Erzählen im digitalen Raum

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„Bitte klicken“

Erzählt wird seit Jahrhunderten: am Lagerfeuer, in Bauernküchen, in Büchern, im Radio und im Fernsehen. Und natürlich auch im Internet. Aber was genau ist eigentlich das besondere an digitaler Literatur und was unterscheidet sie von der Printliteratur?

Das herkömmliche Literaturverständnis ist von der Trias Autor – Text – Leser geprägt. Zwar haben poststrukturalistische Theoretiker wie Foucault, Barthes und Derrida schon lange den Tod des Autors und die Auflösung des Werks verkündet, im Literaturbetrieb wird jedoch heute mehr denn je der Name des Autors gehypt und im Kampf um das Urheberrecht stark gemacht. Die digitale Literatur setzt sich von dieser Dreifaltigkeit ab, indem sie mit den Voraussetzungen des Internets spielt und dafür auf Druckbarkeit und Vermarktung verzichtet.

Der Begriff ‚digitale Literatur‘ lässt sich in den Kontext von Netzliteratur und Hypertextliteratur einordnen, die um das Jahr 2000 von der computeraffinen Literaturwissenschaft als Verwirklichung des Poststrukturalismus gefeiert wurden. Roberto Simanowski sieht dabei „vier Abtrünnigkeiten von der Ästhetik traditioneller Literatur“: Erstens spielt die visuelle Ebene eine wichtige Rolle und verleiht der Materialität der Zeichen Bedeutung. Plötzlich entstehen Fragen zur Platzierung der Schrift, zu ihrer Farbigkeit oder zu ihrer Fexibilität und Bewegung im Raum. Weitergeführt geht es dann um die Verwendung multimedialer Formen und Formate. Zudem entsteht – gerade bei der Hypertextliteratur – durch die Möglichkeit der Interaktion des Lesers mit dem Text eine Nicht-Linearität. So kann der Leser beispielsweise durch die Entscheidung für oder gegen das Anklicken von Links im Text die Geschichte beeinflussen. Es entstehen also Verzweigungen und Weggabelungen. Zwar gibt es auch schon vor der Entstehung des Computers Beispiele für nicht-lineare Texte – beispielsweise Cortázars Rayuela oder Queneaus Cent Mille Milliards de Poèmes –, aber das Internet, das durch seine Netzstruktur das prädestinierte Medium für diese Form ist, hat die Hypertextliteratur auf eine neue Ebene gehoben. Allerdings wird die Möglichkeit der Interaktion kontrovers diskutiert: Von ihren Verfechtern wird sie als Befreiung von der Alleinherrschaft des Autors gepriesen, ihre Gegner verweisen auf den Verlust der Immersion, also das Eintauchen in eine Geschichte. Noch interaktiver als die Entscheidung für bestimmte Links sind Mitschreibprojekte, bei denen eine kollektive Autorschaft einen Text schafft. Man spricht in diesem Fall von der Entstehung von Prosumenten (ein Neologismus aus Produzent und Konsument), also von Laien, die selbst aktiv werden und mitgestalten.

Im Zuge der Öffnung und Kommerzialisierung des World Wide Webs ab 1995, die mit der Entstehung von Social Media Hand in Hand geht, wird die Position der Prosumenten gestärkt, die durch technische Entwicklungen auch immer intermedialer aktiv sein können. Dadurch erklärt sich, dass die Hypertextliteratur im Web 2.0 von anderen Arten des Geschichtenerzählens abgelöst wurde. Eine davon ist das Digital Storytelling, also das multimediale Erzählen einer meist persönlichen Geschichte. Dieses Format wurde zunächst stark im edukativen Sektor verwendet, heute entdecken jedoch auch Journalisten und Verlage sein Potenzial. Zwei Projekte, die von sich selbst behaupten, Digital Storytelling zu betreiben, sind We Are Angry und The Travel Episodes. We Are Angry ist eine von der Multimedia-Produktionsgesellschaft Digital Fables entwickelte Plattform, die als Reaktion auf die Vergewaltigungsskandale in Indien entstand und dabei von den zahlreichen medialen Verarbeitungen und Dokumenten profitiert, die die Produktion einer „360 degree digital fiction“ ermöglichen. The Travel Episodes ist vom Piper Verlag in Zusammenarbeit mit dem Blogger Johannes Klaus ins Leben gerufen worden, um die Präsentation von Reiseberichten durch eine multimediale Präsentation interessanter zu machen.

Ob nun Hypertextliteratur oder Digital Storytelling, es zeigt sich, dass die Literaturwissenschaft sich im Zuge der Digitalisierung durch die Konfrontation mit ständig neuen Erzählformen, unklaren Begrifflichkeiten und neuen Forschungsfeldern kontinuierlich neuen Herausforderungen stellen muss.

Esther Kalb

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