Wenn der Algorithmus zum Lektor wird

Screenshot von inkitt.com

Woran erkennt man einen Bestseller? Eine Frage, die sich jeder Lektor stellen muss, wenn er die unzähligen eingesandten Manuskripte durchblättert. Dabei werden oft Werke mit Potential übersehen. Selbst weltweite Erfolge wie die „Harry Potter“-Reihe oder Stephen King’s Debütroman „Carrie“ wurden von mehr als nur einem Verlag abgelehnt.

Letztendlich wollen Verlage die Bücher veröffentlichen, die bei den Lesern gut ankommen. Doch das Urteilsvermögen einzelner Personen kann hier zuweilen danebenliegen. Sollten es dann nicht eigentlich die Leser selbst sein, die entscheiden, ob ein Buch veröffentlicht wird oder nicht? Diese Frage hat sich das Berliner Start Up Inkitt gestellt und daraufhin ein Modell entwickelt, bei dem Bücher per Datenanalyse veröffentlicht werden.

Inkitt bietet eine Social Reading Community ähnlich wie Wattpad über die Autoren ihre Werke kostenlos zum Lesen anbieten. Doch das ist erst der Anfang, denn über jedes veröffentlichte Buch werden Daten gesammelt: Von wie vielen Leuten wird es gelesen? Wie reagieren Leser auf das Buch und wie häufig wird es kommentiert? Das alles sind Faktoren, die voraussagen können, ob ein Buch ein Erfolg wird oder nicht. Errechnet der Algorithmus, dass ein Buch bei den Lesern gut ankommt, erhält der Autor ein Vertragsangebot. Dabei versucht Inkitt in erster Linie das Buch bei großen Verlagen wie Penguin Random House oder Harper Collins unterzubringen. Sollten die kein Interesse an einer Veröffentlichung haben, gibt Inkitt das Buch selbst als Ebook raus.

Ist datenbasiertes Verlegen die Zukunft?

Ob das Konzept tatsächlich funktioniert, ist noch abzuwarten. Erst 2017 erscheint der erste Titel, der über den Inkitt-Algorithmus ausgewählt wurde, in einem Verlag. „Bright Star“ heißt der Fantasy-Roman der US-amerikanischen Autorin Erin Swan, der von Tor Books herausgegeben wird. Wer den ersten Teil der Sky-Riders-Trilogie vor Verlagsveröffentlichung lesen möchte, kann ihn noch immer kostenlos auf Inkitt einsehen und sich selbst ein Bild davonmachen, ob die Computer eine gute Wahl getroffen haben.

Inkitt Gründer Ali Albazaz ist sich sicher, dass datenbasiertes Verlegen das Verlegen der Zukunft ist. Tatsächlich ist sein Modell ein gutes Beispiel dafür, wie Verlage von der Digitalisierung profitieren können. Doch ob sich die Bestseller-Auswahl auf Grundlage von Algorithmen wirklich flächendeckend durchsetzt, ist fraglich. Schließlich hängt der Erfolg eines Buches von mehr als nur dem Zuspruch des Publikums ab. Um eine große Masse zu erreichen, muss eine Geschichte außerdem gut vermarktet werden. So kann es nicht nur sein, dass Bücher, die auf Inkitt zunächst gut ankamen, auf dem großen Markt scheitern. Auch auf der Plattform selbst sind Autoren im Vorteil, die sich gut zu vermarkten wissen.

Von Johanna Böhnke

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