Alles steuert die Musik — Wenn die Kunst aus dem Netzwerkverteiler kommt

Damen und Her­ren des Chor­Werk Ruhr
© Tho­mas Jauk, Sta­ge Pic­tu­re

Schau­spiel­in­ten­dant Kay Voges insze­niert erneut eine Oper. Nach sei­nem viel dis­ku­tier­ten Opern­de­büt Tann­häu­ser und der Sän­ger­krieg auf Wart­burg und Der Frei­schütz an der Staats­oper Han­no­ver geht er in Dort­mund in die nächs­te Run­de. Seit dem 23. April 2017 steht die Mini­mal Oper Ein­stein on the Beach von Robert Wil­son und Phil­ip Glass auf dem Spiel­plan. Musi­ka­li­sche Unter­stüt­zung bekommt der Regis­seur die­ses Mal vom Chor­Werk Ruhr und Flo­ri­an Hel­ga­th, der die musi­ka­li­sche Lei­tung über­nimmt.
Jüngst wur­de Voges’ Insze­nie­rung Die Bor­der­li­ne Pro­zes­si­on zum Thea­ter­tref­fen 2017 in Ber­lin ein­ge­la­den. Nach der erfolg­rei­chen Theater-, Musik-, Kunst- und Film­in­stal­la­ti­on erfolgt nun das nächs­te media­le Gesamt­kunst­werk. Dass sich der Ein­satz digi­ta­ler Tech­nik schon seit eini­gen Jah­ren sei­nen Weg auf Deutsch­lands Thea­ter­büh­nen bahnt, stellt wohl nie­mand mehr in Fra­ge. Jedoch zu zag­haft, wie der bri­ti­sche Thea­ter­ma­cher Mar­cus Romer zuletzt noch im Zuge der Tagung des größ­ten euro­päi­schen Thea­ter­netz­werks ETC kri­ti­sier­te. Die Steue­rung beschrän­ke sich bis­her meis­tens auf Licht, Ton und Büh­nen­tech­nik, so Romer.

Und als hät­te Voges dar­auf eine Ant­wort gefun­den, lau­tet sein Schlacht­plan in sei­nem gegen­wär­ti­gen For­schungs­la­bor: „Alles steu­ert die Musik“. „Lan­ge unter­la­gen die Auf­füh­rungs­rech­te Glass oder Anhän­gern von Glass, Dort­mund darf als ers­te Spiel­stät­te nach eige­nem Kon­zept insze­nie­ren“, ver­rät Dra­ma­turg Georg Hol­zer. Ein­stein on the Beach zählt zu den mar­kan­tes­ten Opern des 20. Jahr­hun­dert, obwohl ein wich­ti­ges Ele­ment fehlt: eine zusam­men­hän­gen­de Geschich­te. Die Ebe­ne einer typi­sch dra­ma­tur­gi­schen Kau­sa­li­tät ent­fällt und statt­des­sen rei­hen sich Asso­zia­tio­nen anein­an­der, es ent­steht eine Art Hap­pe­ning. Klang, Spra­che und visu­el­ler Ein­druck ver­ein­heit­li­chen sich. Die Tex­te wer­den eher zu einem Rhyth­mus von Spra­che und ver­schmel­zen mit der Musik, der Gesang wird in Form von Daten wei­ter­ver­ar­bei­tet und visu­ell umge­setzt. Die Stim­men der Sän­ger wer­den über ver­schie­de­ne Kanä­le als Signal gesen­det und kön­nen ver­schie­de­ne Pro­zes­se trig­gern.

Mit von der Par­tie sind wie­der Medi­en­künst­ler vom Schau­spiel Dort­mund und aus Ber­lin, die bereits ver­gan­ge­nen Som­mer ange­fan­gen haben für die Insze­nie­rung zu pro­gram­mie­ren. „Mit einem Com­pu­ter Videos abzu­spie­len ist ja mitt­ler­wei­le Stan­dard­ware, aber wir woll­ten was ande­res machen in Ver­bin­dung mit der Musik. Und dann kam schnell der Gedan­ke, dass Audio­reak­ti­vi­tät zum Prin­zip die­ser Insze­nie­rung wer­den soll. Alles hängt mit­ein­an­der zusam­men und das, was ent­steht, ist nicht nur ein Abspie­len von Videos, son­dern wenn ein Ton gespielt wird, soll die Fre­quenz visu­ell sicht­bar wer­den“, erklärt Medi­en­künst­ler Mario Simon vom Schau­spiel Dort­mund.
Es gibt kein Sam­ple, das wie­der­holt wird, statt­des­sen erzeu­gen die Mit­wir­ken­den, die Wie­der­ho­lung zu jeder Auf­füh­rung erneut und das bedeu­tet Arbeit. „Ich bin mir dar­über bewusst, dass die­se Insze­nie­rung einen Kraft­akt bedeu­tet und ich will, dass man am Ende die Arbeit und die Anstren­gung in den Gesich­tern der Sän­ger sehen kann“, so Voges. Neben vor­her auf­ge­nom­me­nem Footage-Material erfolgt die­se Sicht­bar­ma­chung auf der Büh­ne (Pia Maria Mackert) mit­hil­fe von ver­schie­de­nen Kame­ras. Neben PTZ-Kameras (Pan-Tilt-Zoom-Kameras) und einer Live-Kamera, lie­fern Kinect-Kameras Tie­fen­in­for­ma­tio­nen, die wie das ande­re Mate­ri­al mani­pu­liert und durch vor­he­ri­ge Pro­gram­mie­rung ver­än­dert wer­den kön­nen.

Andre­as Beck, Damen und Her­ren des Chor­Werk Ruhr, Raa­fat Daboul (Hirn)
© Tho­mas Jauk, Sta­ge Picu­tre

Auch die Kos­tü­me (Mona Ulrich) wer­den teil­wei­se über die Musik gesteu­ert. Der Chor trägt zunächst LED-Stripes, die auf Bodys befes­tigt sind. Je nach­dem was gesun­gen wird, ent­ste­hen ver­schie­de­ne Mus­ter auf den Kör­pern der Chor-Solisten. Ähn­li­ches gilt bei den Panzer-Kostümen, die ihre Licht­stär­ke je nach Gesangs­in­ten­si­tät vari­ie­ren kön­nen und per WLAN ansteu­er­bar sind.

Wer sich selbst einen Ein­druck von den klin­gen­den Bil­dern machen möch­te, kann dies noch am 28.4., 04.05., 13.05. und 04.06. tun, denn wie es zu Beginn der Auf­füh­rung schon in der Über­ti­te­lung heißt: Es gibt nichts zu ver­ste­hen, aber viel zu erle­ben.

Chan­tal Otter­bein

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