt in einer sich wiederholenden Satzstruktur: Klischee A wird genannt, welches alle kennen, dann folgt ein Satz beginnend mit „und ich so…“, woraufhin sie sich mit dem Publikum über die Muster A ausführende Person lustig macht. Das Publikum scheint sich sehr unterhalten zu fühlen, doch wird das Thema Reisen nur oberflächlich und zaghaft berührt. Das scheint ein generelles Problem der Themenabende der lit.COLOGNE zu sein. Die Themen wie das Reisen oder das Handwerk, werden immer nur angefasst, aber nicht aufgeschnitten – vielleicht liegt das an dem Festivalformat, vielleicht auch an den Erwartungen des Publikums.

Eine ähnliche Erfahrung habe wir bei der zweiten Veranstaltung gemacht. „‘Zur Not flexen wir das weg.‘ Vom Andübeln, Holzstechen und Bleistiftspitzen – ein Lob auf das Handwerk“ mit Knut Elstermann, Annette Frier und Peter Lohmeyer. Was gut begann, endete auch hier mit einem großen WARUM im Kopf. Die große Klammer des Abends ist das Handwerk. Keramik, Möbel, Häuser. Und auch ein theoretischer Ansatz sollte hier nicht fehlen. Richard Sennets Theorie über das Handwerk wird gleich zu Beginn in den Raum geworfen. Es gehe auch um Entfremdung an diesem Abend, schließlich verlieren die Menschen immer mehr ihr Handwerk, was unterschiedliche Ursachen wie die technische Entwicklung habe, so der Moderator Knut Elstermann. Eine Veranstaltung, die es sich nicht zur Aufgabe gemacht, nur zu unterhalten, sondern auch eine Diskussion anzuregen – endlich. Doch nach drei Sätzen entschuldigt sich Knut Elstermann für seinen theoretischen Einschub und dreht sich zu Annette Frier um: „Und, welche Möbel hast du so zuhause stehen?“ Unterhaltsam erzählen Annette Frier und Peter Lohmeyer von ihrer Inneneinrichtung und dem Versuch Ikea-Betten zusammenzubauen. Wie Ikea-Betten und Richard Sennett zusammenpassen, erfährt man leider nicht.  Die Auswahl der literarischen Text an diesem Abend ist vielfältig und gut gewählt, von Kurt Tucholsky bis zu Lars Myttings der Mann ohne Holz. Und ohne Frage lesen die Schauspieler die Textausschnitte hervorragend, wenn auch mit manchen Stolpersteinen, die, als wäre es gewollt, für eine gute Stimmung im Publikum sorgen. Und weil es scheinbar nicht genug ist, sich auf die literarischen Texte zu konzentrieren, wird nach einer dreiviertel Stunde der Korbflechter Fred Jacob auf die Bühne geholt. Neben einer Kamera sitzend, die auf seine Hände ausgerichtet ist, fängt er an einen Korb zu flechten. Das wird groß auf eine Leinwand hinter den Schauspielern projiziert. Er sei extra aus Berlin eingeflogen, um sein Handwerk zu zeigen, heißt es. Warum seine Arbeit an diesem Abend im Mittelpunkt steht, beantwortet der Berliner kurz und ehrlich mit: „Dit it einfach toll, wat zu machen, wat ken anderer kann.“ Das nimmt man ihm so auch ab, auch angesichts seiner ausgefallenen Werke, für die er bekannt ist. Mir stellt sich dabei jedoch die Frage: Warum braucht diese Veranstaltung einen Korbflechter auf der Bühne? Stirbt das Handwerk aus, oder was ist die Message dieser Aktion? Und was ist eigentlich mit dem Handwerk des Schreibens? Sollte es nicht bei der lit.COLOGNE darum gehen? Abgesehen davon, dass der letzte Text vom Anspitzen eines Bleistifts handelt, wird die weite Klammer „Handwerk“ letztlich doch sehr eng gehalten. Es wird  nur das Handwerk im physikalischen Sinne thematisiert. Bei Veranstaltungen, die nur häppchenweise Literatur aufbereiten und bei denen die Schauspieler im Mittelpunkt stehen, geht es wohl doch in erster Linie um Unterhaltung. Und der Korbflechter? Der hat es geschafft in den noch folgenden 45 Minuten, zur Unterhaltung und unter Beobachtung des Publikums, einen Korb zu flechten. Was Marx wohl dazu gesagt hätte?

Theresa Müller

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