„Digital ist besser“

Dirk von Gehlen (Foto: Gerald von Foris)
Dirk von Gehlen (Foto: Gerald von Foris)

… war Dirk von Lowtzow (Tocotronic) schon 1995 bewusst. Anno 2015, zwanzig Jahre später, weiß auch Otto Normalverbraucher die Wichtigkeit des digitalen Kos-mos zu schätzen. Aber die Hintergründe der Digitalkultur, des digitalen Schreibens, bleiben den meisten Internetnutzern verborgen. Dem versucht Dirk von Gehlen, Journalist, Autor (Mash-Up; Eine neue Version ist verfügbar) sowie Leiter von ‚Social Media/Innovation‘ bei der Süddeutschen Zeitung, entgegenzuwirken.
In einer Videokonferenz, die am 4. Februar 2015 im LuM-Seminar „Literatur in digitalen Medien“ von Dr. Thomas Ernst stattfand, beschäftigt sich Dirk von Gehlen mit der Bedeutung des Online-Schreibens. Zudem geht er auf die Frage ein, was einen guten Online-Journalisten ausmacht und wie man zu einem wird. Dazu stellte er sein Hashtag #journo2014 vor, mit dessen Hilfe er zahlreiche Rückmeldungen und Ratschläge von Kollegen zu diesem Thema gesammelt hat. Für von Gehlen haben sich vor allem vier Empfehlungen für angehende Online-Journalisten herauskristallisiert:

1. Analysiere die Lage
Die Lage zu analysieren ist insofern wichtig, als dass sich der Journalismus in Zukunft noch weiter verändern wird. Die Richtung dieser Entwicklung kennt heute aber noch niemand so genau. Aus diesem Grund ist es von großer Bedeutung, die derzeitige Situation zu analysieren und die neuen Möglichkeiten auszuprobieren. Hierbei ist vor allem der mediale Übergang vom Papier als Trägermedium zum digital darstellbaren Textcode zu nennen, denn dadurch wird die veränderte Distribution von Inhalten besonders deutlich.

2. Sei bereit, Fehler zu machen
Fehler zu machen ist relevant, da nur im Ausprobieren die Möglichkeit eröffnet wird, etwas in einem neuen Umfeld zu erlernen. So sehr sich digitales Schreiben auch in den Alltag integriert haben mag, ist es dennoch ein in weiten Teilen unbeschritte-nes Terrain, da sich die wenigsten Nutzer mit den Hintergründen digitalen Schrei-bens beschäftigen. Fehler müssen gemacht werden, um Neues entdecken zu kön-nen. Das heißt: Nicht nur aus Fehlern lernen, sondern auch bereit sein, sie zu be-gehen.

3. Denke digital
Dirk von Gehlen bezeichnet die Printmedien als ‚Rampenmedien‘, die Nachrichten zu den Leser transportieren, während er das Internet als einen ‚Begegnungsraum‘ begreift. Mit diesen Metaphern will er zeigen, dass sich die journalistische Kommu-nikationssituation nachhaltig verändert hat. Auch das Lesen verändert sich im digi-talen Raum, denn das digitale Lesen ruft soziale Interaktion hervor und wird so zu einem Gemeinschaftserlebnis. Für das digitale Denken ist der Wunsch nach Gestal-tung ein wichtiger Aspekt. Das Dargestellte soll verstanden werden. So gehört zu einem digitalen Text nicht nur die Oberfläche, sondern auch seine Metadaten.

4. Mach deine Hausaufgaben
Was wir tun, ist zu Beginn immer erst das Handwerk. Wir probieren anfangs aus, um dann einen Weg zu finden, das Handwerk auf die richtige Weise anzuwenden. Die Frage, was das mit Literatur zu tun hat, versucht Dirk von Gehlen durch das Pumuckl-Video „Der erste Schnee“ (von 6:45-ca. 9:00) zu beantworten. Dieser ‚erste Schnee‘ wird als Metapher genutzt – Pumuckl schaut den Schnee auf dieselbe Art und Weise an, wie wir digitale Texte betrachten: oberflächlich. Dieser ‚Neuschnee‘ findet sich vor allem im Digitalen, denn im Internet herrschen andere Bedingungen. Der Text verändert, genau wie der Schnee im Pumuckl-Video, seinen Aggregatzu-stand: er schmilzt. Auch der Zustand digitaler Texte ist für den Laien verschwom-men. Dass digitale Texte jedoch eine weitere Ebene besitzen und man die ihnen zugrunde liegenden Codes sichtbar machen kann, ist für die meisten Nutzer un-sichtbar. Doch gerade durch diese Text-Vielschichtigkeit eröffnen sich neue Möglichkeiten.

Everything that can be software will be…
Auch Kultur und Kunst verändern sich im digitalen Raum. Als Beispiel führt Dirk von Gehlen die Startseite eines Microsoft Word-Textdokuments an. Dieses soll ein DIN-A4-Blatt in einer Schreibmaschine darstellen. Warum muss die Word-Oberfläche aber unbedingt so aussehen wie ein Blatt Papier? Die digitalen Publika-tionsmöglichkeiten beziehen sich an vielen Stellen noch immer auf die Metaphorik des Papiers. Es handelt sich dabei jedoch vor allem um die mangelnde Bereitschaft Veränderungen anzunehmen und die damit zusammenhängende Furcht vor Neu-em und Veränderung. Die nostalgische Vorstellung einer Schreibmaschine sollte verfallen, denn Digitalisierung bedeutet eine Veränderung des Aggregatzustands. Der Text ist als Software zu verstehen, und das gilt auch für die Kultur.
Auch bedeutet nach Dirk von Gehlen eine Kopie keinen Raub am Original, sondern die Schaffung von Metadaten. Die Vorstellung, ein Buch sei das, was zwischen zwei Buchdeckeln steckt, muss aufgelöst werden. Das heutige Buch ist ein versioniertes, flüssiges, prozesshaftes Produkt. Durch das digitale Kopieren entstehen neue Kontexte, die untersucht werden müssen und neue Möglichkeiten schaffen. Eine Kopie bedeutet also nicht unbedingt etwas Schlechtes. Durch die Digitalisie-rung kann der Content nicht mehr als abgeschlossener Monolith gedacht werden. Die Nutzer können kollaborativ durch Kommentare und Annotationen neue Werte schaffen.
Dirk von Gehlen schloss seine Ausführungen und die Diskussion mit dem LuM-Seminar mit einem Appell: Die Digitalisierung sollte nicht als Gegner nostalgischer Verfahren betrachtet werden, sondern als Möglichkeit, sich von zu festen Fesseln zu lösen und neue Blickwinkel einzunehmen und Herangehensweisen auszuprobieren.

Ann-Kristin Pott

 

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2 Gedanken zu „„Digital ist besser“

  1. Wie alles im Leben ist auch Journalismus und besonders dieser im digitalen Zeitalter/Kontext Veränderungen unterworfen, doch ist man sich diesen Wandelungen nicht immer bewusst oder man möchte sich diesen nicht gewahr werden. Hier zeigt Dirk von Gehlen einen guten Ansatz auf, wie man sich als Online-Journalist verhalten sollte, um in der sich stetig veränderlichen digitalen Welt professionell zu bleiben.

    Besonders den Punkt – Sei bereit, Fehler zu machen – möchte ich nochmals hervor heben. Der jeweilige Autor einer Nachricht sollte bzw. muss mutig genug sein Fehler in kauf zu nehmen. Von noch größerer Bedeutung ist allerdings Fehler auch zu zugeben, denn dies zeugt davon, dass der Journalist reflektiert mit seiner Arbeit umgeht und somit auch für den Konsumenten eine gewisse Art von Authentizität ausstrahlt.

    Kritisch hingegen sehe ich die Aussage “Die nostalgische Vorstellung einer Schreibmaschine sollte verfallen, denn Digitalisierung bedeutet eine Veränderung des Aggregatzustands”. Es ist eindeutig, dass man für innovative Ansätze immer offen sein sollte, jedoch muss man sich dem auch bewusst werden, dass Neues nur aus Altem enstehen kann und somit die Schreibmaschine oder das Papier als wichtiger imaginärer Bezugspunkt für den Autor und Leser dient, um sich in der schier unaufhörlichen Flut von Informationen des Internets zu recht zu finden.

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